Kategorie: Pause. Punkt.

Diese Texte entstehen aus Momenten des Innehaltens – mitten im Leben.
Hier geht es nicht um Entschleunigung als Programm, sondern um kurze Unterbrechungen, die gut tun.
Kurzgeschichten, Gedanken, Miniaturen oder auch mal Reimgedichte für Menschen, die zwischendurch kurz ausruhen – oder aussteigen? – möchten, ohne gleich alles ändern zu müssen.

Die Texte sind

  • kurz

  • beobachtend

  • ohne Geschichte

  • ohne Entwicklung

  • eher ein Gedanke als ein Erlebnis

  • Wenn es klingelte

    „Dazugelerntes“

    Meine Eltern hatten ein Nebengebäude an das bestehende Siedlungshaus angebaut. Vielleicht konnte meine Mutter mit einem Wäscheannahmebetrieb den knappen Arbeiterlohn meines Vaters aufstocken, dachten sie.

    Ja, das Geschäft lief an, und wer aus der Familie sich gerade in der Küche oder sonst wo als nächster im Haus aufhielt, lief rüber zur Wäsche, so nannten wir es, wenn mit dem Eintreten von Kunden die automatische Türklingel für uns unüberhörbar ertönte. Trip Trap, Trip Trap, hieß es dann, hinübergelaufen und die Kunden bedienen, die ihre schmutzige Wäsche ablieferten oder sie sauber wieder abholten.

    Das Nebengebäude hatte zwei Zimmer, die mit dem bestehenden Haus, in dem wir wohnten, mit mehreren Durchgangszimmern verbunden waren. Also: Ins Wohnhaus kam man durch das Gartentürl und dann bei der Eingangstür herein. Man passierte den Gang, kam in die Küche, die eine Wohnküche mit Ess- und Arbeitstisch war. Darin spielte sich der Alltag in der Familie ab, darin hielt sich Mutter zur Hausarbeit, zum Kochen und mit dem häufigen spontanen Besuch von Freunden auf. Wenn man aus der Küche links abbog, gelangte man durch die abgehende Tür ins Wohnzimmer, in dem ich meine Hausaufgaben machte. Stracks durch dieses Zimmer hindurch lief man zu einer weiteren Tür, hinter der zwei Stufen hinabführten in das Schlafzimmer, das bereits im Nebengebäude lag. Hier hindurch, in derselben Flucht, kam man endlich in das letzte Zimmer in der Reihe, da war die Wäscheannahmestelle untergebracht, in die man als Kunde von rechts außen ein- und austrat.

    Kaum waren die Kunden mit einem Klingeln der Tür wieder hinaus, lief Mutter zurück: Von der Wäsche über Schlafzimmer, Wohnzimmer zur Küche oder über Gang und Eingangsbereich weiter hinaus in den Garten, wenn sie gerade dort zu tun hatte.

    Freilich war es oft auch meine Aufgabe, Mutter zu vertreten, wenn es in der Wäsche klingelte. Sehr oft, zu oft. So oft, dass ich später noch, als die Wäsche längst wieder aufgegeben war, von diesem Klingelton hässliche Träume hatte. Denn das Klingeln zerriss alle Muße, alle Konzentriertheit bei Hausaufgaben oder Lesen oder Spielen, das Klingeln war allgegenwärtig. Der Laden war schließlich Montag bis Freitag ganztägig geöffnet und am Samstag bis Mittag. Er funktionierte über sein Türklingeln.

    Später dann, als ich schon verheiratet war, Kinder hatte und mit meinem Mann zusammen ein Delikatessengeschäft führte, das etwa zehn Minuten zu Fuß von unserem Zuhause gelegen war – wie war ich da oft genervt vom Telefonklingeln bei uns zu Hause. Die damals allerneueste Telefontechnik erlaubte es, Telefonanrufe für den Laden an unser Heimtelefon weiterzuleiten, wenn Mittagspause war oder Abend oder Morgen oder wenn die Verkäuferinnen gerade zu viele Kunden zu bedienen hatten und nicht ans Telefon gehen konnten. Nach viermal Klingeln im Laden läutete es bei mir zu Hause. Der Service am Kunden verlangte, immer erreichbar zu sein.

    Wie oft hatte ich hektisch mittags um ein Uhr den Laden abgeschlossen, wenn ich Vormittagsdienst hatte, war nach Hause geeilt, um den Kindern, die aus Schule und Kindergarten nach Hause kamen, ein schnelles Mittagessen zu kochen, um dann, wenn die Verkäuferin ihren freien Tag hatte, am Nachmittag um halb drei den Laden wieder aufzusperren. Das war gerade so zu schaffen, mit Hin- und Rückweg.

    Doch wenn dann, während die schnelle Pastasoße auf dem Herd köchelte und die Nudeln abgegossen werden wollten und die Kinder sich gerade in den Haaren hatten oder ich gerade die Windeln des Jüngsten wechselte, wenn dann das Telefon klingelte und ein Kunde eine Bestellung aufgeben oder auch nur wissen wollte, wann wir am Nachmittag wieder öffneten, da fiel es mir sehr schwer, meine Stimme auf sachlich und freundlich umzustellen. Da wäre ich manchmal sehr gerne nicht hingegangen. Doch nein, das ging nicht. Das konnte ich nicht. Das durfte ich nicht. Klingeln hatte Vorrang vor allem Privaten. Da ging man hin. Nichts war wichtiger.

    Dagegen ist nichts einzuwenden. So war es eben.

    Was mich allerdings später, als wir den Laden nicht mehr in dieser Form betrieben, stutzig werden ließ, war ein Gedankenblitz der Erkenntnis.

    Warum nur hatte ich nicht die Kraft, das Telefon einfach klingeln zu lassen?

    Warum nur ließ ich keinen Anrufbeantworter installieren?

    Warum nur schaltete ich die Rufumleitung nicht einfach ab?

    Warum nur ließ ich mich derart nervtötend von unserem Telefon terrorisieren?

    Erst später wurde mir die Antwort klar:
    Weil das Telefonklingeln dem Klingelton in unserer Heißmangel ähnelte. Das Klingeln war als etwas »Dazugehöriges« in meinem Kindheitsbewusstsein abgespeichert worden und in mein Erwachsenenunterbewusstsein gewandert, und ich ertrug später das Klingeln des Telefons klag-, macht- und hilflos, obwohl es mich unendlich nervte. Ein Muster des Klingelns hatte sich gebildet, nach dem in Zukunft alles ablaufen würde.

    Da hatte ich mich bereits jahrelang ärgern, nerven und triezen lassen, ohne auf die Idee zu kommen: Du kannst was dagegen tun. Du brauchst es nur anders zu machen.

    Der Klingelton von der »Wäsche« meiner Kindheit hatte mich im Griff. Damals.

    Manches Begreifen dauert Jahrzehnte. Heute singt mich Bobby McFerrin über mein Smartphone ganz entspannt an: »Don’t Worry, be Happy«, wenn mich jemand erreichen möchte. Dann gehe ich hin, oder ich gehe nicht hin. Und lege es unter „Dazugelernt“ ab.

    (Kurzgeschichte aus „Das Buch für alle Tage„)

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    Den Text „Wenn es klingelte“ habe ich aus Das Buch für alle Tage zur Verfügung gestellt.

    Wer schreibt hier?

    Irmgard Rosina Bauer ist Autorin von Lebens-Reisebüchern und Reiseerzählungen. In ihre Bücher verwebt sie ihre eigenen Lebens- und Reisegeschichten. Sie möchte Frauen Mut im Leben und zum Reisen machen.

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  • Stringenter Hausputz

    Kann ja nicht jeder …

    Es gibt so viele Arbeitsmethoden, wie es Menschen gibt. Und doch ist die allseits als die beste gepriesene eben die:

    1. Man setze sich ein Fernziel: Haus sauber

    2. Man unterteile es in Grobziele: Schlafzimmer, Bad, Küche, Wohnzimmer sauber

    3. Man definiere die Feinziele und beginne also: Schlafzimmer Betten machen, Klamotten aufräumen, Nachttische und Spiegelschrank abwischen, Bilderrahmen und Zierrate abstauben, staubsaugen.

    Diese Methode ist gut durchdacht und wird, seit es Häuser gibt, von vielen Menschen praktiziert. Zugegeben, ich bewundere diese vielen Menschen ob ihrer Liebe zur Hausarbeit, doch was ist mit mir?

    Auch ich beginne um neun Uhr im Schlafzimmer. Ich werfe schmutzige Socken und Unterhosen in den Wäschekorb, ich verleihe den Bettdecken adrettes Aussehen, dann folgt die Entrümpelung, vor allem die meines Nachtkästchens: Das Tagebuch ohne den gestrigen Eintrag klappe ich zu und stecke es in die Schublade. Die Zeitschrift von der vorletzten Woche mit der ansprechenden Headline habe ich immer noch nicht gelesen, also liegenlassen. Soll ich das Buch mit dem reizvollen Titel «Frauen setzen sich neue Ziele» nicht langsam wieder ins Wohnzimmerregal stellen, bis ich wirklich Zeit habe, es dranzunehmen? Eigentlich interessiert es mich brennend. Was stand nochmal auf dem Buchumschlag? Frauen brauchen neue Prioritäten – ja, das sollte ich dringend lesen. Und du stehst da und staubst Schlafzimmerspiegel ab, während draußen in der Welt wichtige Erkenntnisse ohne dich veröffentlicht werden! Wenn nicht jetzt, wird das Buch noch acht Wochen da liegen, weil du abends zu müde bist.

    Ist ja unheimlich fesselnd, hier auf Seite siebenundachtzig! Ganz plötzlich schlägt der Kirchturm zwölf an. Mist. Um eins kommen die Kinder von der Schule heim. Ich hatte versprochen, ihnen an meinem geschäftsfreien Tag etwas Gutes zu kochen. Wobei … ihr Appetit nach der Schule ist eigentlich kritiklos. Nudeln, ja, Nudeln sind immer im Haus und machen satt. Und es reicht, wenn ich um halb eins das Wasser aufsetze.

    Hurtig das Buch weggelegt und die herumliegenden Klamotten in den Schrank geschoben, den Schreibsekretär zugeklappt, staubsaugen kann ich ja am Nachmittag noch. Das Bad schaffe ich gerade noch, die Armaturen, okay, die Fliesen werden doch bei jedem Duschen wieder kalkig, das reicht auch nächste Woche. Der Spiegel geht diesmal noch so, bleiben Waschbecken, Wanne und Klo, schnell noch mit dem nassen Handtuch den Boden – und bevor mir noch ein weiterer Reim einfallen kann, klingelt es an der Tür. Dominik, sechzehn, hatte früher aus.

    »Was gibt’s zu essen?«

    Mir wird kurz heiß. Hatte ich nicht versprochen, vorgehabt, die Verpflichtung – hey, das wäre ja noch schöner! Die Kinder meine Chefs? Die Liebe sei das herrschende Element! »Mein Lieber, ich habe mich überschätzt, könntest du mal das Nudelwasser aufsetzen?«

    Und Dominik lächelt verschmitzt: »Soso, du hast dich wieder mal überschätzt?«

    Die Teller vom Vorabend in der Küche stören Dominik überhaupt nicht. Mit Hingabe verfeinert er die Tomatensoße aus der Packung, Sahne, Butter und Kräuter gibt er rein, es duftet schon herrlich, sogar Zwiebeln hat er geschnitten und angedünstet, während ich nochmal in dem interessanten Buch – nun ja, als die drei anderen kurz nach eins hereinstürmen, duftet es herrlich, Dominik hat den Tisch gedeckt. »Erziehung gelungen!«, denke ich stolz, sogar einen knackigen Gurkensalat hat er hingehobelt. Dafür liest er schließlich nicht gerne und schlägt in Kochen und Lesen seinem Vater nach. Können ja nicht alle Menschen das Gleiche tun.

    »Aha, Mama war zu Hause, gibt’s wieder Nudeln!«, bemerkt Markus, dreizehn, ebenfalls verschmitzt, als er in den Topf schaut und ihn auf den Tisch holt, und Julia, zwölf, die als erste zu essen beginnt, sagt:

    »Wieso, Mamas Nudeln schmecken immer noch besser als die von Maggi!«

    Und bevor sich noch das kollektive Unbewusste gegen mich erheben kann, verspreche ich, mit ihnen allen am Nachmittag Eis essen zu gehen und das Staubsaugen auf den Abend zu verschieben.

    Diese Hausputzmethode bezeichnet man unter Könnern als kreativ. Ich akzeptiere durchaus, dass vielen Menschen der Reiz dieser Art zu arbeiten verborgen bleiben muss. Kann ja nicht jeder das Gleiche tun.

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    Den Text „Stringenter Hausputz“ habe ich aus Das Buch für alle Tage zur Verfügung gestellt.

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    Irmgard Rosina Bauer ist Autorin von Lebens-Reisebüchern und Reiseerzählungen. In ihre Bücher verwebt sie ihre eigenen Lebens- und Reisegeschichten. Sie möchte Frauen Mut im Leben und zum Reisen machen.

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  • Monatsgedicht zum Mai

    Die Maischolle


    „Heute fisch ich mir ne Scholle“,
    sagt Knut Nils in seiner Jolle.

    „Im Mai ist sie besonders zart
    Da lohnt sich für mich jede Fahrt!“

    Am Nordseestrand, da war das so.
    Dann zog er weg, nach Gütersloh.

    Als er da keine Scholle fand,
    kehrt‘ er um und ging an Land.

    „Du Esel“, sagt da seine Frau,
    „du bist doch wirklich nicht sehr schlau!

    Bei uns, das weiß doch jedes Aas:
    Auf unsrer Scholle wächst nur Gras!“




    von Irmgard Rosina Bauer

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    Irmgard Rosina Bauer ist Autorin von Lebens-Reisebüchern und Reiseerzählungen. In ihre Bücher verwebt sie ihre eigenen Lebens- und Reisegeschichten. Sie möchte Frauen Mut im Leben und zum Reisen machen.

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  • Über die Muße

    Um ins Schreiben zu kommen, bedarf es der Muße. O du wunderbare Muße! Heißt: Ideen ausspinnen dürfen und zu einer Geschichte, also einem kleinen Werk, umgestalten. Ich nenne es absichtlich nicht »umarbeiten«. Arbeiten ist für mich mit Broterwerb belegt. Arbeiten und damit Geld verdienen, so sieht es auch die volkswirtschaftliche Definition. Gestalten ist für mich frei von dem Ziel im Hinterkopf, damit Geld verdienen zu wollen, zu müssen. Gestalten ist frei sein, gehen lassen, laufen lassen, kommen lassen, aus der Luft aufgreifen, sich hingeben, träumen, sinnieren, transformieren, anders sehen, neu besetzen, in andere Gärten pflanzen, in neue Räume tragen, aufbauschen und übertreiben oder reduzieren und kleiner machen, Geheimnisse verleihen und Deutungsmöglichkeiten hinzufügen. Das Auskosten solcher Gestaltungsmöglichkeiten kann kein Ende nehmen, es gibt kein Ende. Wenn aber »am Ende« dabei Geld herauskommt – auch gut.

    (zitiert aus: Das Buch für alle Tage)

  • Über Schreibblockaden

    Schreibblockade? Jeder, der auf Kommando einen Text schreiben muss, kennt sie wohl. Auch bekannte Schriftsteller sind davon betroffen und haben reichlich versucht, die Ursachen zu erforschen.

    Meine Lösung ist: Niemals mit einem leeren Blatt anfangen. Meist löst sich meine Schreibhand (und mein blockiertes Gehirn) auf, sobald schon ein paar Zeilen Geschriebenes dastehen, irgendwas, und schon kann ich drauflosschreiben – und werde damit lockerer für meine geplante Schreibaufgabe.

    Auch habe ich immer mehrere Projekte gleichzeitig am Laufen. Komme ich also in dem einen nicht weiter, nehme ich mir ein anderes vor. Dadurch gewinne ich Abstand – und mit dem nächsten Versuch kann ich meist auch im ersten Projekt wieder anknüpfen.

    Der Nachteil dieser Methode ist freilich, dass ich mir häufig vorkomme, als zöge ich eine breite Egge durch meinen Schreib-Acker: Es kostet mich viel Energie, die Projekte miteinander (und nicht eins nach dem anderen) zu Ende zu bringen.

    Andererseits: Wer schon bringt ein ganzes Buchprojekt mühelos ans Ende? Letztlich gilt nur das Fertigwerden, mit welcher Methode des Schreibblockadenüberwindens auch immer.

    Woher die Blockade kommt? Sie wird wohl ihre Gründe haben, denke ich mir oft, und mache mir aber, mit oben beschriebenem Vorgehen, darüber nicht weiter Gedanken.

    (Gedanken aus „Das Buch für alle Tage„)

  • Ein unlogischer Kühlschrank

    Unsere Küche hat einen großen Nachteil: Der Austausch des Single-Kühlschranks, der seinerzeit in dem Sonderangebot »Küchenzeile, erweiterungsfähig« impliziert war, wurde nie vollzogen.

    Inzwischen sind wir sechs Personen im Haushalt.

    So liegt die Butter auf dem Sahnebecher, auf der Butter die Deckelbox mit der Wurst, auf der Deckelbox mit der Wurst das Paket Tortellini. Rund um den Sahnebecher werden, zur Stabilisierung des Oberbaus, die drei im Anbruch befindlichen Marmeladengläser kreisförmig angeordnet. Die Eiablage war damals sehr schnell im Keller gelandet, um für nie Aufgebrauchtes Platz zu schaffen: die Cumberlandsoße, der Meerrettich im Glas, die Sojasoße, die Worcestersoße, das Tomato-Chutney, das dann doch nicht geschmeckt hat, das Glas Wachteleier, aus dem die letzten drei Eier einfach nicht gebraucht werden, das Glas serbisches Ajvar, das, so scharf wie es ist, nie zu Ende geht. Die Eier haben dafür in der Küche einen Freiluftplatz bekommen.

    Der Platz in der Kühlschranktür, der durch das ausgebaute Butterfach frei geworden ist, beherbergt jetzt eine Flasche Milch und zwei Flaschen Weißbier.

    Da das Flaschenfach in der Kühlschranktür in der Regel blockiert ist durch zwei Flaschen Pils, zwei angebrochene Flaschen Weißwein, eine Flasche Schampus, mehr Platz ist nicht, deshalb steht die zweite Flasche Milch und manchmal auch die dritte (für das Cornflakes-Frühstück der vier Kinder lebensnotwendig) neben dem Sahne-Marmeladen-Butter-Wurst-Tortellini-Turm am Grunde des Kühlschranks, wo wir schon längst die Gemüseschübe entfernt haben. Karotten, Salat, Gurke, Tomaten, Auberginen und Zucchini finden also ihren Platz in einem dreistöckigen Hängekorb seitlich des Kühlschranks. Und wenn es nicht am selben Tag verbraucht wird, hängt es eben noch mehr.

    Die kleine Stufe für das Abtauwasser in unserem Kühlschrank ist mit seinen zehn Zentimetern Zwischenraum der ideale Abstellplatz für Joghurtbecher. Das Tauwasser, das auf dem Joghurtdeckel immer wieder anfriert, hält ihn stets schön frisch.

    Wir kommen zum Ende. Kochreste vom Tag vorher quetschen sich auf einem schmalen Gitterrost, über dem Sahne- bis Tortellini-Turm neben ein Senfglas, und auch die Preiselbeeren stehen hier.

    Täglicher Streit ist unvermeidlich: Warum steht die Milch wieder draußen? Hält denn hier keiner Ordnung? Wo soll ich jetzt bitte das Fleisch hinpacken?

    Ich reihe unseren Kühlschrank ein in die Liste der hundert Baustellen, die angeblich jeder Mensch in seinem Leben hat.

  • Valencia

    Leben pur

    Du steckst mich an mit deinen Liedern,
    sie stecken mir schon in den Gliedern,
    ich spring und hüpf und spür mich schwingen,
    wenn du lässt deine Sprache singen.

    Man isst und trinkt, dann macht man Siesta,
    um fit zu sein zur nächsten Fiesta.

    Die Liebe leb und find ich hier.
    Du bist mein Schwarm, das sag ich dir!
    Als Stadt bist du voll Leichtigkeit,
    kein Zwang scheint hier, nicht Eitelkeit.

    El sol, der Sonne Helligkeit
    versprüht Lust, Laune jederzeit.

    Das Meer, der Strand, Café, der Wein -
    so lass auch ich die Arbeit sein
    und spute mich - lasst mich noch rein!
    Auf keinen Fall bleib ich allein

    in Valencia!

    von Irmgard Rosina Bauer

    Hier habe ich den Valencia-Text für dich auf YouTube eingesprochen:

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    Irmgard Rosina Bauer ist Autorin von Lebens-Reisebüchern und Reiseerzählungen. In ihre Bücher verwebt sie ihre eigenen Lebens- und Reisegeschichten. Sie möchte Frauen Mut im Leben und zum Reisen machen.

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  • Im Neuen Jahr

    Der Christbaum, der geleuchtet helle,
    liegt schon auf der Entsorgungsstelle.
    
    Der Jahresrückblick ist verblasst,
    der Forecast steht schon, als Kontrast.
    
    Silvester hab’n wir’s krachen lassen,
    wer wollt’ schon diesen Spaß verpassen!
    
    So manches Vorhaben uns freut.
    Manch andres uns bald wieder reut.
    
    Wer jeden Tag im See wollt schwimmen,
    lässt Trock’nes jetzt den Tag bestimmen.
    
    Wer sein Gewicht wollt’ reduzieren,
    müsste erst Süßes ignorieren.
    
    Ist es den Aufwand wirklich wert?
    Darf ich nicht leben unbeschwert?
    
    Wer sich das fragt im Januar,
    fang’ nochmal an im Februar!

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    Irmgard Rosina Bauer ist Autorin von Lebens-Reisebüchern und Reiseerzählungen. In ihre Bücher verwebt sie ihre eigenen Lebens- und Reisegeschichten. Sie möchte Frauen Mut im Leben und zum Reisen machen.

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  • Über ein Weihnachten bei den Bauers

    Weihnachten bei den Hoppenstedts über YouTube ansehen – ich hatte in den Siebzigern und Achtzigern keinen Fernseher, und meine mittlerweile erwachsenen Kinder eben auch nicht. Und ich war, als Rainer mir den Film vorführte, so herzhaft belustigt über die feine Sozialkritik und auch über die schon in den Siebzigern vorhandene – und immer noch genauso aktuelle, wie ich fand – Umweltproblematik, dass ich mir einen Lacherfolg in unserer großen Weihnachtsrunde bei Oma versprach.
    Die Leinwand war aufgebaut, der Beamer ausgerichtet, das YouTube herausgesucht und der Bluetooth-Lautsprecher verbunden, und nun los.
    Mirella muss mit David noch schnell was klären und tuschelt. David geht raus und kommt nach einiger Zeit wieder rein, um Mirella zuzuflüstern, was er gerade erledigt hat. Susanne schaut demonstrativ gelangweilt, weil sie das Stück schon kennt und vom gestrigen Vorfeiern bei Freunden noch fertig ist. Biggi kommt nach zehn Minuten dazu und möchte informiert werden, was da läuft. Als zwischendurch Omas Internetverbindung zu schwach und nur das Ladesymbol zu sehen ist und alle anwesenden Vierzehn- bis Vierzigjährigen Tipps geben zur Abhilfe, beginnen die Kinder, die auf dem Teppich liegend zuschauten, sich zu balgen und hören auch nicht auf, als es eine Minute später mit klarem Bild wieder weitergeht. Die Auszeit nutzend, war Alex aufgestanden, um sich noch ein Bier zu holen und fragt nun im Dunkeln herum, ob jemand den Öffner sieht. Seine Frau fragt ihn über den Tisch hinweg, ob sie auch einen Schluck kriegt, weil die Luft so trocken ist. Die Auflösung der Loriot-Geschichte naht, da öffnet sich lautstark die Tür, und Oma kommt mit ihrem Rollator herein und beansprucht ihren ureigenen Sitzplatz am Tisch, den Simone erst freiräumen muss. Nach den 23 Minuten Film war an den besonders feinwitzigen Stellen zu wenig gelacht worden, finde ich, und ich fühle mich verpflichtet zu erklären, welch hochaktuelle Thematik drinsteckt, was aber keiner lustig findet. Weihnachten bei den Hoppenstedts ist eben genauso wie Weihnachten bei den Bauers.