Kategorie: Pause. Punkt.

Diese Texte entstehen aus Momenten des Innehaltens – mitten im Leben.
Hier geht es nicht um Entschleunigung als Programm, sondern um kurze Unterbrechungen, die gut tun.
Kurzgeschichten, Gedanken, Miniaturen oder auch mal Reimgedichte für Menschen, die zwischendurch kurz ausruhen – oder aussteigen? – möchten, ohne gleich alles ändern zu müssen.

Die Texte sind

  • kurz

  • beobachtend

  • ohne Geschichte

  • ohne Entwicklung

  • eher ein Gedanke als ein Erlebnis

  • Unsere Jeans

    Unsere Jeans


    Eine Kurzgeschichte über Rebellion, Freiheit und die 70er-Jahre

    Was haben enge Jeans, schmutzige Hosenbeine und rebellische Töchter gemeinsam?
    Diese literarische Kurzgeschichte blickt zurück auf ein halbes Jahrhundert, in dem Mode mehr war als Kleidung: ein Statement gegen Spießigkeit, gegen alte Strukturen – und für das Lebensgefühl einer ganzen Generation.

    Lass dich hineinziehen in ein Tischgespräch voller Erinnerungen, Witz, Selbstironie – und einer jungen Frau, die sich fragt:
    Was war denn an „euren Jeans“ so besonders?


    Als Lesegenuss, so richtig mit Text: Weiter unten
    Als YouTube-Video, eingelesen von der Autorin Irmgard Rosina: Hier

    Unsere Jeans

    Der Lesegenuss dauert 5 – 7 Minuten

    (von Irmgard Rosina Bauer)

    Wir saßen in derselben Konstellation am Tisch wie damals von der zehnten bis zur dreizehnten Klasse, in jenen Tagen aber noch in Schulbankreihen: Conny neben Marion, Christiane neben mir, dann Witha – neben Witha fehlte leider schon Annette. Sie war vor sieben Jahren an Lungenkrebs gestorben. Ihre Stelle nahm an diesem Tag Amelie ein, 26 Jahre jung und Withas Tochter.

    »Hattet ihr keine Leistungskurse?«, fragte Amelie.

    »Wir waren der letzte Abi-Jahrgang in Bayern, wo das alte Klassensystem noch zugelassen war. Das ist jetzt genau vierzig Jahre her«, antwortete ihr Christiane, ehemals Mathelehrerin an einem Münchner Gymnasium, jetzt im Vorruhestand. Amüsiert musterte sie die junge Amelie – sie trug an beiden Augenbrauen ein Piercing, und ihr rechter Arm war bis über die Fingerspitzen mit Tattoos bedeckt.

    »Was wollt ihr jungen Leute damit eigentlich ausdrücken?«

    »Keine Ahnung, hab ich schon mit sechzehn machen lassen. Ist einfach cool.«

    »So ging es uns doch damals auch«, verteidigte sie Witha, die Mama. »Wisst ihr noch, unsere Jeans! Das war unser Symbol für Rebellion gegen die Alten.«

    »Jeans?«, fragte Amelie, »normale Jeans?«

    Als hätte sie in ein Hornissennest gestochen, antworteten wir vier alle auf einmal:

    »Unsere Jeans – die waren nicht normal!«

    »Die transportierten unsere Auflehnung gegen unsere Elterngeneration.«

    »Meine Jeans hatte ich Tag und Nacht an. Sie waren aus hartem, dunkelblauem Baumwollstoff, echtem Denim. Mit riesigem Schlag. Vernäht mit Doppelnaht, wisst ihr noch, von der keine irgendwo übernäht werden durfte, damit nur ja keine ›normale‹ Naht entstand, wie sie die Stoffhosen unserer Eltern aufwiesen.« Das war Marion, mit einem genüsslichen Grinsen im Gesicht.

    »So eng waren die Jeans, dass wir uns rücklings aufs Bett legen mussten, damit wir, mit eingefallenem Bauch, zuerst den Reißverschluss und dann den Knopf schließen konnten.« Sie machte dazu eine qualvolle Bewegung Richtung Bauch.

    »Und hinsetzen konntest du dich darin eigentlich gar nicht, nur leicht beugen, danach half die Gravitationskraft«, lachte Conny, die als Doktor der Physik in der Forschungsabteilung bei BMW gelandet war.

    »So mussten sie sein, so eng. Nur dann waren es echte Jeans, die das transportierten, was wir suchten: Freiheitsgefühl.«

    »Schönes Freiheitsgefühl, so eingezwängt«, lachte Amelie.

    »Ja, aber unseren Eltern gegenüber war das etwas Ungeheuerliches. Die fanden das furchtbar. Hosen, die nur bis zur Hüfte gingen und so eng waren, dass sie Hintern und die Oberschenkel auf unerhörte Weise zur Schau stellten.«

    »Meine Mutter wollte mich mit Vernunft überzeugen: Das schnürt die Geschlechtsteile ein und beeinträchtigt die Fruchtbarkeit,« sagte sie. »Dann brauch ich die Pille nicht mehr nehmen«, antwortete ich. Und meine Mutter wurde noch zorniger. ›Was, du nimmst diese Pille?!‹«

    Hämisches Lachen am Tisch. Und als Amelie verständnislos dreinsah, ergänzte Marion, die als freie Pharmareferentin arbeitete:

    »Es war erst wenige Jahre her gewesen, dass man die Antibaby-Pille – und nur mit gesundheitlicher Begründung – vom Arzt verschrieben bekam. Sie war noch ziemlich neu auf dem Pharmamarkt und noch nicht ausreichend erforscht, geschweige denn, dass genügend Testrunden gelaufen waren. Trotzdem aber sehr begehrt. Aber in der Bevölkerung galt sie noch als unsittliches Teufelszeug.«

    »Ich möcht gar nicht daran denken, wie lange wir unsere Jeans getragen und nicht gewaschen haben!«, erinnerte sich Christiane.

    »Stimmt! Wie eklig wir waren! Damals hab ich mich regelmäßig mit meiner Mutter angelegt, weil sie ständig meine Jeans waschen wollte. Mit ihrer schönen neuen Wirtschaftswunder-Waschmaschine. Ich hab meine Jeans jeden Abend vor ihrem Zugriff versteckt.«

    »Ja, wie eklig wir waren!«, rief Witha aus, dabei aber voller Begeisterung. »Mindestens drei oder vier Monate hab ich sie jeden Tag auf der Haut getragen, überallhin, von morgens bis abends, am liebsten noch nachts. Und noch kräftig die Hände an den Schenkeln abgerieben, dass sie noch speckiger wurden.«

    »Ja, so richtig speckig mussten sie sein.«

    »Wenn du sie ausgezogen hast, mussten sie wie zur Salzsäule erstarrt stehen bleiben, dann erst waren sie authentisch.«

    Gekicher am Tisch.

    Und dann nochmal Marion. Sie schüttelte sich.

    »Wie grauslich wir damals waren! Diese Jeans müssen ja gestunken haben, überall wo wir waren, und im Klassenzimmer erst!«

    »Das war eben der Duft eurer Generation«, amüsierte sich nun Amelie ihrerseits.

    »Immerhin wechselten wir täglich unsere Slips. Das war bei unseren Eltern noch lange nicht üblich gewesen!«

    Das Thema »Jeans« war unerschöpflich für uns. Immer mehr fiel uns dazu ein. Dass wir auf Fotos gesehen hatten, wie jugendliche Menschen, nicht viel älter als wir, sich zur Sonntagsfreizeit mit anderen jungen Leuten im Park trafen – aber alle ordentlich in Anzug, Hemd und Krawatte. Dass wir damals von unseren Jeans immer im Plural sprachen – im korrekten Englisch. Auch das unterschied uns von unserer Elterngeneration: Die hatte noch keinen Englischunterricht in der Schule. Und weiter, dass heute Jeans im …

    Dann wieder Conny: »Mein Vater konnte das Wort gar nicht aussprechen. Tschinns sagte er immer, Tschinnshose.

    »Er selbst trug ja immer nur ›Stoffhose‹, mit Hosenträgern«, fuhr Conny fort.

    »Mein Vater genauso!«, entsann sich Christiane. »Ohne Hosenträger hätten seine Hosen niemals gehalten. Er hatte einen riesigen Bauch nach vorne zugelegt, dadurch kriegte seine Hose die Form eines rechtwinkligen Dreiecks. Der rechte Winkel an der Krümmung der Wirbelsäule, am Scheitelpunkt bei 90°. Die Hypotenuse führte vom Bauchnabel bis zur Ferse.« Sie fuhr mit dem Finger in der Luft ihre mündliche Beschreibung nach.

    Wir kicherten, ja, ja, die Mathe-Frau, hatten dabei aber deutlich das Bild unserer Väter vor Augen.

    »Die Hypotenuse durch exakte Bügelfalten deutlich erkennbar«, ergänzte sie.

    »O, meine Mutter war Expertin im Bügelfalten-Bügeln«, fiel Conny dazu ein.

    Das, so waren wir uns wieder einmal einig, das ging bei Jeans gar nicht! Gebügelt und mit Knickfalten vorne und hinten! Das widersprach allen Gesetzmäßigkeiten unseres Lebens! Darüber mussten wir uns hier und jetzt noch weiter auslassen.

    »Dabei gab es Leute der älteren Generation, die sich für fortschrittlich hielten und Jeans kauften. Aber nicht in Jeansläden, wie sie damals ganz neu aufkamen, wisst ihr noch, sondern im …« – und hier erhob sie Augenbrauen und Stimme für eine besonders abwertende Betonung – ›… Herren- und Damen-Oberbekleidungsgeschäft‹. Die waren an der Bügelfalte sorgfältig geknickt und mit Klapp-Hosenbügeln aufgehängt. Diese Leute bügelten die Falten immer wieder rein, wenn die Jeans sich über Beinen und Knien ausb…

    Amelie, die selbst im Hosenanzug zu unserem Treffen erschienen war und bisher immer wieder über unsere Begeisterung geschmunzelt hatte, schüttelte hier leicht entrüstet den Kopf.

    »Du musst wissen, dass uns wirklich daran lag, uns abzugrenzen von der Generation vor uns. Stoffhosen und Bügelfalten machten für uns den Inbegriff von Spießigkeit aus. Und die war für uns immer verbunden mit überkommenem rechtem Gedankengut.  Überbleibsel der Nazizeit, gegen die die 68er ein paar Jahre vor uns revoltiert haben. Weil die alten Nazis auch in der jungen Bundesrepublik schon wieder in allen Gremien saßen. Ich erinnere mich auch noch an die vielen Männer mit nur einem Bein, mit nur einem Arm…

    »Letztlich unterstützten wir mit unseren Jeans die kommunistische Arbeiterbewegung«, überlegte Witha laut. »Jeans waren ja ursprünglich Arbeiterhosen gewesen. Wer von uns war in den Siebzigern nicht links gesinnt! Bloß nicht so rechts wollten wir sein, wie unsere Eltern gewesen waren! Extrem, wie Jugend nun mal ist, drifteten wir ins exakt andere Lager.«

    »Und was ist noch übrig von unserer bewegten Zeit?« Ein unsicherer Blick von mir in die Runde. Witha wusste wenigstens eine Antwort.

    »Na ja, eine ganze Menge! Indem wir unsere Jeans in der Gesellschaft etablierten, leiteten wir schließlich die moderne Freizeitgesellschaft ein. Vielleicht muss unser Nachwuchs auch das heute wieder hinterfragen. So mancher junge Mensch sehnt sich inzwischen wieder nach der Ordnung, die wir damals so nachhaltig über den Haufen geworfen haben.«

    »O ja, mit Stoffhose und Bügelfalten am Sonntag zum Volleyballspielen in den Park, dazu hätt ich Bock«, lachte Amelie spitzbübisch. »Das wär mal wieder Ordnung, richtige Ordnung!«

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    ✍️ Wenn du magst:
    Teile mir in den Kommentaren mit, wie deine rebellische Phase aussah – ob in Jeans, Miniröcken oder ganz anders.

    Wer schreibt hier?

    Irmgard Rosina Bauer ist Autorin von Lebens-Reisebüchern und Reiseerzählungen. In ihre Bücher verwebt sie ihre eigenen Lebens- und Reisegeschichten. Sie möchte Frauen Mut im Leben und zum Reisen machen.

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  • Stringenter Hausputz

    Es gibt so viele Arbeitsmethoden, wie es Menschen gibt. Und doch ist die allseits als die beste gepriesene eben die:

    1. Man setze sich ein Fernziel: Haus sauber

    2. Man unterteile es in Grobziele: Schlafzimmer, Bad, Küche, Wohnzimmer sauber

    3. Man definiere die Feinziele und beginne also: Schlafzimmer Betten machen, Klamotten aufräumen, Nachttische und Spiegelschrank abwischen, Bilderrahmen und Zierrate abstauben, staubsaugen.

    Diese Methode ist gut durchdacht und wird, seit es Häuser gibt, von vielen Menschen praktiziert. Zugegeben, ich bewundere diese vielen Menschen ob ihrer Liebe zur Hausarbeit, doch was ist mit mir?

    Auch ich beginne um neun Uhr im Schlafzimmer. Ich werfe schmutzige Socken und Unterhosen in den Wäschekorb, ich verleihe den Bettdecken adrettes Aussehen, dann folgt die Entrümpelung, vor allem die meines Nachtkästchens: Das Tagebuch ohne den gestrigen Eintrag klappe ich zu und stecke es in die Schublade. Die Zeitschrift von der vorletzten Woche mit der ansprechenden Headline habe ich immer noch nicht gelesen, also liegenlassen. Soll ich das Buch mit dem reizvollen Titel «Frauen setzen sich neue Ziele» nicht langsam wieder ins Wohnzimmerregal stellen, bis ich wirklich Zeit habe, es dranzunehmen? Eigentlich interessiert es mich brennend. Was stand nochmal auf dem Buchumschlag? Frauen brauchen neue Prioritäten – ja, das sollte ich dringend lesen. Und du stehst da und staubst Schlafzimmerspiegel ab, während draußen in der Welt wichtige Erkenntnisse ohne dich veröffentlicht werden! Wenn nicht jetzt, wird das Buch noch acht Wochen da liegen, weil du abends zu müde bist.

    Ist ja unheimlich fesselnd, hier auf Seite siebenundachtzig! Ganz plötzlich schlägt der Kirchturm zwölf an. Mist. Um eins kommen die Kinder von der Schule heim. Ich hatte versprochen, ihnen an meinem geschäftsfreien Tag etwas Gutes zu kochen. Wobei … ihr Appetit nach der Schule ist eigentlich kritiklos. Nudeln, ja, Nudeln sind immer im Haus und machen satt. Und es reicht, wenn ich um halb eins das Wasser aufsetze.

    Hurtig das Buch weggelegt und die herumliegenden Klamotten in den Schrank geschoben, den Schreibsekretär zugeklappt, staubsaugen kann ich ja am Nachmittag noch. Das Bad schaffe ich gerade noch, die Armaturen, okay, die Fliesen werden doch bei jedem Duschen wieder kalkig, das reicht auch nächste Woche. Der Spiegel geht diesmal noch so, bleiben Waschbecken, Wanne und Klo, schnell noch mit dem nassen Handtuch den Boden – und bevor mir noch ein weiterer Reim einfallen kann, klingelt es an der Tür. Dominik, sechzehn, hatte früher aus.

    »Was gibt’s zu essen?«

    Mir wird kurz heiß. Hatte ich nicht versprochen, vorgehabt, die Verpflichtung – hey, das wäre ja noch schöner! Die Kinder meine Chefs? Die Liebe sei das herrschende Element! »Mein Lieber, ich habe mich überschätzt, könntest du mal das Nudelwasser aufsetzen?«

    Und Dominik lächelt verschmitzt: »Soso, du hast dich wieder mal überschätzt?«

    Die Teller vom Vorabend in der Küche stören Dominik überhaupt nicht. Mit Hingabe verfeinert er die Tomatensoße aus der Packung, Sahne, Butter und Kräuter gibt er rein, es duftet schon herrlich, sogar Zwiebeln hat er geschnitten und angedünstet, während ich nochmal in dem interessanten Buch – nun ja, als die drei anderen kurz nach eins hereinstürmen, duftet es herrlich, Dominik hat den Tisch gedeckt. »Erziehung gelungen!«, denke ich stolz, sogar einen knackigen Gurkensalat hat er hingehobelt. Dafür liest er schließlich nicht gerne und schlägt in Kochen und Lesen seinem Vater nach. Können ja nicht alle Menschen das Gleiche tun.

    »Aha, Mama war zu Hause, gibt’s wieder Nudeln!«, bemerkt Markus, dreizehn, ebenfalls verschmitzt, als er in den Topf schaut und ihn auf den Tisch holt, und Julia, zwölf, die als erste zu essen beginnt, sagt:

    »Wieso, Mamas Nudeln schmecken immer noch besser als die von Maggi!«

    Und bevor sich noch das kollektive Unbewusste gegen mich erheben kann, verspreche ich, mit ihnen allen am Nachmittag Eis essen zu gehen und das Staubsaugen auf den Abend zu verschieben.

    Diese Hausputzmethode bezeichnet man unter Könnern als kreativ. Ich akzeptiere durchaus, dass vielen Menschen der Reiz dieser Art zu arbeiten verborgen bleiben muss. Kann ja nicht jeder das Gleiche tun.

    Diese kurze Geschichte ist aus „Das Buch für alle Tage. Erlebtes. Erzähltes. Gereimtes.“

  • Ein Wasserfall

    Ein Wasserfall drängt einfach weiter. Denkt nicht nach.

    Überwältigend war das Spektakel an der Jonte-Schlucht, genauso an der Tarn-Schlucht. Es platschte und klatschte, rauschte und sprühte und zischte, beanspruchte viel Raum und hörte niemals auf zu tun, wozu der Wasserfall da ist: Den Fluss von einer Ebene in eine nächste, eine tiefere zu befördern, um ihn dann einfach weiterfließen zu lassen.

    Dabei macht es dem Wasser nichts aus, dass Steine es hindern. Diese umgeht es, ohne darüber nachzudenken. Es bahnt sich seinen Weg und im Lauf der Jahrhunderte, Jahrtausende, Jahrzehntausende schleift es sogar Felsen ab und gestaltet sich sein Bett noch gefälliger. Ganz selbstverständlich gibt es sich der Gravitationskraft hin.

    Ich bin im Lauf meiner Jahrzehnte müde geworden. Ich spüre in mir das Bedürfnis, einen gefälligeren Weg zu gehen, mich nicht mehr aufhalten zu lassen, meiner Intuition, ja, meiner Bestimmung zu folgen, mich ihr hinzugeben – sobald ich nur weiß und spüre, was ich zu tun habe.

    Ein Wasserfall drängt einfach weiter. Denkt nicht nach. Muss sich nie rechtfertigen, ist Sein von sich aus. Wenn die Klippe kommt, springt er einfach drüber und nimmt dabei von links und rechts noch Geröll mit; auch wenn größere Felsen kommen, fällt er weiter und weiter und weiter und bahnt sich seinen Weg. Etwas anderes kann das Wasser gar nicht. Seine Richtung ist durch physikalische Gegebenheiten festgelegt, es fällt hinunter, niemals rückwärts. Für mich übersetzt heißt das: Sein Abwärts im Weiterkommen ist mein Aufwärts im Weiterkommen. Weiterkommen will auch ich, mich hoch entwickeln, lebendig sein und meiner Bestimmung nach oben folgen.

    Eigentlich habe ich den Wasserfall, die »Rush Hour des Lebens«, schon hinter mir. Habe kräftig geplatscht und geklatscht, habe gesprüht, gefunkelt und gespritzt, temperamentvoll in allen Lebensbereichen viel Kraft ausgeübt, und bin nun wohl in einer Lebensphase, wo der Wasserfall im Tal aufkommt und sich von da neu sortiert und in gemäßigteren Bahnen weiterfließt, bis er schließlich zu einem ruhigen, gemächlich dahinfließenden Fluss wird.

    Doch das Bild gefällt mir nicht wirklich. Gemäßigt, ruhig. Gemächlich – ich?

    (Gedanken aus „Das Buch für alle Tage“. Erlebtes. Erzähltes. Gereimtes.)

    Augenzwinkernd aus dem Alltag

    Was assoziierst du mit einem Wasserfall? Rausch, Bedrohung, Leben? Schreib es mir gern in die Kommentare!

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    Den Text „Unkenrufe“ habe ich aus meinem Südfrankreichroman „Und sonst nichts“ zur Verfügung gestellt.

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    Irmgard Rosina Bauer ist Autorin von Lebens-Reisebüchern und Reiseerzählungen. In ihre Bücher verwebt sie ihre eigenen Lebens- und Reisegeschichten. Sie möchte Frauen Mut im Leben und zum Reisen machen.

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  • Unkenrufe

    Mit der Wirtschaft wird es bergab gehen!

    Es war einmal vor langer, langer Zeit, da besaß schon fast jeder über vierzehn in der Familie ein Dreigang-Fahrrad. Etagen-WCs wurden immer seltener, denn jede Wohnung hatte ihr eigenes. In jedem Haus war für die Bewohnergemeinschaft im Keller eine Waschmaschine angeschafft worden. Der Kühlschrank war in fast jeden Haushalt eingezogen, und zu jener Zeit besaß auch jede dritte Familie ein Telefongerät. Es hatte die Größe eines mittleren Kochtopfes und war grau. Der Hörer war bereits viel leichter geworden und lag gemütlich in der Hand, die Hörmuschel am Ohr und die Sprechmuschel am Mund. Man brauchte nicht mehr das Fräulein vom Amt (übrigens wurde zu jener Zeit das Fräulein als solches abgeschafft und es gab nur noch den Begriff Frau, aber das tut hier nichts zur Sache), man konnte also mit der Wählscheibe selber, ja selber, eine Verbindung herstellen, indem man eine Zahl der Telefonnummer nach der anderen in Gang setzte. Es galt nicht als unnötiger Zeitaufwand zu warten, bis sich die Wählscheibe wieder in ihre Ausgangsposition zurückgedreht hatte, bevor man die nächste Ziffer angehen konnte. Lästig war es freilich, wenn die Zahlenreihe mit Vorwahl sehr lang war und man sich verwählt hatte und also nochmal von vorne beginnen musste. Nicht lange danach galt es als eine Errungenschaft, dass sich sogar jede Familie ein solches Telefon leisten konnte.

    Und da begannen die Unkenrufe der Wirtschaftsforscher:

    Mit der Wirtschaft wird es bergab gehen!

    Jeder über vierzehn hat schon ein Dreigang-Fahrrad!

    Jede Wohnung hat schon ein WC!

    Jedes Haus hat schon eine Waschmaschine!

    Nur wenige Familien haben noch kein Telefon!

    Die Bahn wird bald überflüssig, denn in jedem Dorf gibt es schon ein Auto.

    Welche Waren soll denn da die Wirtschaft noch ankurbeln?

    Es ist vorbei mit dem Wirtschaftswachstum!

    Ja, wie schaffen wir es so überhaupt, weiterzuleben?

    (zitiert aus „Das Buch für alle Tage„)

    Augenzwinkernd aus dem Alltag

    Was sind deine Beobachtungen zum Thema Wirtschafts-Unkenrufe? Schreib es mir gern in die Kommentare!

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    Den Text „Unkenrufe“ habe ich aus Das Buch für alle Tage zur Verfügung gestellt.

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  • Verloren oder gewonnen

    Sonntagsmittagessen – früher und heute

    Unser Sonntagmittagessen ist nicht mehr so, wie es früher einmal war.

    Als unsere vier Kinder um die zwanzig waren, waren sie kaum sattzukriegen, Fleisch und Wurst konnte nicht genug im Kühlschrank sein. Ich habe gern für sie gekocht, große Bratenstücke, mehrere Kilo schwer, lagen in der Reine im Backofen oder brodelten im Bratentopf auf dem Herd. Der Appetit war unbändig und ihre Freude über den gut gelungenen Fleischtopf mit Knödeln und Soße äußerte sich in noch einem und noch einem gut gefüllten Teller.

    Als unsere Kinder dreißig waren, brachten sie mir bei, immer mehr auf die Herkunft des Fleisches zu achten. Wie recht sie hatten! Die Fleischproduktion war unnatürlich, sogar fies geworden. Und ich lernte von ihnen, wohlschmeckende vegetarische Alternativen zu kochen und zu genießen. Auch mit ihren veganen Freunden habe ich mich mal mehr mal weniger gern arrangiert.

    Als unsere Kinder vierzig waren, erinnerten wir uns mit ihnen gemeinsam an die Zeit, wo der große Schweinsbraten oder das Roastbeef oder die Lammkeule oder das Kaninchen oder die Hähnchen, Enten, Täubchen und Wachteln aus dem Backofen dufteten. Gerne würden sie manchmal dorthin zurückkehren, sagen sie, unsere Kinder. Doch ihre Kinder würden schon im Kindergarten lernen, Fleischersatzprodukte zu essen. Wie wohl man daran tut, die Mastindustrie zurechtzustutzen, wissen wir.

    Neuerdings allerdings bereichert sich die Industrie durch die gelungene Vermarktung und Herstellung synthetischer Lebensmittel, die unserer Gesundheit noch viel förderlicher sein sollen. Hoffentlich haben sie für diese Produktion nicht nur die Künstliche Intelligenz befragt, sorge ich mich.

    (Gedanken aus „Das Buch für alle Tage„)

    Augenzwinkernd aus dem Alltag

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  • Ein Wasserauswurfsystem

    Wo ist der Sensor?

    Ich stehe vor einem schick aussehenden Rohr in modernem Kupferdesign, das von der Decke herunterhängt, im Waschbecken mündet und mir den Anschein vermittelt, als ob es Wasser dort hinein ergießen könnte.

    Ich wollte nur mal schnell meine Trinkflasche mit Wasser auffüllen.

    Doch wo ist der Sensor? Hinter dem Hahn? Ach was, den gibt es ja nicht mehr, nein, hinter dem Wasserauswurfsystem? Oberhalb, unterhalb, irgendwo daneben? Oder vielleicht ist er direkt im Waschbecken eingelassen? Nein, auch nicht. Vielleicht an der verkleideten Wand direkt hinter dem Rohr? Oder haben sich die Designer etwas noch Raffinierteres ausgedacht und den Anwerfer des Auswerfers über meinem Kopf angebracht?

    Da kommt jemand zur Tür herein und geht schnurstracks in die Toilette. Gleich kommt sie wieder raus. Ich werde sie beim Händewaschen haarscharf beobachten, so wie ich beim Yoga genau auf den Yogalehrer schaue: Wie legt er seine Füße gleich noch mal hin, dass das Verknoten so unangestrengt aussieht?

    Bevor ich schauen kann, hat sie die Hände gewaschen und verlässt mit nassen Händen den Waschraum. Immerhin weiß ich jetzt: Es liegt nicht an mangelndem Wasser.

    Da fällt mein Blick auf einen Knopf weit oberhalb der Wasserausströmöffnung. Ah, vielleicht hier drücken? Tatsächlich! Ein richtiger Knopf, kein Sensor! Wasser! Doch fließt es nur kurz, das reicht nicht aus, um meine Trinkflasche zu füllen. Ich drücke nochmal. Nein, das ist kein Drückknopf, der etwas in Gang setzt, sondern nur ein dahin designter Knopf. Das kann doch nicht sein! Ich komme mir vor wie in der Wüste, eine Fata Morgana spielt mir eine Oase vor, zum Greifen nah, jedoch – ich muss verdursten.

    Langsam, ganz vorsichtig nähert sich meine Hand dem Drückknopf an, von der Seite, von oben, von unten – da, es strömt Wasser heraus! Doch bevor ich mich ausgiebig freuen kann, ist es schon wieder zu Ende.

    Meine Trinkflasche habe ich nun zwischen die Knie geklemmt, um beide Hände freizuhaben. Sie kreisen gleichzeitig um den ominösen Knopf. Beschwörend rede ich auf ihn ein: Nun komm schon, gib dein Nass her, nun sei doch nicht so! Dabei schielen meine Augen bis zu meinem sensibilisierten Hinterkopf zur Tür, ob da auch niemand hereingekommen ist und mich für blöd hält. Da, jetzt, das war die richtige Bewegung: Zwei Handbreit Abstand zum Knopf, das animiert den Sensor – also doch Sensor! Wasser! Es läuft. Genüsslich wasche ich meine Hände. Es ist angenehm warm, mmh, fein! Und nun die Flasche darunter gehalten. Doch schon ist die Quelle erneut versiegt. Wieder halte ich bettelnd meine eine Hand vor das Sensorenloch und suche angestrengt den Augenkontakt mit der tieferliegenden Wasserausflussstelle, doch damit hat der Sensor die innige Verbindung mit mir verloren und bockt.

    Sanft streiche ich mit der einen Hand um ihn herum, hefte meine Augen auf ihn, im festen Glauben an ihn, betüddele mit der anderen Hand den Rohrausfluss, ja, und das hilft, es fließt! Es fließt! Schnell die Trinkflasche darunter gehalten, es läuft, eine Hand liegt oben, eine Hand unten, wie beim Yoga, ganz entspannt, oder wie beim Kampfsport, und nun die Verbeugung nicht vergessen!

    (Kurze Geschichte aus „Das Buch für alle Tage“)

    Augenzwinkernd aus dem Alltag

    Augenzwinkernd aus dem Alltag – bestimmt kennst du eine ähnliche Situation! Schreib mir gern in die Kommentare, was du als Absurdestes mit einem „Wasserauswurfsystem“ erlebt hast:

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    Den Text „Ein Wasserauswurfsystem“ habe ich aus Das Buch für alle Tage zur Verfügung gestellt.

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  • Wenn es klingelte

    „Dazugelerntes“

    Meine Eltern hatten ein Nebengebäude an das bestehende Siedlungshaus angebaut. Vielleicht konnte meine Mutter mit einem Wäscheannahmebetrieb den knappen Arbeiterlohn meines Vaters aufstocken, dachten sie.

    Ja, das Geschäft lief an, und wer aus der Familie sich gerade in der Küche oder sonst wo als nächster im Haus aufhielt, lief rüber zur Wäsche, so nannten wir es, wenn mit dem Eintreten von Kunden die automatische Türklingel für uns unüberhörbar ertönte. Trip Trap, Trip Trap, hieß es dann, hinübergelaufen und die Kunden bedienen, die ihre schmutzige Wäsche ablieferten oder sie sauber wieder abholten.

    Das Nebengebäude hatte zwei Zimmer, die mit dem bestehenden Haus, in dem wir wohnten, mit mehreren Durchgangszimmern verbunden waren. Also: Ins Wohnhaus kam man durch das Gartentürl und dann bei der Eingangstür herein. Man passierte den Gang, kam in die Küche, die eine Wohnküche mit Ess- und Arbeitstisch war. Darin spielte sich der Alltag in der Familie ab, darin hielt sich Mutter zur Hausarbeit, zum Kochen und mit dem häufigen spontanen Besuch von Freunden auf. Wenn man aus der Küche links abbog, gelangte man durch die abgehende Tür ins Wohnzimmer, in dem ich meine Hausaufgaben machte. Stracks durch dieses Zimmer hindurch lief man zu einer weiteren Tür, hinter der zwei Stufen hinabführten in das Schlafzimmer, das bereits im Nebengebäude lag. Hier hindurch, in derselben Flucht, kam man endlich in das letzte Zimmer in der Reihe, da war die Wäscheannahmestelle untergebracht, in die man als Kunde von rechts außen ein- und austrat.

    Kaum waren die Kunden mit einem Klingeln der Tür wieder hinaus, lief Mutter zurück: Von der Wäsche über Schlafzimmer, Wohnzimmer zur Küche oder über Gang und Eingangsbereich weiter hinaus in den Garten, wenn sie gerade dort zu tun hatte.

    Freilich war es oft auch meine Aufgabe, Mutter zu vertreten, wenn es in der Wäsche klingelte. Sehr oft, zu oft. So oft, dass ich später noch, als die Wäsche längst wieder aufgegeben war, von diesem Klingelton hässliche Träume hatte. Denn das Klingeln zerriss alle Muße, alle Konzentriertheit bei Hausaufgaben oder Lesen oder Spielen, das Klingeln war allgegenwärtig. Der Laden war schließlich Montag bis Freitag ganztägig geöffnet und am Samstag bis Mittag. Er funktionierte über sein Türklingeln.

    Später dann, als ich schon verheiratet war, Kinder hatte und mit meinem Mann zusammen ein Delikatessengeschäft führte, das etwa zehn Minuten zu Fuß von unserem Zuhause gelegen war – wie war ich da oft genervt vom Telefonklingeln bei uns zu Hause. Die damals allerneueste Telefontechnik erlaubte es, Telefonanrufe für den Laden an unser Heimtelefon weiterzuleiten, wenn Mittagspause war oder Abend oder Morgen oder wenn die Verkäuferinnen gerade zu viele Kunden zu bedienen hatten und nicht ans Telefon gehen konnten. Nach viermal Klingeln im Laden läutete es bei mir zu Hause. Der Service am Kunden verlangte, immer erreichbar zu sein.

    Wie oft hatte ich hektisch mittags um ein Uhr den Laden abgeschlossen, wenn ich Vormittagsdienst hatte, war nach Hause geeilt, um den Kindern, die aus Schule und Kindergarten nach Hause kamen, ein schnelles Mittagessen zu kochen, um dann, wenn die Verkäuferin ihren freien Tag hatte, am Nachmittag um halb drei den Laden wieder aufzusperren. Das war gerade so zu schaffen, mit Hin- und Rückweg.

    Doch wenn dann, während die schnelle Pastasoße auf dem Herd köchelte und die Nudeln abgegossen werden wollten und die Kinder sich gerade in den Haaren hatten oder ich gerade die Windeln des Jüngsten wechselte, wenn dann das Telefon klingelte und ein Kunde eine Bestellung aufgeben oder auch nur wissen wollte, wann wir am Nachmittag wieder öffneten, da fiel es mir sehr schwer, meine Stimme auf sachlich und freundlich umzustellen. Da wäre ich manchmal sehr gerne nicht hingegangen. Doch nein, das ging nicht. Das konnte ich nicht. Das durfte ich nicht. Klingeln hatte Vorrang vor allem Privaten. Da ging man hin. Nichts war wichtiger.

    Dagegen ist nichts einzuwenden. So war es eben.

    Was mich allerdings später, als wir den Laden nicht mehr in dieser Form betrieben, stutzig werden ließ, war ein Gedankenblitz der Erkenntnis.

    Warum nur hatte ich nicht die Kraft, das Telefon einfach klingeln zu lassen?

    Warum nur ließ ich keinen Anrufbeantworter installieren?

    Warum nur schaltete ich die Rufumleitung nicht einfach ab?

    Warum nur ließ ich mich derart nervtötend von unserem Telefon terrorisieren?

    Erst später wurde mir die Antwort klar:
    Weil das Telefonklingeln dem Klingelton in unserer Heißmangel ähnelte. Das Klingeln war als etwas »Dazugehöriges« in meinem Kindheitsbewusstsein abgespeichert worden und in mein Erwachsenenunterbewusstsein gewandert, und ich ertrug später das Klingeln des Telefons klag-, macht- und hilflos, obwohl es mich unendlich nervte. Ein Muster des Klingelns hatte sich gebildet, nach dem in Zukunft alles ablaufen würde.

    Da hatte ich mich bereits jahrelang ärgern, nerven und triezen lassen, ohne auf die Idee zu kommen: Du kannst was dagegen tun. Du brauchst es nur anders zu machen.

    Der Klingelton von der »Wäsche« meiner Kindheit hatte mich im Griff. Damals.

    Manches Begreifen dauert Jahrzehnte. Heute singt mich Bobby McFerrin über mein Smartphone ganz entspannt an: »Don’t Worry, be Happy«, wenn mich jemand erreichen möchte. Dann gehe ich hin, oder ich gehe nicht hin. Und lege es unter „Dazugelernt“ ab.

    (Kurzgeschichte aus „Das Buch für alle Tage„)

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    Den Text „Wenn es klingelte“ habe ich aus Das Buch für alle Tage zur Verfügung gestellt.

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    Irmgard Rosina Bauer ist Autorin von Lebens-Reisebüchern und Reiseerzählungen. In ihre Bücher verwebt sie ihre eigenen Lebens- und Reisegeschichten. Sie möchte Frauen Mut im Leben und zum Reisen machen.

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  • Stringenter Hausputz

    Kann ja nicht jeder …

    Es gibt so viele Arbeitsmethoden, wie es Menschen gibt. Und doch ist die allseits als die beste gepriesene eben die:

    1. Man setze sich ein Fernziel: Haus sauber

    2. Man unterteile es in Grobziele: Schlafzimmer, Bad, Küche, Wohnzimmer sauber

    3. Man definiere die Feinziele und beginne also: Schlafzimmer Betten machen, Klamotten aufräumen, Nachttische und Spiegelschrank abwischen, Bilderrahmen und Zierrate abstauben, staubsaugen.

    Diese Methode ist gut durchdacht und wird, seit es Häuser gibt, von vielen Menschen praktiziert. Zugegeben, ich bewundere diese vielen Menschen ob ihrer Liebe zur Hausarbeit, doch was ist mit mir?

    Auch ich beginne um neun Uhr im Schlafzimmer. Ich werfe schmutzige Socken und Unterhosen in den Wäschekorb, ich verleihe den Bettdecken adrettes Aussehen, dann folgt die Entrümpelung, vor allem die meines Nachtkästchens: Das Tagebuch ohne den gestrigen Eintrag klappe ich zu und stecke es in die Schublade. Die Zeitschrift von der vorletzten Woche mit der ansprechenden Headline habe ich immer noch nicht gelesen, also liegenlassen. Soll ich das Buch mit dem reizvollen Titel «Frauen setzen sich neue Ziele» nicht langsam wieder ins Wohnzimmerregal stellen, bis ich wirklich Zeit habe, es dranzunehmen? Eigentlich interessiert es mich brennend. Was stand nochmal auf dem Buchumschlag? Frauen brauchen neue Prioritäten – ja, das sollte ich dringend lesen. Und du stehst da und staubst Schlafzimmerspiegel ab, während draußen in der Welt wichtige Erkenntnisse ohne dich veröffentlicht werden! Wenn nicht jetzt, wird das Buch noch acht Wochen da liegen, weil du abends zu müde bist.

    Ist ja unheimlich fesselnd, hier auf Seite siebenundachtzig! Ganz plötzlich schlägt der Kirchturm zwölf an. Mist. Um eins kommen die Kinder von der Schule heim. Ich hatte versprochen, ihnen an meinem geschäftsfreien Tag etwas Gutes zu kochen. Wobei … ihr Appetit nach der Schule ist eigentlich kritiklos. Nudeln, ja, Nudeln sind immer im Haus und machen satt. Und es reicht, wenn ich um halb eins das Wasser aufsetze.

    Hurtig das Buch weggelegt und die herumliegenden Klamotten in den Schrank geschoben, den Schreibsekretär zugeklappt, staubsaugen kann ich ja am Nachmittag noch. Das Bad schaffe ich gerade noch, die Armaturen, okay, die Fliesen werden doch bei jedem Duschen wieder kalkig, das reicht auch nächste Woche. Der Spiegel geht diesmal noch so, bleiben Waschbecken, Wanne und Klo, schnell noch mit dem nassen Handtuch den Boden – und bevor mir noch ein weiterer Reim einfallen kann, klingelt es an der Tür. Dominik, sechzehn, hatte früher aus.

    »Was gibt’s zu essen?«

    Mir wird kurz heiß. Hatte ich nicht versprochen, vorgehabt, die Verpflichtung – hey, das wäre ja noch schöner! Die Kinder meine Chefs? Die Liebe sei das herrschende Element! »Mein Lieber, ich habe mich überschätzt, könntest du mal das Nudelwasser aufsetzen?«

    Und Dominik lächelt verschmitzt: »Soso, du hast dich wieder mal überschätzt?«

    Die Teller vom Vorabend in der Küche stören Dominik überhaupt nicht. Mit Hingabe verfeinert er die Tomatensoße aus der Packung, Sahne, Butter und Kräuter gibt er rein, es duftet schon herrlich, sogar Zwiebeln hat er geschnitten und angedünstet, während ich nochmal in dem interessanten Buch – nun ja, als die drei anderen kurz nach eins hereinstürmen, duftet es herrlich, Dominik hat den Tisch gedeckt. »Erziehung gelungen!«, denke ich stolz, sogar einen knackigen Gurkensalat hat er hingehobelt. Dafür liest er schließlich nicht gerne und schlägt in Kochen und Lesen seinem Vater nach. Können ja nicht alle Menschen das Gleiche tun.

    »Aha, Mama war zu Hause, gibt’s wieder Nudeln!«, bemerkt Markus, dreizehn, ebenfalls verschmitzt, als er in den Topf schaut und ihn auf den Tisch holt, und Julia, zwölf, die als erste zu essen beginnt, sagt:

    »Wieso, Mamas Nudeln schmecken immer noch besser als die von Maggi!«

    Und bevor sich noch das kollektive Unbewusste gegen mich erheben kann, verspreche ich, mit ihnen allen am Nachmittag Eis essen zu gehen und das Staubsaugen auf den Abend zu verschieben.

    Diese Hausputzmethode bezeichnet man unter Könnern als kreativ. Ich akzeptiere durchaus, dass vielen Menschen der Reiz dieser Art zu arbeiten verborgen bleiben muss. Kann ja nicht jeder das Gleiche tun.

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    Den Text „Stringenter Hausputz“ habe ich aus Das Buch für alle Tage zur Verfügung gestellt.

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  • Monatsgedicht zum Mai

    Die Maischolle


    „Heute fisch ich mir ne Scholle“,
    sagt Knut Nils in seiner Jolle.

    „Im Mai ist sie besonders zart
    Da lohnt sich für mich jede Fahrt!“

    Am Nordseestrand, da war das so.
    Dann zog er weg, nach Gütersloh.

    Als er da keine Scholle fand,
    kehrt‘ er um und ging an Land.

    „Du Esel“, sagt da seine Frau,
    „du bist doch wirklich nicht sehr schlau!

    Bei uns, das weiß doch jedes Aas:
    Auf unsrer Scholle wächst nur Gras!“




    von Irmgard Rosina Bauer

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  • Über die Muße

    Um ins Schreiben zu kommen, bedarf es der Muße. O du wunderbare Muße! Heißt: Ideen ausspinnen dürfen und zu einer Geschichte, also einem kleinen Werk, umgestalten. Ich nenne es absichtlich nicht »umarbeiten«. Arbeiten ist für mich mit Broterwerb belegt. Arbeiten und damit Geld verdienen, so sieht es auch die volkswirtschaftliche Definition. Gestalten ist für mich frei von dem Ziel im Hinterkopf, damit Geld verdienen zu wollen, zu müssen. Gestalten ist frei sein, gehen lassen, laufen lassen, kommen lassen, aus der Luft aufgreifen, sich hingeben, träumen, sinnieren, transformieren, anders sehen, neu besetzen, in andere Gärten pflanzen, in neue Räume tragen, aufbauschen und übertreiben oder reduzieren und kleiner machen, Geheimnisse verleihen und Deutungsmöglichkeiten hinzufügen. Das Auskosten solcher Gestaltungsmöglichkeiten kann kein Ende nehmen, es gibt kein Ende. Wenn aber »am Ende« dabei Geld herauskommt – auch gut.

    (zitiert aus: Das Buch für alle Tage)