Schlagwort: Lebensreise

  • Zum ersten Mal als Frau allein reisen – ohne Kinder, ohne Mann

    Lebensreise · Erfahrungsbericht aus Anatolien

    Wenn du plötzlich allein losziehst – und keine Routine rettet

    Zum ersten Mal allein auf Reisen – gewonnen in einem Gewinnspiel. Und plötzlich steht sie da, die Frage, die man sich während der Familienphase nie gefragt hat: Wie geht Reisen, so ganz allein?

    Vielleicht kennst du das: Du freust dich auf Freiheit – und merkst gleichzeitig, wie ungeschützt sich alles anfühlt, wenn niemand neben dir läuft, der „dazugehört“.

    Was diese Reise für mich war

    Die Begegnungen mit Menschen und das tägliche Leben in Anatolien haben meine Reise besonders lebendig gemacht. Hier trifft Tradition auf Moderne, und das einfache Leben in den Dörfern erzählt von einer anderen Welt.

    Unterwegs zwischen Dorfleben und staubigen Straßen

    Unterwegs sah ich Nomadenfamilien, die auf einer Ebene nahe der Straße unter Plastikfolie saßen, während Hunderte Ziegen um sie herumhüpften. Reiche Hirten weben ihre Zelte aus Ziegenhaar, die im Sommer kühlen und im Winter wärmen.

    In den kleinen Städten wie Korkuteli zogen Pferde Zementsäcke und Gemüse durch die Straßen. Die Menschen erinnerten mich an die türkischen Gastarbeiter meiner Kindheit: dunkler Teint, gebeugte Haltung und oft ein ernster Gesichtsausdruck.

    Die Häuser in den Dörfern waren einfach, oft mit bunten Teppichen vor den Türen, die zum Trocknen aufgehängt waren. Ein kleines Geschäft führte nur die nötigsten Waren, und der nächste Baumarkt war eine Tagesreise entfernt.

    Aus Versehen in der Millionenstadt

    Aus Versehen – umso spannender – kam ich nach Denizli, einer Millionenstadt. Hier herrschte reges Treiben mit Menschen in traditionellen und modernen Kleidungen, die laut und lebendig ihren Alltag gestalteten.

    Werde ich jemals wieder zu meinem Hotel zurückfinden? Die Frage war irgendwie berechtigt.

    Der Moment, in dem das Abenteuer beginnt

    Im Nachhinein war mir klar: Augen zu und durch – das war die einzige Möglichkeit, diese vielen neuartigen, ungeschützten Erlebnisse überhaupt zuzulassen und zu bewältigen. Genau dort begann meine Abenteuerlust, die mir bis heute Lebendigkeit und Lebensfreude erhält.

    Die Ruhe der Berge bis zum pulsierenden Stadtleben – ich überall mit dabei. Mit allerlei Mut.

    🎧 Wenn du den Text lieber hören willst

    Die ganze Geschichte kannst zu auch auf YouTube in meiner Stimme hören – in dem Tempo, in dem sie entstanden ist.

    👉 Hier das YouTube-Video „Die Kinder sind groß! Eine überraschte Türkeireise“

    © Irmgard Rosina Bauer

    Aus dem Themenraum „Unterwegs & Reisen“

    Weiterlesen im Themenraum

    Wenn du magst, lies hier weiter: Unterwegs & Reisen · Arbeit, Wandel & Sinn

    Ein Gedanke zum Weiterlesen

    Erwarte hier bitte keine Checkliste für alleinreisende Frauen. Aus meiner Erfahrung ist sowieso jede Reise anders – und man macht für eine eigene Checkliste seine Erfahrungen, zur Unterstützung der persönlichen Entwicklung. Aber natürlich findest du in meinem Blog und in meinen Büchern dazu genug Stoff, um dich reinzulesen.

    Manche Gedanken begleiten länger. Aus solchen Texten entstehen bei mir Lesungen, Audios und kleine Sammlungen – für unterwegs oder ruhige Momente.

  • Zum ersten Mal allein auf Reisen

    Lebensreisen · Unterwegs & Reisen · Familie & Generationen

    Wenn die Kinder nicht mehr dabei sind

    Zum ersten Mal allein auf Reisen. Gewonnen in einem Gewinnspiel. Doch wie geht Reisen, so ganz ohne Kinder?

    Gänzlich unvorbereitet landete ich in Anatolien – und meine Abenteuerlust führte mich an jenem Tag zu Fuß in eine Landschaft voller Geschichte, Weite und Stille.

    Ein Ort, der größer war als meine Unsicherheit

    Plötzlich stand ich oben am Berg und sah vor mir die antike Stadt Hierapolis, die auf meinem Weg zu den Kalkterrassen von Pamukkale lag.

    Diese Stadt wurde von Hethitern, Lydern und später Römern bewohnt. Besonders beeindruckend ist das Theater mit seinen fünfzehntausend Plätzen, das von der einstigen Größe der Stadt mit etwa sechzigtausend Einwohnern erzählt.

    Die Nekropole mit ihren steinernen Mausoleen berichtet von einer längst vergangenen Zeit, während heute braungraue Geckos durch die Ruinen huschen. Die heißen Quellen waren schon in der Antike bekannt und geschätzt – selbst Kaiser Diokletian ließ hier verweilen.

    Allein unterwegs – und plötzlich klar

    Für mich war es ein Geschenk, diese Orte auf eigene Faust erkunden zu können. Ein Geschenk, zu erkennen: Es gibt ein Leben nach den Kindern.

    O ja.


    Manche Gedanken begleiten länger. Aus solchen Texten entstehen bei mir Lesungen, Audios und kleine Sammlungen – für unterwegs oder ruhige Momente. Die ganze Geschichte kannst du dir auf YouTube anhören, ich habe sie eingesprochen.



    Themenräume:
    → Unterwegs & Reisen
    → Familie & Generationen

  • Naturerlebnisse in Anatolien – Zwischen Taurusgebirge und Pamukkale

    Als Erlebnisfrau auf dem Lernpfad

    Die Kinder sind groß

    Zum ersten Mal allein auf Reisen. Gewonnen in einem Gewinnspiel! Doch wie geht Reisen, so ganz ohne Kinder?

    Anatolien ist eine Region voller beeindruckender Naturwunder und vielfältiger Landschaften. Diese Reise durch die Türkei führte mich durch Berge, Steinwüsten und Wasserlandschaften – und immer wieder auch zu mir selbst.

    Alleinreisende Frau in Anatolien unterwegs im Taurusgebirge

    Unterwegs durch das Taurusgebirge

    Unsere Fahrt begann in Antalya und führte uns über eine Passstraße durch das Taurusgebirge. Die Sandsteinfelsen sind hier stark zerklüftet – weich, brüchig, vom Wind geformt. Wälder halten die Hänge zusammen, schützen vor Erdrutschen und Steinschlag.

    Ich war überwältigt von der wilden, unberührten Natur, die an mir vorbeizog. Nicht spektakulär im Sinne von Postkarten. Sondern still, weit und kraftvoll.

    Nomaden, Berge und Übergänge

    Wir passierten Termessos, eine antike Zollstadt auf über tausend Metern Höhe – ein Adlernest aus Stein. Anfang Mai kehren hier die Störche aus Afrika zurück. Nomaden ziehen mit ihren Ziegen in die kühlen Höhenlagen und bleiben bis zum Spätsommer.

    Die Landschaft wechselte zwischen Apfelplantagen, kleinen Siedlungen und karger Bergwüste. Weiche Hügel wirkten wie Sanddünen, daneben Steinflächen mit unzähligen Schafen – Bewegung ohne Ziel, und doch voller Ordnung.

    Pamukkale – Wasser, Kalk und Zeit

    Schließlich erreichten wir Pamukkale. Die weißen Kalksinterterrassen, entstanden durch Ablagerungen heißer Quellen, wirkten fast unwirklich. Barfuß ließ ich das warme Wasser über meine Füße fließen, spürte den glatten Kalk unter meinen Sohlen.

    Ein Ort, der nicht laut ist. Und gerade deshalb lange bleibt.

    Was bleibt

    Diese Reise zeigte mir: Ja, es geht auch mit wenig Geld! Sie war der Anfang zu vielen Reisen ohne Luxus, aber mit viel Erlebnis – allein als Frau unterwegs, oft mit Begleitung meiner erwachsenen Kinder. Eine spannende Zeit begann.

    Manche Wege öffnen nicht nur neue Landschaften, sondern auch neue innere Räume.

  • Gedicht zum 70. Geburtstag – eine Hommage an die Lebensreise

    Winterliche Szene mit Menschen auf einem zugefrorenen See vor der Münchner Blutenburg bei Sonnenuntergang

    Vorgestern bin ich siebzig geworden.
    Eine Zahl, die nicht laut daherkommt, sondern Gewicht hat.
    Nicht als Last – eher als Dichte. Als Sammlung von Jahren, Erfahrungen, Umwegen und Einsichten.

    Über viele Jahre hinweg habe ich im Freundeskreis Gedichte zu runden Geburtstagen geschrieben.
    Sie waren gedacht als kleine Wegmarken: humorvoll, ehrlich, manchmal auch ein wenig tröstend.
    Und plötzlich passt es auch für mich!

    Es ist gut. Vieles muss man nicht mehr erklären. Vieles aber hat sich inzwischen erklärt und sogar ge-klärt.


    Siebzig werden – ein Innehalten zwischen Rückblick, aber auch Weitblick

    Wenn jemand siebzig wird, dann hat sich Leben angesammelt.
    Jahre voller Tatendrang, Jahre voller Fragen, Jahre, die getragen haben – und solche, die schwer waren. Ja, auch bei mir war alles da. Viel Schönes, viel Schwieriges, manche Brüche. Und dann: Anlass zu viel Dankbarkeit.

    Und meine wichtigste Erkenntnis:

    Wenn ich so alt werde, wie meine Eltern, dann lebe ich noch 25 Jahre. Oh, da hätte ich noch Pläne! Ich freu mich drauf.


    Gedicht zum 70. Geburtstag

    Dieses Gedicht habe ich für runde Geburtstage im Freundeskreis geschrieben.
    Heute stelle ich es hier ein – unverändert.
    Zum Anhören steht es auch auf YouTube.

    Passt es auch für deine Freunde? Eltern, Onkel, Tante?

    Hommage an die Lebensreise

    Wenn von uns eine*r siebzig wird,
    dann hat man was erlebt.
    So manches aus manchem Jahrzehnt
    uns noch im Hirne klebt.

    So manches Jahr war Freude pur:
    Erfolg, Karriere, Geld.
    Ein Partner und ein Kind dazu,
    man fühlte sich als Held.

    So manches Jahr war g’scheit was los!
    Viel Hektik und Geschrei!
    Routine hätt man sich gewünscht –
    aber: null Chance dem Einheitsbrei.

    So manches Jahr vergessen macht’,
    dass Leben schön sein kann.
    Da hing man in der Hoffnung fest:
    ’s wird wieder, irgendwann.

    Nach manchem Jahr man erst versteht,
    wenn’s tiefer nimmer geht,
    dass Glück doch dann erst kommen kann,
    wenn man kräftig dran dreht.

    So vieles bleibt, was unklar ist,
    Weshalb, wieso, warum?
    Erst wenn man schließlich siebzig ist,
    Kümm-ert man sich darum.

    Wer bin ich, fragt sich jeder Mensch,
    kaum einer findt’s heraus.
    Bei manchem aber spürt man schon:
    Mit achtzig hat er ’s raus!

    Irmgard Rosina Bauer

    Hör es dir auch auf YouTube an oder gratuliere damit auch deinen 70-jährigen Eltern, Onkels, Tanten, Freunden.


    Was sich mit siebzig verändert

    Siebzig ist kein Abschluss.
    Es ist ein Punkt, an dem man innehält und sagt:
    So war mein Weg – und so gehe ich weiter.

    Autorin Irmgard Rosina Bauer im Winter – Porträt zum Gedicht zum 70. Geburtstag

    Und so vieles will ich immer noch machen, tun, erreichen – ja, das Leben ist längst nicht zu Ende!


    Gedanken, die bleiben dürfen

    Manche Texte begleiten länger.
    Sie tauchen wieder auf – beim Lesen, beim Vorlesen, beim Wiedererkennen.

    Aus solchen Gedichten entstehen bei mir später Audios oder kleine Sammlungen –
    für ruhige Momente, für unterwegs, für Menschen, die gern mit Worten gehen.

    (Mehr dazu findest du in der Rubrik „Poesie & Reime“.)

  • Platzsuche – eine Lebensreise beginnt

    Buchcover „Und sonst nichts“ von Irmgard Rosina Bauer – illustrierte Camping- und Reiseszene mit Auto, Zelt und Figuren in der Natur
    Reiseführer „Frankreich / France“ von Marco Polo – Spiralbindung, Titelbild mit Küstenlandschaft und Meer

    Die Erlebnisfrau – Leben, Arbeit und Sinn in Bewegung

    YouTube-Folge 17 von 55 · Originaltext aus dem Reiseroman „Und sonst nichts“

    Wenn Aufbruch nicht nach Freiheit klingt

    Dieser Aufbruch endet in der Nacht – mit Müdigkeit, Unsicherheit und einer leisen Frage: Wo ist hier eigentlich Platz für mich?

    Die Kurzgeschichte „Platzsuche“ ist der Anfang meines Reiseromans Und sonst nichts. Nicht als Panorama von Landschaft. Sondern als innerer Moment – unterwegs, allein, wach.

    Der Text gehört zur Kategorie Lebensreisen und ist Teil einer Serie von 55 Kurzgeschichten. Das Buch wird aktuell als Hörbuch eingesprochen.

    Worum es in dieser Geschichte nicht geht

    Diese Geschichte ist keine Reisebeschreibung. Oder doch? Kein Campingratgeber. Kein Abenteuertext. Oder doch? Das Abenteuer heißt: Sich selbst kennenlernen. Oh!

    Nicht jede Enge ist sichtbar. Und nicht jede Angst ist neu.

    🎧 Die Geschichte als Video & Lesung

    „Platzsuche“ ist auch als Lesung auf YouTube erschienen. Du kannst den Text dort in meiner Stimme hören – in dem Tempo, in dem er entstanden ist.

    Hinweis: Der folgende Text ist eine literarische Erzählung. Nimm dir Zeit. Lies langsam. Oder höre ihn dir im Video an.

    „Platzsuche“

    Originaltext aus dem Reiseroman „Und sonst nichts“

    Platzsuche

    Ich nehme mit Merkür die erste Ausfahrt von Mulhouse und lande voll im Lande Peugeot: Eine usine an der anderen, eine garage löst die nächste ab, LKW-Parkplätze en masse, kein Mensch mehr unterwegs um diese Uhrzeit, also mal lieber weiterfahren, bisschen aus der Stadt hinaus vielleicht, aber wie geht’s bloß aus der Stadt raus, die Sonne ist weg, Himmelsrichtungen kann ich nicht erkennen, hoppla, mein Gefühl wollte ich auf dieser Reise sprechen lassen, was sagt mir nun mein Gefühl, nichts, es hat keine Ahnung. Eine Stunde lang. Inzwischen ist es ein Uhr.

    Meine Konzentration ist nach der langen Fahrt am Ende. Meine Augendeckel wollen schon längst nicht mehr. Ich teste in Gedanken verschiedene Plätze, ob da mein lieber Merkür stehen bleiben und parken möchte. Er möchte nicht.

    An vielen Plätzen möchte er nicht. Nicht im Industrieviertel (wer weiß, wieviele LKW-Fahrer da aus ihren LKWs zu mir ins Auto steigen könnten!), nicht im Stadtzentrum an einer unbeleuchteten Straße (wer weiß, welche Jugendlichen da randalieren!), nicht in der Villengegend (wer weiß, wie sehr ihre Besitzer mich am Morgen schief anschauen werden!). Bis wir beide irgendwie dann doch den Stadtrand gefunden haben. Schüchtern umrunden wir mehrfach ein großflächig angelegtes Hotel. Ob wir uns dort auf den Parkplatz stellen? Werden wir vom Nachtpförtner vertrieben, weil wir kein Hotelgast sind? Meine Müdigkeit erleichtert mir die Entscheidung, und wir postieren uns etwas abseits am Rand des Parkplatzes, an den eine weitläufige Wiese angrenzt. Verstohlen schleiche ich mich von der Fahrertür an der Rasenseite zur Heckklappe und nehme die mein Chaos wunderbar verhüllende gelb-blau gestreifte Ikea-Tagesdecke ab – nein, Schlafanzug ist nicht nötig – halt, noch ein leichter Klogang in die Wiese –

    Rücklings steige ich auf das Trittbrett. Wenn ich mich ducke, kann ich den Kopf nach hinten nehmen und meinen Körper ihm nachziehen, bis ich liege.

    Ganz schön eng hier oben! Beim ersten Mal, als ich vor einiger Zeit schon einmal mein Brettbett ausgetestet habe, war die Liegefläche leer gewesen, so dass ich mich darauf seitlich in der Waagerechten drehen konnte, doch jetzt: Die blaue Kühltasche teilt sich mit mir das Bett, die schwere Bücherkiste, einige Kleidungsstücke, der Waschbeutel, das alles habe ich hier oben abgelegt, weil da so viel Platz war, wohingegen alle Kisten unterhalb meines Brettbettes überquellen vor Dingen, die ich in den nächsten Wochen vielleicht brauchen könnte.

    Nein, es geht so nicht.

    Unter starken Verrenkungen bekomme ich den Hecktürengriff in die Hand, drücke ihn nach unten, ziehe mich hinaus, komme auf der Wiese in den Stand, räume die Bettplatte frei. Die Kühltasche bringe ich, immer leise, dass mich keiner hört, nach vorne auf den Beifahrersitz. Die Bücherkiste stelle ich auf den Beifahrerboden, Klamotten und Waschbeutel oben drauf. Ich gehe nach hinten, krieche rücklings wieder nach oben und komme zum Liegen, drücke den Türverriegelungsknopf.

    Nein, auch nicht gut, jeder kann mir am Morgen ins Gesicht schauen, da ich direkt auf Fensterhöhe schlafe.

    Habe ich plötzlich ein Problem?

    Ich krabble hinaus und krame in Merkürs Innerem nach den bunten Vorhangstoffen, die ich auf die Schnelle von daheim mitgenommen hatte, mit unklarem Plan – irgendwie würde ich sie dann schon befestigen können. Dabei bin ich so müde! Da sie das Klebeband nicht gehalten hat und sie immer wieder heruntergefallen sind, klemme ich sie in den Autotüren und -fenstern ein. Dass das nur vom Hotel keiner hört! Immer fein sachte die Türen zugedrückt! Gar nicht so leicht, die Hecktüren von innen zu schließen, schon gar nicht so leise, weil sich der Griff dafür, an dem ich ziehen kann, ausgerechnet in Schlafbretthöhe befindet. Ich muss noch rechtzeitig vor dem Klack meine Hand wegziehen, um sie nicht einzuquetschen.

    Da liege ich wieder. Neben mir das Lachgasspray. Und das Pfefferspray gegen Tiere.

    Aber das kannst du doch nicht im Auto verwenden, wenn dich jemand belästigt – das trifft dich doch selber!, schießt es mir durch den Kopf. Ich brauch wenigstens ein Messer! Noch einmal drehe ich mich in der Waagerechten, um mit dem Kopf zur Kofferraumtür zu liegen zu kommen, fiesele am Griff der Hecktüre, um sie zu öffnen – kaum, dass ich sie aufkriege – und suche mit der Taschenlampe aus einer Kiste mein Wildnismesser hervor, auf das ich so stolz bin, spitz, kurz und hart, der Griff aus feinstem Olivenholz.
    Bevor ich es neben meinem Kopfkissen ablege, halte ich kurz inne, öffne den Druckknopf der ledernen Scheide. In welchem Fall würde ich es anwenden? Vielleicht jemandem damit auf die Hand piken? Wann wäre die Gefahr bedrohlich genug, um zuzustechen? Oder würde ich in Panik geraten und zu früh loslegen?

    Endlich spüre ich meine Anspannung abklingen, die Stille ringsumher umfängt mich.

    Und plötzlich, uff, ist sie da, die Panik.

    Altes Zeug

    Panik! Nein! Nicht doch wieder! Panik! Wie damals! Hilfe! Luft! –

    Diese Enge, genau wie damals, ich bin imstande, alles kaputtzudrücken, ich brauche Platz!

    Impulsiv möchte ich nach oben aufschnellen, den Oberkörper aufrichten, doch das Autodach! Aufstehen und dann gleich aussteigen geht nicht. Hilfe! Plötzlich schnürt sich mir die Kehle zu, ich kriege keine Luft mehr, ich weiß ganz genau,        gleich ersticke ich! Ich krieg keine Luft!      Ich ersticke!       Luft!        Durch den Mund geht keine Luft mehr durch, zu trocken ist er. Schreien möchte ich, doch kommt es nicht.        Die Autodecke wölbt sich unter meinem Armdrücken – ich muss hier raus! Luft!      Ich sterbe, wenn ich hier nicht rauskomme!        Mein Herz schlägt laut.

    Bleib ruhig! Du musst, du musst dich zusammenreißen, das hier geht nur mit klarem Verstand! Du hast dir Platz gemacht, kannst dich seitlich wegdrehen.

    Mit aufeinandergepressten Lippen unter kurzen Atemstößen gelingt es mir, mich auf den Bauch zu drehen, ohne an dem bedrohlich nahen Autodach anzustoßen, den Oberkörper über die breite Bettbrettmatratze in der Waagerechten zu drehen, sodass der übrige Körper nachziehen kann, die Beine nun in Fahrtrichtung, Kopf und Hände zum Türgriff – der Griff, wo ist der verdammte Griff? Gleich zerreiße ich alles, ich ersticke! Ich zerspringe! Ich muss ersticken! Ich zersprenge die Autotür!

    Bleib ruhig, das hier geht nur mit Vernunft, sonst erstickst du, du musst Vernunft haben, hast es bis hierher geschafft, bleib ruhig, da ist doch der Griff.

    Ich ersticke! Rauf- oder runterdrücken? Ich ersticke! Ich muss jetzt sofort den Griff rausreißen, sonst komm ich hier nie raus, Hilfe!

    Du schaffst es, hast es doch damals auch geschafft. Gleich schaffst du’s. Nach unten drücken. Noch fester, du schaffst das, gleich hast du’s! Noch fester! Klack – klack rechts genauso –

    Mit einem kräftigen Stoß die eine Hälfte der Hecktüre, noch ein Stoß für die zweite – frei, ich kann atmen, auf dem Bauch, hebe den Kopf, die ganze freie Wiese vor meinen Augen, frei! Es duftet nach frischem Gras. Mein Herz höre ich bummern.

    Dass das nochmal kommen konnte!

    Dabei hatte ich sie doch überwunden gehabt, die Platzangst? Die Erinnerung an die Millenniumsnacht auf der Münchner Feiermeile zwischen Odeonsplatz und Siegestor. Dass das nie mehr kommen könne, hatte ich gemeint.

    Pah, wie stellt die sich an, dachte ich noch über eine Frau, die mir in der Enge der Menge entgegenstürmte. „Durchlassen!“, rief sie schrill, ihre Augen waren geweitet und angstvoll auf mich gerichtet, ihre Arme fuchtelten wild durch die Menschen. „Durchlassen! Mir ist zu eng!“ Mein Lächeln muss verächtlich gewesen sein, ich sehe mich noch verständnislos und borniert den Kopf schütteln.

    Es war keine Minute vergangen, bis dann plötzlich ich mich in der Menschenmenge eingedrückt fühlte. Links befand sich die Häuserwand, rechts begrenzte die Betonmauer zur U-Bahnstation den Engpass, den anscheinend alle Feierwilligen auf einmal in diesem Augenblick zu passieren gedachten. Die, die von der Ludwigstraße zurückkamen und die, die von der U-Bahn hochkamen und hin zur Ludwigstraße wollten.

     Die einen schoben mich von hinten nach vorn, wo auch ich hinwollte, doch die anderen kamen mir von vorn entgegen und drückten mich zurück, drückten, und plötzlich hatte ich keine freie Wahl mehr, war keine Handbreit mehr dazwischen, nicht vorne und nicht hinten und nicht zur Seite, immer noch mehr pressten sie mich ein, da war kein Platz mehr, gar kein Platz mehr zum Ausweichen – ich krieg keine Luft mehr, schoss es mir plötzlich ganz nüchtern durch den Kopf. Dann war es vorbei mit dem Denken. Ich krieg keine Luft mehr, schrei ich raus. Mein Kopf platzt gleich, spür ich. Keine Luft mehr! Nur noch schreien will ich, die Jacke reiße ich mir vorne auf, möchte nach vorne stieben. Eine unbändige Kraft spür ich, ich möcht sie alle weg boxen, nur noch frei atmen will ich, Luft haben, über sie drübersteigen möcht ich, auf ihre Schultern, schon hebe ich an – Lasst mich durch! Immer noch mehr Menschen wollen zu mir her, alle zu mir her, ich krieg keine Luft mehr, ich schreie, „Ich krieg keine Luft!“ und sehe in verständnislose Gesichter. Gleich wird mein Kopf platzen, spür ich, mein Brustkorb ist am Zerbersten, der BH engt meine Brust ein, ich muss den BH öffnen, ich krieg keine Luft, nur noch über die Leute drüber hechten möchte ich. „Ich krieg keine Luft!“, den BH kann ich nicht öffnen, hab die Sektflasche in der Hand, die muss weg, fallenlassen, egal, ich höre es zischen. Spüre Rieseln und knirschende Scherben unter meinen Füßen, habe nun beide Hände frei, um den BH zu öffnen, ist etwas besser, doch „Ich krieg keine Luft!“, immer wieder schreie ich in bornierte Gesichter. „Weg da, ich will raus!“

    Da höre ich neben mir eine ruhige männliche Stimme:

    „Schauen Sie nach oben! Nur nach oben. Sehen Sie, dort oben am Himmel ist so viel Platz für Sie! Sehen Sie die Sterne? – Immer nur nach oben schauen! – ja, kommen Sie – ich gehe voraus.“

    Wie ein Engel führte mich ein fremder Mann mit ruhigen Worten aus der Enge hinaus, nur ein paar Meter weiter, wo es wieder luftiger wurde.

    Acht Jahre hatte es dann gedauert, bis ich mich wieder in Menschenmassen begeben, mich zu Stoßzeiten in eine volle U-Bahn quetschen oder wieder aufs Oktoberfest gehen konnte.

    In irgendeiner Gehirnregion hatte sich die Erinnerung daran wohl unauslöschlich eingenistet.

    „Ich muss heut Nacht die Türen hinten offenlassen!“, schießt es mir aus dieser Gehirnregion durch den Kopf.

    © Irmgard Rosina Bauer

    Zur Serie „Und sonst nichts“

    „Platzsuche“ ist der Auftakt einer literarischen Lebensreise. Weitere Folgen aus Und sonst nichts werden hier im Blog und auf YouTube folgen. 

    Die Texte stehen für:

    • Neuanfang ohne Pathos
    • Selbstreflexion ohne Erklärung
    • Reduktion statt Selbstoptimierung
    • eine leise Liebeserklärung an Südfrankreich

     

    Ich freu mich, wenn du auch nächstes Mal wieder dabei bist.

    Deine Irmgard Rosina Bauer