Kategorie: Pause. Punkt.

Diese Texte entstehen aus Momenten des Innehaltens – mitten im Leben.
Hier geht es nicht um Entschleunigung als Programm, sondern um kurze Unterbrechungen, die gut tun.
Kurzgeschichten, Gedanken, Miniaturen oder auch mal Reimgedichte für Menschen, die zwischendurch kurz ausruhen – oder aussteigen? – möchten, ohne gleich alles ändern zu müssen.

Die Texte sind

  • kurz

  • beobachtend

  • ohne Geschichte

  • ohne Entwicklung

  • eher ein Gedanke als ein Erlebnis

  • Welttag der Poesie – ein Blick ins Poesiealbum

    Welttag der Poesie – ein Blick ins Poesiealbum

    Pause. Punkt. · TOR auf & lachen

    Wenn Worte bleiben dürfen

    Der Welttag der Poesie am 21. März erinnert daran, wie kraftvoll Sprache sein kann – leise, verspielt, persönlich und manchmal überraschend ehrlich.

    Vielleicht kennst du das: Ein Satz, ein Reim, ein alter Eintrag – und plötzlich ist etwas wieder da. Ein Gefühl. Eine Erinnerung. Ein Stück Leben.

    Gedichte müssen dabei nicht groß oder bedeutungsschwer sein. Oft sind es gerade die kleinen, spontanen Zeilen, die bleiben – weil sie mitten aus dem Alltag kommen.

    Warum Poesie heute wieder näher rückt

    In einer schnellen, digitalen Welt wächst die Sehnsucht nach kurzen, echten Momenten. Poesie erfüllt genau das: Sie verdichtet Gedanken, bringt Humor und Ernst zusammen und lässt Raum für eigene Bilder.

    Gerade deshalb entdecken viele Menschen Gedichte neu – nicht als Schulstoff, sondern als Begleiter im Alltag.

    📖 Das Gedicht zum Welttag der Poesie

    Das Poesiealbum

    Wenn »Welttag« ist »der Poesie«, 
    und ich nicht weiß gerade, wie
    ein Gedicht zu schreiben wär,
    damit ich auffing’ dieses Flair –

    hol das Poesiealbum ich raus,
    von dem ich weiß, ’s ist noch im Haus
    und zeugt von längst vergang’nen Zeiten
    mit bunten, doch vergilbten Seiten.

    Es wird Von Eichendorff zitiert,
    und auch Herr Goethe sich nicht ziert.
    Doch reißt mich mit, wie ’ne Lawine,
    der Eintrag von der Schmidt Sabine:

    So viele Flöhe unser Hund,
    So viele Jahre bleib gesund!
    Solltest du mich mal vergessen,
    Soll dich gleich der Wauwau fressen!

    © Irmgard Rosina Bauer

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    Weitere Texte findest du in den Themenräumen: Pause. Punkt. · TOR auf & lachen

    Ein Gedanke zum Mitnehmen

    Und auf YouTube habe ich „Poesie als Volkskunst“ als Video eingesprochen, hör es dir an, wenn du magst.

    Aus solchen Texten entstehen bei mir kleine Sammlungen, Gedichtkarten und Audioimpulse – für stille Momente oder zum Schmunzeln zwischendurch.

  • Frühling und sein blaues Band

    Frühling und sein blaues Band

    Ein humorvolles Frühlingsgedicht über Pollen und Niesanfälle

    Der Frühling wird oft besungen als Zeit des Aufbruchs, der Farben und der Leichtigkeit. Doch nicht für alle fühlt er sich so an. Wenn die Natur erwacht, reagieren manche Körper ganz anders – mit Niesen, tränenden Augen und einer gehörigen Portion Genervtheit.

    Dieses kurze Gedicht nimmt den Frühling liebevoll aufs Korn – und zeigt, dass auch die weniger romantischen Seiten ihren Platz haben dürfen.

    🌿 Das Gedicht

    Frühling und sein blaues Band

    Frühling und sein blaues Band
    kann mir recht gestohlen bleiben.
    Muss mir stets die Augen reiben,
    das raubt mir noch den Verstand.

    Grün und gelb und blau und pink –
    Pollen flattern durch die Lüfte.
    Husten schießt mir in die Hüfte,
    Niesen macht mich zum Schmierfink.

    Alle Pollen sind schon da,
    blaue Lider sprechen Bände!
    Ach, wenn ich das Fläschchen fände
    mit dem Nasenspray – o ja!

    © Irmgard Rosina Bauer

    Fahrräder stehen an einem Holzzaun in einem Garten im Frühling, grüne Wiese und ländliche Atmosphäre passend zum Gedicht „Frühling und sein blaues Band“.

    Auf YouTube kannst du dir „Frühling und sein blaues Band“ von mir eingesprochen hier anhören.

    Oder du siehst dir das Original zu meiner Persiflage hier an: Frühling lässt sein blaues Band von Eduard Mörike.

    Der NDR hat übrigens hier eine schöne Auswahl mit Frühlingsgedichten bekannter deutscher Dichter aufgelistet.



    Zwischen Blüten und Befindlichkeiten

    Nicht jede Jahreszeit fühlt sich für jeden gleich an. Und vielleicht liegt genau darin eine kleine Wahrheit: Das Leben zeigt sich selten nur von einer Seite.

    Manchmal hilft ein Lächeln – selbst dann, wenn die Augen tränen.

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    Weitere Texte finden Sie in den Themenräumen: Pause. Punkt. · TOR auf & lachen

    Ein Gedanke zum Weitergehen

    Aus solchen Momenten entstehen bei mir kleine Gedichte, Karten und Sammlungen – zum Schmunzeln, Verschenken oder einfach für zwischendurch.

  • Im Märzen der Staub fliegt – ein Frühlingsgedicht mit Augenzwinkern

    Im Märzen der Staub fliegt – ein Frühlingsgedicht mit Augenzwinkern

    Poesie & Reime

    Ein humorvolles Frühlingsgedicht über den März, den Staub des Frühjahrs und die kleinen Absurditäten des Alltags.

    Der März hat seine eigene Art, den Frühling anzukündigen. Nicht immer mit Vogelgesang und Blüten – manchmal auch mit Staub, von der Frühlingssonne sichtbar gemacht schmutzigen Fenstern und einer gewissen Unruhe im Alltag.

    Dieses Gedicht spielt mit der bekannten Melodie des alten Kinderliedes „Im Märzen der Bauer“. Es erzählt vom Frühling – aber so, wie wir ihn heute erleben: mit Staub auf der Fensterbank, mit Nachbarn und Rasenmähern, mit guten Vorsätzen und kleinen Versuchungen.

    Ein humorvolles Gedicht über den März, das zeigt: Der Frühling beginnt nicht immer poetisch.

    Schneeglöckchen im März – erste Frühlingsblumen, die den Winter vertreiben.

    📖 Gedicht: „Im Märzen der Staub fliegt“

    (kann auf die Melodie von „Im Märzen der Bauer“ gesungen werden)

    Im Märzen der Staub fliegt

    Im Märzen der Staub fliegt, der Frühling ist da!
    Und mit ihm die Fenster voll Streifen – hurra!
    Der Lappen wird schwingen,
    es ist höchste Zeit:
    Die Motten im Schrank zeigten viel Munterkeit.

    Im Märzen der Bauer den Traktor einspannt.
    Da kracht es auf Feldern sehr im ganzen Land.
    Der Nachbar mäht Rasen.
    Ich sag ihm: „O Mann!
    Ein lautloser Roboter auch mähen kann!“

    Im Märzen der Bauch zeigt auch viel‘ Streifen an.
    Sie gehen nicht weg. Nicht mit viel Marzipan.
    Ich müsst mich mehr rühren, mehr geh‘n, vom Fleck weg.
    Nicht Schokis! Nicht Sahne! Nicht Kuchen! Nicht Speck!

    Im Märzen, der Frühling macht ganz auf entspannt.
    Er winkt noch dem Winter, der kommt angerannt.
    Bringt Schnee noch und Kälte, er wehrt sich und faucht.
    „Was willst? Jetzt bin ich dran!“, der Frühling nur haucht.

    © Irmgard Rosina Bauer

    Gesungen (ja, von mir :-))kannst du dir das auch auf YouTube (Titel: „11 freche Frühlingsgedichte zum Schmunzeln“) anhören: Ein Lied aus und für den Hausgebrauch.

    Gelbe Winterlinge im März zwischen Laub – frühe Frühlingsblumen am Waldboden.

    Warum der März uns immer ein wenig durcheinanderbringt

    Der Frühling beginnt selten ordentlich. Er kommt mit Staub, mit Bewegung und mit kleinen Veränderungen im Alltag.

    Vielleicht liegt genau darin sein Charme: Der März erinnert uns daran, dass Aufbruch nicht perfekt sein muss.

    Manchmal reicht schon ein offenes Fenster, ein Spaziergang – oder ein kleines Gedicht, das den Alltag mit einem Lächeln betrachtet.

    Ein Gedanke zum Mitnehmen

    Der Frühling beginnt selten leise – aber fast immer mit einem kleinen Durcheinander.

    Und manchmal auch mit einem Gedicht.

    Ein weiteres Frühlingsgedicht mit „Aufbruchstimmung“ kannst du, wenn du magst, hier lesen.
    Und unter dem Titel „11 freche Frühlingsgedichte zum Schmunzeln“ kannst du dir meine weiteren Frühlingsgedichte von mir eingesprochen anhören.

  • Nachts wach? Nase & Blase

    Nachts wach? Nase & Blase

    Die Erlebnisfrau – Leben, Arbeit und Sinn in Bewegung

    Poesie & Reime · Alltagsminiatur in Versen

    Müde Frau gähnt nachts im Bett – humorvolles Gedicht über schlaflose Nächte wegen Nase und Blase

    Schlafprobleme?

    Manchmal ist es das übliche Schlafproblem, das mich weckt – sondern ganz prosaische Körperpolitik: Nase und Blase.

    Dieses Gedicht ist eine kleine, humorvolle Liebeserklärung an alle, die nachts im Halbschlaf durchs Zimmer tappen, nach Nasenspray tasten und sich dabei eher wach als weise fühlen.

    Wenn du darüber lachen kannst, hast du schon halb gewonnen.

    🎧 Als Lesung / Video

    Dieses Gedicht eignet sich wunderbar zum Vorlesen – kurz, rhythmisch und mit Pointe. (Du kannst es dir auch hier auf YouTube von mir vorlesen lassen)

    📖 Das Gedicht

    „Wenn ich des Nachts nicht schlafen kann“

    © Irmgard Rosina

    Wenn ich des Nachts nicht schlafen kann

    Wenn ich des Nachts nicht schlafen kann
    sind diese meistens schuld daran:
    Die Nase und die Blase.

    Die Blase ruft: Leere mich aus!
    Schon steig ich aus dem Bett hinaus,
    Schlafwandelnd tast ich mich voran
    Such die Toilette, setz mich dann,
    bleib sitzen, schlaf dort wieder ein,
    dann kipp ich um, stoß mir das Bein,

    von diesem Krach
    werd ich hellwach.

    Wenn ich des Nachts nicht schlafen kann,
    ist diese meistens schuld daran:
    Die Nase.

    Die Heizungsluft schafft Trockenheit,
    macht mich plötzlich aufbruchsbereit:
    Die Nase lässt die Luft nicht rein,
    und das verursacht mir viel Pein.
    Wie jede Nacht, die Prozedur:
    Das Nasenspray – wo ist es nur?
    Ich tappe auf dem Nachttisch rum
    Und dabei fällt die Lampe um –
    Vorbei ist’s mit Silentium.

    Die Nase und die Blase
    sind schuld, wenn ich nicht schlafe.

    Ein kleiner Gedanke zum Mitnehmen

    Vielleicht ist das Tröstliche am nächtlichen Wachliegen: Man ist damit nicht allein – und manchmal hilft schon ein Reim, um wieder weicher zu werden.

    Wenn du magst, schreib mir in die Kommentare: Wer stört bei dir nachts am häufigsten – Kopf, Herz, Nase oder Blase?

    Gerne kannst du das Gedicht weiterleiten, wenn es dir passt.

    Weiterlesen im Blog

    Dieses Gedicht gehört zur Kategorie Poesie & Reime und berührt die Themenräume Arbeit, Wandel & Sinn sowie Familie & Generationen.

    Sanfter Hinweis

    Aus solchen Texten entstehen bei mir auch Lesungen, Audios und kleine Sammlungen – als Begleiter für ruhige Momente.

  • Aufbruchstimmung – wenn der Frühling anklopft

    Aufbruchstimmung – wenn der Frühling anklopft

    Poesie & Reime · Februartext

    Wenn der Februar nach Frühling riecht

    Es gibt diesen Moment im Jahr, in dem der Winter plötzlich den Halt verliert. Noch liegt Schnee – aber darunter regt sich schon etwas. Erste Farben, erste Düfte, erste Unruhe.

    Genau dort entsteht Aufbruchstimmung: zwischen Schneeglöckchen, Lichtstreifen – und einem Blick in die eigene Küche.

    Dieses Gedicht über Aufbruch im Frühling verbindet Naturbeobachtung mit einem Augenzwinkern Richtung Alltag. Denn während draußen alles sprießt, zeigt die Sonne drinnen, was der Winter gut versteckt hat.

    Weiße Schneeglöckchen sprießen zwischen braunen Blättern im Februar und kündigen den Frühling an.
    Winterlinge leuchten gelb am Waldboden und kündigen den Frühling an.

    🌱 Der Text: „Aufbruch mit Nebenwirkungen“

    Aufbruch mit Nebenwirkungen

    Schneeglöckchen
    statt nur weißem Schnee:
    Der Winter kriegt endlich den Dreh.

    Und flächendeckend, guter Dinge,
    leuchten gelb die Winterlinge.

    Krokusse bedecken Wiesen,
    man weiß, dass bald die Tulpen sprießen.

    Schlüsselblumen, im Wettlauf,
    schließen flugs den Frühling auf.

    Fürs Auge grün, scharf für den Bauch,
    steigt in die Nase der Bärlauch.

    Die Tage werden immer länger,
    gleichzeitig wird mir bang und bänger
    wenn ich in der Küche steh.

    Ich seh zwar grob die Sonne lachen,
    doch zeigt sie schon beim Frühstückmachen
    von Osten her den Staub, herrje.

    Im Winterdunkel gut verborgen,
    schickt der mich schnell „Glasrein“ besorgen –

    doch halt ich’s aus bis übermorgen.

    © Irmgard Rosina Bauer

    Du kannst es auch auf YouTube anhören, da habe ich es eingesprochen (57“)

    Natur im Aufbruch – Mensch im Zwiespalt

    Während draußen alles wächst, zeigt sich drinnen das Gegenteil: Staub, Schlieren, Winterreste.

    Der Frühling bringt eben nicht nur Licht – sondern auch Erkenntnis. Wie immer hilft Humor, um damit umzugehen.

    Warum uns Frühlingsgedichte so berühren

    Gedichte über den Frühling sind mehr als Naturbeschreibungen. Sie spiegeln innere Prozesse:

    • Neubeginn
    • Erwachen von Energie
    • leichte Unruhe
    • Veränderungsimpulse

    Gerade der Februar steht für diese Schwelle: noch Winter – und doch schon Aufbruch.

    Weiterlesen im Themenraum

    Mehr Texte zwischen Natur, Humor und Lebensbeobachtung findest du in den Themenräumen:
    Bleibendes. Bestehendes. Begleitendes. · (Arbeit, Wandel & Sinn)

    Oder du hörst dir auf YouTube meine 11 Monatsgedichte an. „Aufbruchstimmung“ steht für Februar. Dort gibt es ein anderes Ende des Gedichts. Welches gefällt dir besser?

    Hier kannst du dir die obige Textfassung auf YouTube anhören – von mir eingesprochen, 57“

    Manche Gedichte begleiten durch Jahreszeiten. Aus solchen Texten entstehen bei mir Lesungen, Audiofassungen oder kleine poetische Sammlungen – für Momente zwischen Alltag und Aufbruch.

  • Partnerwahl unbewusst geprägt? Eine Geschichte

    Partnerwahl unbewusst geprägt? Eine Geschichte

    Viele Menschen fragen sich, warum ihre Partnerwahl unbewusst geprägt ist – und ob frühe Bilder aus der Kindheit dabei eine Rolle spielen.

    Kurzgeschichte · Lesung auf YouTube

    Manche Bilder begleiten uns länger, als wir ahnen.
    Diese Geschichte erzählt von einem Werbeschild auf einem Gästeklo –
    und davon, wie früh sich unsere Sehnsucht formt, ohne dass wir es merken.

    Vielleicht hast du dich selbst schon gefragt, warum dich bestimmte Menschen immer wieder anziehen. Ob es Zufall ist – oder ob etwas in uns längst eine Richtung vorgibt.

    Märchenhafte Frau im blauen Prinzessinnenkleid mit Zauberstab im verwunschenen Wald – Symbolbild für Märchen, Illusion und Werbeversprechen in „Lisa und das Werbeblech“.
    Märchenhafter junger Mann im blauen Gewand mit rotem Umhang hält einen leuchtenden Kristall im verwunschenen Wald – Symbol für Verführung, Macht und Werbeillusion in „Lisa und das Werbeblech“.

    Warum unsere Partnerwahl unbewusst geprägt ist

    Wir glauben gern, wir würden frei wählen. Rational. Erwachsen. Und doch wirken Bilder, Stimmungen und frühe Eindrücke oft leiser, aber nachhaltiger als jede bewusste Entscheidung.

    Diese Kurzgeschichte nähert sich dem Thema nicht erklärend, sondern erzählend – über ein Bild, das blieb.

    🎧 Die Geschichte als Hörfassung

    „Lisa und das Werbeblech“ gibt es auch als Lesung auf meinem YouTube-Kanal. Beim Zuhören entstehen oft neue Verbindungen – zwischen Text, Erinnerung und eigener Erfahrung.

    👉 Hörfassung auf YouTube: https://youtu.be/UimHhLtY2L8?si=ylarnV4we3P9h2gP

    📖 Der Text: „Lisa und das Werbeblech“

    Hinweis: Der folgende Text ist eine literarische Kurzgeschichte. Lies sie – oder hör sie dir an.

    Originaltext

    © Irmgard Rosina Bauer

    Lisa und das Werbeblech

    Wenn man bei uns im Försterweg auf dem Gästeklo saß, konnte man sich mangels anderer Ablenkung eingehend mit dem Werbeblechschild an der Stirnwand beschäftigen. Werner hatte es von einem Spirituosenhändler geschenkt bekommen. An dieser Wand im Haus war noch Platz, und dort also hängten wir es auf. Das Blechbild hatte DIN-A2-Größe und zeigte einen Schnappschuss: Meer, weit und breit nur stürmisches Meer, Seenot, man ahnte die zerbrochenen Schiffsplanken ringsherum. Mitten in tobenden Wellen ein Männerkopf, der gerade nach Luft japsend aus dem Wasser auftauchte. Er müsste verzweifelt sein, ist es aber nicht: In seinen Augen sprühen Freudenfunken, denn, siehe da, nur wenig von ihm entfernt schwimmt die typisch grüne, typisch kugelrunde Flasche »ABC« Kräuterlikör. Die Werbebotschaft war eindeutig: ABC, du bist meine Rettung!

    Der Kopf des Mannes, der vorm Schiffbruch gerettet wurde, war schmal, fast hager, die nassen Haare ans Gesicht geklatscht, sein Bart tropfte. Die dunkelgrauen Augen blickten klar und lebhaft unter hoher Stirn und gewölbten Augenbrauen aus dem tosenden Meer.

    Manche Bilder prägen uns, ohne dass wir es merken.

    Bei einem der Umzüge in den folgenden Jahren beschloss ich, das Werbeblech fände keinen Platz mehr im neuen Haus, und es wurde entsorgt. Das Bild aber …

    Die Erde lief seither viele Male um die Sonne. Tschernobyl und der Golfkrieg beunruhigten die Menschen, der Fall der Berliner Mauer und die Wende in den Oststaaten veränderten das Weltbild, Millennium und die Weltwirtschaftskrise machten viel von sich reden, Saddam Hussein und Osama Bin Laden verließen diese Welt, die Abiture der Kinder sowie Ehekrisen beschäftigten die Familie, mehrere Geburtstage nullten sich und die Phase wechselnder Partner unserer Kinder ging über in die Phase fester Beziehungen. Meine erwachsenen Kinder begannen schon in Nostalgie zu schwelgen, und mir wurden erste Enkel geboren.

    Die Zeit vergeht – Bilder bleiben.

    An verregneten Sonntagen traf sich die Großfamilie manchmal zu Diashows. Mit Kinder- und Familienfotos von früher.

    »Oh, war das damals schön, als wir noch Kinder waren und im Försterweg wohnten!«

    An jenem Sonntag waren nur Lisa und ihre Brüder Markus und Benjamin anwesend, alle drei ohne Partner. Der knusprige Sonntags-Schweinsbraten war soeben mit viel Oh! und Hm! und Fein! und ebenso vielen Semmelknödeln verschlungen worden, die Küche war wieder sauber und auf der Leinwand erschienen schon Kinderbilder aus eben jener Försterweg-Zeit.

    Dann wurde es plötzlich still.

    Das Dia zeigte die etwa achtjährige Lisa, die sich auf dem Gästeklo neben dem ABC-Werbeblech positioniert hatte und fröhlich in die Kamera winkte.

    »Der sieht doch aus wie Tommy!«, brach es da aus Markus heraus.

    Wieder Stille.

    Ja, die Ähnlichkeit zu Tommy war nicht zu übersehen.

    »Ich hab mich nicht getraut, das zu sagen«, grinste Benjamin.

    »Das gibt’s doch nicht! Lisa hat sich den Mann vom Werbeblech geangelt!«

    Vielleicht suchen wir unser Leben lang ein Bild.

    Sie ist nun schon seit drei Jahren mit Tommy zusammen. Ein Enkel ist unterwegs.

    Vielleicht sollte ich Tommy, unserem Märchenprinzen, mal eine Flasche ABC-Kräuterlikör mitbringen!

    Nachdenkliches Mädchen im schlichten Pullover blickt ernst in die Kamera – Symbolbild für Kindheit, Prägung und frühe Werbewirkung im Blog „Lisa und das Werbeblech“.

    Partnerwahl: Zufall oder frühe Prägung?

    Diese Geschichte beantwortet nichts endgültig. Aber sie zeigt, wie tief frühe Bilder wirken können – manchmal ein Leben lang.

    Weiterlesen im Themenraum

    Passende Texte findest du hier: Familie & Generationen · Arbeit, Wandel & Sinn


    Einige dieser Geschichten gibt es auch als Hörfassungen und Sammlungen – für Menschen, die lieber zuhören als erklären.

  • Gute Vorsätze – ein Gedicht für den Januar

    Frische Tulpen in einer Glasvase als leises Symbol für Neubeginn und gute Vorsätze im Januar

    Poesie & Reime · Jahresanfang zwischen Anspruch und Wirklichkeit

    Wenn der Januar ehrlicher ist als der Kalender

    Der Jahreswechsel ist laut. Der Januar dagegen leise.

    Kaum sind die Lichterketten verschwunden und der Christbaum entsorgt, stehen sie im Raum: die guten Vorsätze. Manche voller Hoffnung. Andere schon mit einem leisen Zweifel versehen.

    Dieses Gedicht ist kein Spott über Neujahrsvorsätze. Es ist ein augenzwinkernder Blick auf den Moment danach – wenn Anspruch und Alltag sich wieder begegnen.

    📖 Das Gedicht: „Gute Vorsätze“

    Hinweis: Lies es langsam. Vielleicht erkennst du dich in der einen oder anderen Zeile wieder.

    Gute Vorsätze

    Der Christbaum, der geleuchtet helle,
    liegt schon auf der Entsorgungsstelle.

    Der Jahresrückblick ist verblasst,
    der Forecast steht schon, als Kontrast.

    Silvester hab’n wir’s krachen lassen,
    wer wollt’ schon diesen Spaß verpassen!

    So manches Vorhaben uns freut.
    Manch andres uns bald wieder reut.

    Wer jeden Tag im See wollt schwimmen,
    lässt Trock’nes jetzt den Tag bestimmen.

    Wer sein Gewicht wollt’ reduzieren,
    müsste erst Süßes ignorieren.

    Ist es den Aufwand wirklich wert?
    Darf ich nicht leben unbeschwert?

    Wer sich das fragt im Januar,
    fang’ nochmal an im Februar!

    © Irmgard Rosina Bauer
    aus: Das Buch für alle Tage, BoD, Norderstedt, 2023

    Dieses Gedicht habe ich auch auf YouTube eingesprochen, im Video „11 Monate in knackigen Reimen„. Hör es dir gerne an und leite es weiter – ich freu mich drüber!

    Jahreszeiten-Collage mit Kalender und Naturbildern als Symbol für gute Vorsätze im Januar

    Zwischen Selbstoptimierung und Milde

    Der Januar ist ein Monat voller Erwartungen – oft fremder Erwartungen. Dieses Gedicht erinnert daran, dass Veränderung nicht an einem Datum beginnt.

    Manches darf warten. Manches darf bleiben. Und manches darf man im Februar noch einmal freundlich neu betrachten.

    Manche Gedanken begleiten länger. Aus solchen Texten entstehen bei mir Gedichte, Audios und kleine Sammlungen – für unterwegs oder ruhige Momente. Dieses Gedicht gehört zur Kategorie Poesie & Reime.

  • Neujahrsgedicht: Mutig ins neue Jahr starten

    Zeit für Poesie

    Das neue Jahr ist für viele von uns ein besonderer Wendepunkt – Zeit für neue Pläne, für kleine und große Veränderungen, für einen neuen Blick auf die eigene Lebensreise, eine Phase der Selbstreflexion, des Loslassens und der mutigen Aufbrüche.

    Mit meinem Neujahrsgedicht möchte ich dich inspirieren, diesen Neubeginn mit Zuversicht, Leichtigkeit und einem Lächeln zu begrüßen.

    Vitamine zum Neuen Jahr
    (Irmgard Rosina Bauer)

    Das Jahr war kurz, lang war das Jahr –
    mal schrecklich und mal wunderbar.

    So mag es wohl auch weitergehn.
    Mal sehn, was wir können dran drehn?

    Viel Schwung beim Drehn am Rad der Zeit,
    wünsch ich uns, dabei Heiterkeit,

    viel Frohmut auch, denn auf der Erde
    gäb’s Anlass für manche Beschwerde!

    Mit dem Gemeinsam-Vitamin
    krieg’n wir’s auch diesmal wieder hin!

    Vielleicht spürst du beim Lesen, wie viel Kraft in einem kleinen Reim steckt – und wie sehr Worte uns ermutigen können, den nächsten Schritt zu wagen. Das Gedicht ist Teil meiner Reihe „Lebensreisen in Reimen“, in der ich Erlebtes, Gefühle und neue Perspektiven in poetische Worte fasse.

    📖 Hör das Gedicht auch als YouTube-Shorts:
    https://youtube.com/shorts/6ire_AaMdko?feature=share

    Neujahrsgedicht „Vitamine zum Neuen Jahr“ von Irmgard Rosina Bauer – inspirierende Reime für einen optimistischen Start ins neue Jahr, mit persönlichem Foto der Autorin in der Natur.

    Neugierig auf mehr?
    Auf meinem Blog findest du weitere Gedichte, Geschichten und Inspirationen rund um Mut, Neuanfang und Lebensfreude. Schau dich gern um – oder abonniere meinen Newsletter, um keine Reime und Lebensreisen mehr zu verpassen!

    Wenn dir diese poetische Auszeit gefällt, lies auch meine weiteren Texte im Blog oder hör dir meine vertonten Gedichte auf YouTube an.

    Entdecke mehr humorvolle Alltagsgedichte als Text auf meinem Blog oder als Video auf YouTube.

    📌 Alle meine Playlists auf YouTube kannst du hier entdecken:


    111 humorvolle, kurze Gedichte von Irmgard Rosina für zwischendurch. Freche Reime, die zum Schmunzeln, Lächeln und Weiterdenken einladen – Poesie mit Augenzwinkern.
    Best of Rosis Reime

    Freche Reime für gute Laune:

    Mut & Motivation in 60 Sekunden:

    Poesie zum Abschalten:

    Sonntags-Poesie:

    Reisen in Reimen:

    Quatsch mit Sinn:

    Alltagsgeschichten in Reimen:

    Herz & Liebe Gedichte:

    Gedankenfunken & Tiefgang:

  • Vier Kerzen. Mehr braucht es nicht.

    Zwischen Shopping-Stress und Jahresendtrubel

    Der vierte Advent erinnert nicht daran, fertig zu werden.
    Sondern daran, anzukommen.

    Vielleicht ist heute der richtige Tag,

    • den Stundenplan zu zerreißen,
    • das Tempo zu drosseln,
    • das Licht wirken zu lassen.

    Vier Kerzen.
    Ein Atemzug.
    Mehr muss nicht sein.

    Gedicht „Advent Numero vier“ mit vier Kerzen – ruhige Gedanken zum 4. Advent und Innehalten vor Weihnachten

    Weniger muss manchmal mehr sein

    Gerade jetzt erinnert uns der vierte Advent daran: Es darf auch entspannt sein! Vier Kerzen sind genug. Atme durch, genieße stimmungsvolle Momente und lass dich nicht hetzen. Weihnachten ist vor allem eins: ein Fest für Herz und Seele.
    Und das sage ich gerade zu mir selbst. Ich, gerne immer aktiv und von vielen spannenden neuen Ideen durch den Tag geschubst. Ist ja so erfüllend, seine eigenen Ideen zu verwirklichen! Ja. Durchaus. Aber wann ist Schluss?
    Ich zünde mir vier Kerzen an – ja, das werd ich tun!

    Advent Numero vier

    Advent Numero vier
    Irmgard Rosina Bauer

    Noch ist’s ein Rennen und ein Laufen, um Geschenke einzukaufen,
    im Laden oder auch im Netz – ’s ist überall die gleiche Hetz.

    Und Jahresabschluss! Obendrein, das Fest im Golfclub und Verein,
    noch schnell! Damit, erschöpft, man dann – ganz schnell zur Sonne düsen kann.

    Ein jede:r halt’ es, wie man* will –
    so manche:r braucht für sich den Thrill.
    Zerreiß du deinen Stundenplan und zünde heut vier Kerzen an!

    Zum Bild

    Das gezeigte Bild stammt aus meinem Weihnachtsbooklet und begleitet dieses Gedicht als leise visuelle Einladung zur Ruhe.
    Wer diese Texte gesammelt lesen oder verschenken oder vor dem Weihnachtsbaum in der Familie vorlesen möchte, findet das Gedicht unter anderen 14 stillen, frechen oder nachdenklichen Gedichterln in „ALLE JAHRE WIEDER. Bedenkliche Weihnachtszeit.“ Als Download in meinem Shop.

    Cover des Weihnachts-Booklets Alle Jahre wieder von Irmgard Rosina Bauer mit grünem Hintergrund, roter Schleife und humorvoller Illustration eines feststeckenden Weihnachts-Elfs.
    Inhaltsverzeichnis des Weihnachtsbooklets mit Gedichten und Texten zur Advents- und Weihnachtszeit

    Und hier bekommst du noch zwei weitere Kostproben aus dem Weihnachtsbooklet „ALLE JAHRE WIEDER. Bedenkliche Weihnachtszeit“

    Gedichtseite ‚Kerze Zwei‘ aus dem Weihnachts-Booklet von Irmgard Rosina Bauer mit Text über den zweiten Advent und einer Illustration eines Geschenksacks.
    Illustrative Gedichtseite ‚Ein Christbaum‘ von Irmgard Rosina Bauer mit stilisiertem Tannenbaum und typografisch angeordnetem Text über die frühe Weihnachtsverführung im Oktober.

    Hol dir hier ALLE JAHRE WIEDER. Bedenkliche Weihnachtszeit.

    Und ein weiteres Herzensprojekt zum Jahresende? Heitere TORheiten aus Hermannstadt in einem Kalender 2026

    Ein Hoftor, daneben etwa 50 Hoftore als Galerie. Text: TORheiten aus Hermannstadt. Links daneben das Cover einer Siebenbürger Studienarbeit mit Coverfoto einer prachtvoller Frauentracht
    Viele Hoftor-Fotos ergeben zusammen mit meinen Zweizeilern heitere TORheiten.

    Meine Reise ins Land meiner Vorfahren, nach Siebenbürgen und Hermannstadt im Jahr 2024, hat mich zu einem humorvollen Projekt inspiriert: Ich fotografierte über 50 Hoftore in der Stadt und dachte mir dazu witzige Zweizeiler aus. Daraus erstellte ich einen Jahreskalender 2026 mit 53 Wochenseiten. Und als Kompaktversion auch einen Monatskalender mit 13 Seiten. Du kannst ihn hier anschauen und bestellen: TORheiten-Kalender

    Mit TORheiten versorg dein Leben!
    Dann lernen Sorgen wegzuschweben.

    Hole dir als neuer Leser eine gratis Kurzgeschichte als Geschenk zum Download.

    Wer schreibt hier?

    Irmgard Rosina Bauer ist Autorin von Lebens-Reisebüchern und Reiseerzählungen. In ihre Bücher verwebt sie ihre eigenen Lebens- und Reisegeschichten. Sie möchte Frauen Mut im Leben und zum Reisen machen.

    Mehr zu ihren Büchern gibt es hier.

  • Motters Knoblauchwurst – Wie ein siebenbürgisches Familienrezept Generationen verbindet

    Motters Knoblauchwurst – Wie ein siebenbürgisches Familienrezept Generationen verbindet

    Vielen Dank an die Siebenbürgische Zeitung, die diese Geschichte veröffentlicht hat.

    Wenn Weihnachten nach Knoblauch, warmem Schmalz und gemeinsamer Tradition duftet, dann liegt das selten am Festtagsbraten – sondern an einem Rezept, das weit mehr ist als Essen: Motters Knoblauchwurst.

    Die Siebenbürgische Zeitung hat meine Geschichte darüber veröffentlicht, wie ein altes Familienrezept Heimat, Herkunft und Erinnerungen lebendig hält. Und warum Knoblauchwurst für meine Familie ein unerschütterliches Stück Identität wurde.

    Eine Tradition aus Siebenbürgen – erzählt in einer persönlichen Weihnachtsgeschichte.

    Hier ist die vollständige Geschichte aus meinem Weihnachtsprojekt:

    Motters Knoblauchwurst — Rezepte überleben Kriege

    Modernes Siebenbürgen-Wappen mit stilisiertem roten Hoftor-Motiv, Sonne, Mond und gelbem Hügel. Eigentum der Autorin Irmgard Rosina Bauer

    Ein Weihnachtsrezept, das Kriege und Grenzen überlebt hat

    Zeitungsausschnitt der Siebenbürgischen Zeitung mit dem Artikel ‚Motters Knoblauchwurst – Rezepte überleben Kriege‘, darüber ein Schriftzug: ‚Siebenbürgische Zeitung berichtet über meine Lebensgeschichten.
    Motters Knoblauchwurst — Rezepte überleben Kriege
    Irmgard Rosina Bauer
    
    Sie hatte die Tradition aus ihrer Heimat Siebenbürgens mitgebracht, jenem Landstrich im Südosten Europas, der nach Knoblauch roch wie andere Orte nach Heu oder Sommerregen. Knoblauch wuchs dort in rauen Mengen und wurde nicht sparsam, sondern mit Überzeugung gegessen: roh zum Schmalzbrot, zu gekochten Kartoffeln – in etwas Salz getaucht, beißend scharf, tränentreibend und trotzdem ein Genuss, der zum Alltag gehörte. Gesund? Darüber dachte niemand nach. Man aß so. Man lebte so. Man blieb dabei erstaunlich robust. Und schließlich half er ja, das wissen wir, auch gegen Dracula, der in derselben Gegend sein Unwesen trieb. Ja, Siebenbürgen ist Transsilvanien.
    
    In den ersten Jahren in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg schien Knoblauch fast so selten wie Hoffnung. Er wuchs hier nicht wie in der Heimat — also ließ sie sich von Besuchern von dort Knoblauch mitbringen. Heiligabend ohne Knoblauchwurst? Undenkbar. Für sie war sie kein Essen — sie war Heimat auf dem Teller.
    
    Als Metzgereien später nach und nach verschwanden, ließ Motter sich nicht beirren. Sie kaufte das Fleisch roh, mischte es mit geräuchertem Speck, Wasser, Salz — und so viel Knoblauch, dass der Duft tagelang im Haus stand. Alles kam in die große weiße Emailschüssel, der heilige Kelch ihrer Küche, und wurde wie Hefeteig geknetet. Dann durch den alten Fleischwolf gedreht, dessen Holzkurbel längst glattpoliert war. Und hier trat Vuater auf den Plan: Er hatte den Endlosdarm schon auf die Wurstdüse geschoben, empfing den Fleischstrom, führte ihn vorsichtig wie ein Kapitän sein Schiff, damit keine Luftlöcher entstanden und nichts platzte. Meter um Meter wuchs die Wurst — eine fleischrote, glänzende Schlange, dick wie drei Finger, lang wie ein Festtagsversprechen.
    
    Fürs Räuchern fand Motter immer jemanden. Ein Metzger, ein Nachbar, ein Freund — irgendwer half. Gegen eine kleine Gebühr hingen die Wurststränge in der Räucherkammer, bis sie diesen goldenen Duft annahmen, der nur eines bedeutete: Weihnachten kommt.
    Dann kam der Moment, der in meinem Gedächtnis glüht wie eine Kerze im Advent: Der Backofen öffnete sich, eine Wolke aus Knoblauch und knusprigem Schweinefleisch stieg heraus, würzig, warm, unwiderstehlich. Schweinefleischwürfel brutzelten in der Reine, das Fett spritzte leise — für mich ist das noch heute der Duft, an dem ich Weihnachten erkenne.
    Dazu gab es Palukes — Maispolenta, die Motter auch nach Deutschland hinübergerettet hatte, lange bevor sie hier bekannt war. Der dicke Maisbrei wurde – klatsch – auf ein Holzbrett gestürzt, mit Bindfaden in Portionen geschnitten wie ein Kuchen. Wir setzten uns, schnitten uns Wurststücke aus der Reine je nach Hunger und Magengröße ab, spießten Polenta auf die Gabel und tunkten sie in das heiße Fett, das wie flüssiges Gold in der Mitte des Tisches schimmerte.
    Schmatzen war erlaubt. Vielleicht sogar Pflicht.
    
    Zur Verdauung gab es Salzkraut — und dieses Kraut war eine Welt für sich. Jeden Oktober fuhr sie in den berühmten Krautort neben unserem Wohnort, wo Köpfe wuchsen, die beinahe zehn Kilo wogen. Mit dem armlangen Hobel hobelte sie, sie salzte, stampfte, füllte Gläser so groß wie Bierfässer, legte Dill und Bohnenkraut darauf und ließ alles im Keller vor sich hin fermentieren. In manchen Jahren musste alles schneller gehen — dann standen die Gläser bei der Heizung, und wir Kinder flohen vor dem aufdringlichen Gargeruch, während sie nur sagte: „Das muss so sein!“
    Und ja — wenn man dann eine Schüssel von dem Kraut holen sollte, musste man die dicke schützende Schimmelschicht abheben. „Das gehört dazu“, sagte sie nur. Und seltsam – sobald der erste Bissen auf der Zunge lag, war aller Ekel vergessen. Ich aß, als gäbe es keinen Morgen, dieses Kraut war der Inbegriff von Vorweihnachtsfreude.
    
    So sah also Weihnachten bei uns aus: Knoblauchwurst, knusprig ausgebratene Fleischwürfel im heißen Fett, Palukes, Salzkraut. Ein Festmahl, fett wie das Leben, unbegreiflich wie Heimat, heiß wie Kinderliebe.
    
    Heute, Jahrzehnte später. Dezember, frühe Dunkelheit. Meine Schwiegertochter kommt zu Besuch, aus ihrem Wohnort in Zypern — Sonne im Gepäck, aber Weihnachten im Herzen.
    „Ich habe Dominik schon vor Jahren einen Fleischwolf gekauft“, sagt sie. Damit Motters Enkel die Tradition weiterführen kann. Darm zu finden sei ein Abenteuer, Speck werde sparsamer genutzt — aber der Geist der Wurst lebe. „Ohne Knoblauchwurst kein Heiligabend“, sagt sie, „und sogar unsere Kinder sehen das so!“
    
    Die Tradition wandert weiter. Markus, Motters weiterer Enkel, wurstet heute in München. Neue Varianten, mal mit Rosmarin, mit Oregano, mal mit weniger Knoblauch, mal mit gar keinem, und mal auf dem Wintergrill ausprobiert. Und dann kehrte er doch zu Motters Original zurück. Und ihre Krautfässer stehen nun bei ihm und beduften einen Keller mitten in der Stadt.
    
    Motter liegt heute in jener Erde neben dem Krautort, der ihre Erinnerungen so sehr gestützt hatte. Riesengroße Krautköpfe gelten heute nicht mehr als rentabel, die Zeit ist darüber weggegangen.
    Doch wenn Markus an Weihnachten die Wurst schneidet, wenn das Fett zischt, wenn der Knoblauch duftet, dann sitzt Motter mit am Tisch. Und wir wissen: Dracula ist wirklich tot, aber Siebenbürgens Tradition lebt in uns Nachfahren weiter. 
    

    Warum diese Geschichte Lebendigkeit versprüht

    Familienrezepte sind gelebte Kultur. Sie überdauern Flucht, Umzüge, Modernisierung und Modewellen.
    Meine Erzählung zeigt, wie Traditionen weitergegeben werden – von Motter über ihre Kinder, Enkel und Urenkel bis heute.
    Gerade in der Weihnachtszeit suchen viele Menschen nach Ritualen, die Halt geben. Familienrezepte sind gelebte Kultur. Sie überdauern Flucht, Umzüge, Modernisierung und Modewellen.
    Meine Erzählung zeigt, wie Traditionen weitergegeben werden – von Motter über ihre Kinder, Enkel und Urenkel bis heute.
    Gerade in der Weihnachtszeit suchen viele Menschen nach Ritualen, die Halt geben. Genau hier berührt diese Geschichte. Du kannst sie dir auch in YouTube anhören, da ist sie Teil meiner 55 Kurzgeschichten – jede Woche gibt es eine neue.

    Farbiges Wappen mit stilisierten roten Hoftoren auf blau-gelbem Hintergrund, Sonne und Mond.

    Mehr aus meinem kreativen Weihnachtsprojekt

    Nach dieser Veröffentlichung arbeite ich weiter an:

    🎄 Dem „TORheiten-Kalender 2026“

    Auch darüber hat die Siebenbürgische Zeitung berichtet. (Hier kannst du ihn lesen.)
    Hoftor-Fotos mit humorvollen Zweizeiler aus Hermannstadt – ein Stück Kulturerbe, ein Stück Heimat, ein Stück Lächeln. Im Vintage-Design. Du kannst sie hier erwerben.
    Zwei Kalender sind bereits fertig (schau hier!), und weitere Hof-TORheiten-Produkte sind im Entstehen. Schau öfter mal vorbei, um nichts Neues zu verpassen.

    📘 Dem Weihnachts-Buch „Weihnachten rustikal“

    Das Weihnachtsbooklet „Alle Jahre wieder. Bedenkliche Weihnachtszeit“ ist schon fertig, im hübschen Design mit 14 Gedichten zu Advent, Nikolaus, Weihnachten, Winter. Du kannst es dir schon hier holen. In dem neu entstehenden Weihnachtsbuch „Weihnachten rustikal“ bekommst du für nächstes Jahr auch noch neue Weihnachtsgeschichten wie Motters Knoblauchwurst.

    Hier erfährst du mehr zu den wundervollen „TORheiten aus Hermannstadt“, und warum spielerischer Humor dabei eine Rolle spielen muss.

    TORheiten-Kalender 2026 von Irmgard Rosina Bauer mit humorvollen Hoftoren aus Hermannstadt – Titelblatt und Januar-Seite mit Zweizeiler „Mein Zweizeiler soll’s Hoftor ehren – der Sinn braucht dich nicht immer scheren.“

    Warum Humor im Alltag so wichtig ist

    Unsere TORheiten sind kleine Kunstwerke, die dein Zuhause verschönern und dabei Kopfschmerzen durch ein Lächeln vertreiben. Sie erinnern dich daran, das Leben manchmal mit einem Augenzwinkern zu sehen – und das macht vieles leichter. Dadurch sind sie auch ein ideales Geschenk!

    Jetzt den TORheiten-Kalender entdecken und Freude ins Zuhause holen!

    53 Fotos mit Versen als Kalender

    Wir haben die Fotos nachbearbeitet, die Verse zugeordnet, und im Lauf eines Jahres ist ein Kalender entstanden, voller witziger TORheiten, die die besondere Geschichte der Siebenbürger Sachsen in der Hoftor-Metapher transportiert. Manchmal möchten sie weinen. Und dann aber doch lieber lachen.




    Hier kannst du diese 50 Tore als Poster erhalten.


    Die TORheiten hören

    TORheiten auf YouTube

    Wer mag, kann mir beim Sprechen meiner TORheiten zuhören.
    🎧 In diesem YouTube-Video mit 11 Tagessprüchen und
    🎥in der längeren Version mit 33 TORheiten nehme ich euch mit auf eine kleine literarische Reise.

    Zum Kalender

    TORheiten aus Hermannstadt

    Der Kalender „TORheiten aus Hermannstadt“ ist für alle, die gern schmunzeln, nachdenken und sich ein Stück poetischen Alltags an die Wand holen möchten.
    Es gibt ihn als Print-Version mit Spiralbindung – und für alle Digitalfreunde als PDF.

    Hier geht’s zur Kalendershow mit vier Variationen zur Auswahl: https://irmgardrosina.de/siebenbuergen-kalender-2026/

    Und hier siehst du einfach mal drei Kalenderblätter als Beispiele.

    Vielleicht gehst du nächstes Mal mit einem Schmunzeln durch die Stadt und findest deine eigenen TORheiten?

    Ich wünsche dir ein Jahr voller offener Türen und heiterer TORheiten.

    💌 Lass mir gern einen Kommentar da, welche deine LieblingsTORheit ist?

    Hole dir als neuer Leser eine gratis Kurzgeschichte als Geschenk zum Download.