Partnerwahl unbewusst geprägt? Eine Geschichte

Viele Menschen fragen sich, warum ihre Partnerwahl unbewusst geprägt ist – und ob frühe Bilder aus der Kindheit dabei eine Rolle spielen.

Kurzgeschichte · Lesung auf YouTube

Manche Bilder begleiten uns länger, als wir ahnen.
Diese Geschichte erzählt von einem Werbeschild auf einem Gästeklo –
und davon, wie früh sich unsere Sehnsucht formt, ohne dass wir es merken.

Vielleicht hast du dich selbst schon gefragt, warum dich bestimmte Menschen immer wieder anziehen. Ob es Zufall ist – oder ob etwas in uns längst eine Richtung vorgibt.

Märchenhafte Frau im blauen Prinzessinnenkleid mit Zauberstab im verwunschenen Wald – Symbolbild für Märchen, Illusion und Werbeversprechen in „Lisa und das Werbeblech“.
Märchenhafter junger Mann im blauen Gewand mit rotem Umhang hält einen leuchtenden Kristall im verwunschenen Wald – Symbol für Verführung, Macht und Werbeillusion in „Lisa und das Werbeblech“.

Warum unsere Partnerwahl unbewusst geprägt ist

Wir glauben gern, wir würden frei wählen. Rational. Erwachsen. Und doch wirken Bilder, Stimmungen und frühe Eindrücke oft leiser, aber nachhaltiger als jede bewusste Entscheidung.

Diese Kurzgeschichte nähert sich dem Thema nicht erklärend, sondern erzählend – über ein Bild, das blieb.

🎧 Die Geschichte als Hörfassung

„Lisa und das Werbeblech“ gibt es auch als Lesung auf meinem YouTube-Kanal. Beim Zuhören entstehen oft neue Verbindungen – zwischen Text, Erinnerung und eigener Erfahrung.

👉 Hörfassung auf YouTube: https://youtu.be/UimHhLtY2L8?si=ylarnV4we3P9h2gP

📖 Der Text: „Lisa und das Werbeblech“

Hinweis: Der folgende Text ist eine literarische Kurzgeschichte. Lies sie – oder hör sie dir an.

Originaltext

© Irmgard Rosina Bauer

Lisa und das Werbeblech

Wenn man bei uns im Försterweg auf dem Gästeklo saß, konnte man sich mangels anderer Ablenkung eingehend mit dem Werbeblechschild an der Stirnwand beschäftigen. Werner hatte es von einem Spirituosenhändler geschenkt bekommen. An dieser Wand im Haus war noch Platz, und dort also hängten wir es auf. Das Blechbild hatte DIN-A2-Größe und zeigte einen Schnappschuss: Meer, weit und breit nur stürmisches Meer, Seenot, man ahnte die zerbrochenen Schiffsplanken ringsherum. Mitten in tobenden Wellen ein Männerkopf, der gerade nach Luft japsend aus dem Wasser auftauchte. Er müsste verzweifelt sein, ist es aber nicht: In seinen Augen sprühen Freudenfunken, denn, siehe da, nur wenig von ihm entfernt schwimmt die typisch grüne, typisch kugelrunde Flasche »ABC« Kräuterlikör. Die Werbebotschaft war eindeutig: ABC, du bist meine Rettung!

Der Kopf des Mannes, der vorm Schiffbruch gerettet wurde, war schmal, fast hager, die nassen Haare ans Gesicht geklatscht, sein Bart tropfte. Die dunkelgrauen Augen blickten klar und lebhaft unter hoher Stirn und gewölbten Augenbrauen aus dem tosenden Meer.

Manche Bilder prägen uns, ohne dass wir es merken.

Bei einem der Umzüge in den folgenden Jahren beschloss ich, das Werbeblech fände keinen Platz mehr im neuen Haus, und es wurde entsorgt. Das Bild aber …

Die Erde lief seither viele Male um die Sonne. Tschernobyl und der Golfkrieg beunruhigten die Menschen, der Fall der Berliner Mauer und die Wende in den Oststaaten veränderten das Weltbild, Millennium und die Weltwirtschaftskrise machten viel von sich reden, Saddam Hussein und Osama Bin Laden verließen diese Welt, die Abiture der Kinder sowie Ehekrisen beschäftigten die Familie, mehrere Geburtstage nullten sich und die Phase wechselnder Partner unserer Kinder ging über in die Phase fester Beziehungen. Meine erwachsenen Kinder begannen schon in Nostalgie zu schwelgen, und mir wurden erste Enkel geboren.

Die Zeit vergeht – Bilder bleiben.

An verregneten Sonntagen traf sich die Großfamilie manchmal zu Diashows. Mit Kinder- und Familienfotos von früher.

»Oh, war das damals schön, als wir noch Kinder waren und im Försterweg wohnten!«

An jenem Sonntag waren nur Lisa und ihre Brüder Markus und Benjamin anwesend, alle drei ohne Partner. Der knusprige Sonntags-Schweinsbraten war soeben mit viel Oh! und Hm! und Fein! und ebenso vielen Semmelknödeln verschlungen worden, die Küche war wieder sauber und auf der Leinwand erschienen schon Kinderbilder aus eben jener Försterweg-Zeit.

Dann wurde es plötzlich still.

Das Dia zeigte die etwa achtjährige Lisa, die sich auf dem Gästeklo neben dem ABC-Werbeblech positioniert hatte und fröhlich in die Kamera winkte.

»Der sieht doch aus wie Tommy!«, brach es da aus Markus heraus.

Wieder Stille.

Ja, die Ähnlichkeit zu Tommy war nicht zu übersehen.

»Ich hab mich nicht getraut, das zu sagen«, grinste Benjamin.

»Das gibt’s doch nicht! Lisa hat sich den Mann vom Werbeblech geangelt!«

Vielleicht suchen wir unser Leben lang ein Bild.

Sie ist nun schon seit drei Jahren mit Tommy zusammen. Ein Enkel ist unterwegs.

Vielleicht sollte ich Tommy, unserem Märchenprinzen, mal eine Flasche ABC-Kräuterlikör mitbringen!

Nachdenkliches Mädchen im schlichten Pullover blickt ernst in die Kamera – Symbolbild für Kindheit, Prägung und frühe Werbewirkung im Blog „Lisa und das Werbeblech“.

Partnerwahl: Zufall oder frühe Prägung?

Diese Geschichte beantwortet nichts endgültig. Aber sie zeigt, wie tief frühe Bilder wirken können – manchmal ein Leben lang.

Weiterlesen im Themenraum

Passende Texte findest du hier: Familie & Generationen · Arbeit, Wandel & Sinn


Einige dieser Geschichten gibt es auch als Hörfassungen und Sammlungen – für Menschen, die lieber zuhören als erklären.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert