Die Erlebnisfrau – Leben, Arbeit und Sinn in Bewegung
Manchmal sagt ein anderer einen Satz – und plötzlich steht das ganze Leben kurz still. „Welche Leichtigkeit du rüberbringst, Mama!“ Ich habe gelächelt. Und innerlich kurz nachgezählt. Denn leicht war ich lange nicht.
Wenn das Leben schwerer war, als es aussah
„Welche Leichtigkeit du rüberbringst, Mama!“, sagt meine Tochter zu mir, und macht mich damit sehr froh und glücklich, denn in ihrer Kindheit war ich alles andere als leicht drauf.
Da war ich eher überfordert von vier kleinen Kindern, einem stressigen Delikatessengeschäft, das mehr den Wünschen meines damaligen Mannes, ihres Vaters entsprach, von seinem Drängen nach einem luxuriösen, nach außen gerichteten Leben.
Und nun also transportiere ich Leichtigkeit!
Kann sein, dass ich dafür Jahrzehnte gebraucht habe.
Burnout, Zweifel – und der Weg zurück zu mir
Nach Jahren, in denen ich einem Burnout unterlegen hatte, in Depressionen festgehangen war, die mir dann aber auch wieder den Weg wiesen in ein leichteres Leben, eines nach meinem Sinn, nach meinen Wünschen.
Ja, das ist für mich das Geheimnis eines gesunden Lebens: Seine eigenen Bedürfnisse kennen, ernst nehmen und nach ihrer Befriedigung zu streben. Jeden Tag neu.
Ein einfacher Satz. Und gleichzeitig eine Lebensaufgabe.
Warum wir unsere eigenen Bedürfnisse oft verlieren
Meine Bedürfnisse waren damals, zu Raffaelas Kindheit, vor lauter Drunter und Drüber in einem prall gefüllten Alltag verschütt gegangen.
Zwischen Verpflichtungen, Erwartungen und dem Versuch, alles richtig zu machen, bleibt oft genau das auf der Strecke, was uns eigentlich trägt.
Man merkt es meist erst, wenn es fehlt.
Oder wenn man stehen bleibt. Oder liegen bleibt.
Allein unterwegs – meine Reise in die Cevennen
Um sie überhaupt wieder zu erkennen und zu finden, ging ich mit 52 Jahren auf eine Soloreise, eine Autopilgerreise, die ich mit meinem Merkür unternahm. Er war mein Auto und Gott der Reisenden zugleich.
Es ging nach Südfrankreich, mein Wunschland, ich allein fünf Wochen nur mit mir und mit groben Zielen: In die Cevennen wollte ich.
Von deren wilder, zackiger Schönheit ich viel gehört hatte, die schienen mir und meinem Seelenzustand zu entsprechen: wild und durcheinander.
Mit viel Angst, Zweifeln („Darf ich das?“) und innerem Chaos zog ich los ins Ungewisse.
Dort wollte ich mich finden. Wen überhaupt? Wer war ich denn? Wie erkannte ich mich denn?
Und dann wurde diese Reise zu einer der schönsten und wichtigsten in meinem Leben.
Und jetzt also attestiert mir meine Tochter Leichtigkeit.
Gibt es was Schöneres als das Gefühl, „es“ geschafft zu haben?
Leichtigkeit fällt nicht vom Himmel. Sie wächst. Still. Manchmal langsam. Und manchmal genau dann, wenn man aufhört, sie zu suchen.
Ein kleiner Gedanke zum Schluss
Vielleicht ist Leichtigkeit kein Zustand. Sondern eine Richtung.
Und vielleicht reicht es schon, wenn man sich jeden Tag ein kleines Stück in diese Richtung bewegt.
Mit einem Blick nach oben. Mit einem Schritt nach draußen. Oder einfach mit einem ehrlichen „Was brauche ich heute wirklich?“
Ein Teil dieser Lebensreise ist in meinem Reiseroman „Und sonst nichts“ festgehalten – und nun auch als Hörfassung erlebbar, gesprochen von Fine Thurmond mit ihrer warmen, klaren Stimme (siehe voice.of.josefine auf Instagram).
In den USA gibt es den „Look up at the Sky Day“, und er erinnert daran, innezuhalten und den Blick zu heben – weg vom Alltag, hin zu etwas Weitem, Größerem. Schau in den Himmel. Manchmal ist genau das die Lösung.
Die Erlebnisfrau – Leben, Arbeit und Sinn in Bewegung
Manchmal kippt ein Leben nicht mit großem Knall. Sondern fast unauffällig. Erst schleichen sich kleine Fehler ein. Dann Müdigkeit. Dann dieses Gefühl, nur noch irgendwie zu funktionieren. Und irgendwann sagt der Körper etwas, das sich mit Willenskraft nicht mehr wegdiskutieren lässt.
Diese Kurzgeschichte ist mir dazu wieder eingefallen – gerade an Tagen wie dem Weltgesundheitstag. Nicht als moralischer Zeigefinger. Sondern als Erinnerung daran, wie leise Überforderung beginnen kann. Und wie radikal ehrlich ein Satz werden kann: Ich kann nicht.
Blue Hawaii: Susannes Geschichte
Wenn Erholung immer dringlicher wird
Die Abstände, in denen Susanne Erholung suchte, wurden immer kürzer. Immer öfter unterliefen ihr Fehler in der Planung im Geschäft. Sie vergaß Termine, zu denen kalte Buffets bestellt waren – wie peinlich. Wie ärgerlich für die Kunden. Oder sie plante nicht genügend Personal ein, so dass großer Stress im Laden entstand.
Sie traf falsche Entscheidungen bei Warenbestellungen, so dass viele Artikel zu früh ausgingen oder wegen Übermenge verdarben. An der Kasse ertappte sie sich sehr oft, wie sie Wechselgeld falsch zurückgab – schlimmer noch: Meistens entdeckten es die Kunden, bevor sie es bemerkte. Ihre Handschrift konnte sie kaum selber noch lesen, so krakelig, fahrig, unsauber schrieb sie ihre Notizen.
„Mama, was hab ich gesagt? Du hast schon wieder nicht zugehört!“, tadelten die Kinder.
Sie war müde. Immer müde. Nicht nur physisch. Sie konnte sich kaum noch aufraffen zu ihren Aufgaben.
Wenn das Leben weiterläuft und innerlich schon etwas kippt
Die vielen Einladungen, die für Gernhardt Lebenselixier waren, wurden ihr lästig, obwohl auch sie immer gerne Gäste gehabt hatte. Keine Ruhe, keinerlei Absprachen. Jeder entschied nur für sich selbst. Immer hinterherlaufen den Terminen, alles nur mit Mühe zu schaffen.
Die Kinder meuterten, wenn es um die Erledigung der Aufgaben im Haus ging, sie machten ihre Hausaufgaben nicht mehr sorgfältig, die Lehrer riefen bei Susanne an, nicht bei Gernhardt. Sie spürte schon lange: Auch ihre Kinder brauchten mehr Aufmerksamkeit, jedes einzelne. Ruhe. Reden. Spielen. Auch mal mit ihnen, den Eltern, nicht sie immer nur wegschicken zu Freunden.
Sollte das die nächsten zwanzig, dreißig Jahre so weitergehen? Kam da nichts Schöneres mehr? War das das Leben?
Mehrfach kamen solche Fragen in ihr auf. Gerne hätte sie sich damit mehr befasst, doch mit wem sprechen? Alles drängte nur, immer schnell, keine Zeit zum Wünschen, einfach seine Arbeit tun, basta.
Wenn sie Gernhardt dann doch einmal darauf ansprach, war seine Antwort: Natürlich liebe ich meine Kinder. Aber sie werden groß und brauchen uns dann nicht mehr. Ich aber brauche dich. Wir beide müssen für unser Fortkommen sorgen, denn wir haben dann nur noch uns beide.
Der Tag, an dem Susanne nicht mehr aufstehen konnte
Am 11. November war das große Martinsgans-Essen im Haus angesetzt. Eltern, Geschwister und deren Familien würden zu Besuch kommen, so wie jedes Jahr.
Susanne grauste. Sie sah einen Berg Arbeit auf sich zukommen, dabei war sie so erschöpft. So unendlich müde war sie. Sie wollte absagen.
„Das kannst du mir doch nicht antun!“, reagierte Gernhardt auf ihren Wunsch. „So eine schöne Tradition ist das. So ein herrliches Fest ist das immer gewesen!“
„Komm, hilf mir in der Küche!“, rief Gernhardt dann am St.-Martins-Tag hoch ins Schlafzimmer, wo Susanne sich hingelegt hatte, weil sie sich so ausgebrannt fühlte wie nie zuvor.
Da lag sie. Wollte aufstehen.
Na klar helfe ich. Gleich kommen sie alle. Ich muss helfen.
Wollte aufstehen.
Was war denn plötzlich los?
Wie festgeklebt lag sie da.
„Ich kann nicht“, flüsterte sie.
„Komm endlich runter, ich brauch dich!“
„Ich kann nicht.“ Mit aller Kraft versuchte sie, lauter zu antworten, noch einmal, so dass er sie hörte.
„Ich kann nicht! Ich kann nicht.“
„Wie, du kannst nicht! Soll ich etwa alles alleine machen, oder wie? Weil du dich wie eine alte Oma schonen willst?“
„Ich kann nicht!“
Wenn der Körper stoppt und der Wille nichts mehr ausrichtet
Susanne lag da, lag einfach da. Sie wollte aufstehen. Sie wollte ihm zur Hand gehen, wie immer. Sie wollte –
Sie konnte sich nicht bewegen.
Sie lag auf ihrem Bett. Befahl sich aufzustehen. Doch ihre Beine hoben sich nicht. Keinen Millimeter. Wie von einem starken Magneten nach unten auf die Matratze gezogen. Ihre Arme – nichts. Nichts konnte sie bewegen. Nicht einmal die Finger rührten sich noch.
Sie wünschte sich aufzustehen. Natürlich wollte sie aufstehen und mithelfen. Doch sie konnte nur hauchen: „Ich kann nicht.“
Gernhardt war hochgekommen und stand an ihrem Bett.
„Du willst nicht!“, schrie er sie wütend an, warf die Arme hoch, rollte mit den Augen. In kurzen Bewegungen schüttelte er ungeduldig den Kopf. „Du kannst doch nicht einfach liegen bleiben!“
In seinen Augen stand empörtes Entsetzen. Gleich kämen die Gäste. In der Küche noch Drunter und Drüber, der Tisch noch nicht gedeckt, die Garderobe im Eingangsbereich noch übervoll mit Kinderjacken und vielen Schuhen, da konnte keiner durch.
Ja, das wusste sie. Immer hatte Susanne das Haus aufgeräumt. Das wünschte Gernhardt so, wenn Gäste angemeldet waren.
„So kann man doch keine Gäste empfangen, wie es bei uns aussieht!“, schrie er sie an. „Und du liegst im Bett und willst Madam spielen!“
Susanne lag da und rührte sich nicht.
„Jetzt reiß dich endlich zusammen und steh endlich auf!“
„Ich kann mich nicht bewegen.“
Wenn niemand versteht, was mit einer Frau gerade geschieht
Mit den Händen ringend, den Kopf heftig schüttelnd und laut schimpfend ging Gernhardt in die Kinderzimmer. Hielt die Kinder an, mitzuhelfen beim Aufräumen und Herrichten. Sie gehorchten auf der Stelle seinem scharfen Tonfall.
Susanne hörte das Geschirr klappern, die Gläser auf dem Tisch klirren, das Rascheln von Tüten, in die die Schuhe gestopft wurden, um sie im Keller verschwinden zu lassen mit all den herumliegenden Spielsachen. Die Düfte der Gans und der Enten aus der Küche wallten zu ihr hoch.
Ja, sie wollte helfen, wollte ihn gar nicht allein lassen mit all dem, sie wollte doch ihren Part erfüllen, so wie immer eben, sie konnte ihn doch jetzt nicht allein lassen.
Ein wildes Durcheinander in ihrem Kopf. Doch ihr Körper lag unbewegt da. Sie strengte all ihre Fantasie an und überlegte verzweifelt, wie sie sich unaufwändiger und schneller als geplant anziehen könnte, ob sie wirklich noch die Haare richten müsste.
Erneut versuchte sie, die Beine von der Matratze zu lösen und aus dem Bett zu heben.
Als sie ein heftiges Weinen überfiel. Sie weinte, weinte, weinte, schluchzte laut, immer lauter. Jetzt fängt sie auch noch zu heulen an, hörte sie Gernhardt von unten stöhnen, und da läutete auch schon die Türglocke.
Laut schluchzte sie. Die Kinder kamen abwechselnd zu ihr hinein, Lisa, Raffael, Dominik, Markus, sie fragten verstört, was denn los sei mit Mama, doch sie konnte nichts anderes hervorbringen als ein mattes: „Ich kann nicht aufstehen.“
Auch als ihre jüngere Schwester an ihr Bett trat, konnte sie nicht mehr sagen als das.
„Jetzt stell dich doch nicht so an!“, stieß auch sie aus und stapfte mit dem Fuß auf, bevor sie das Schlafzimmer verließ.
„Ihr ist nicht wohl“, hörte sie Gernhardt der Familie erklären, „lasst sie in Ruhe heute. Sie kann nicht runterkommen.“
Die Wochen danach: funktionieren mit halber Kraft
Tatsächlich ließ man sie schließlich ungestört liegen. Ihre Anspannung wechselte sich ab mit kraftloser Atemlosigkeit, erneutem Schluchzen und innerer Leere. Als über längere Zeit niemand in ihr Schlafzimmer gestürzt kam, empfand sie endlich tiefe Ruhe. Sie spürte ihre Glieder noch schwerer in das Bett hineinsinken. Dann konnte sie endlich einschlafen; sie schlief und schlief. Die anderen ließen sie bis zum nächsten Nachmittag einfach nur schlafen.
Die folgenden Tage und Wochen im Vorweihnachtsgeschäft konnte Susanne nur mit halber Kraft arbeiten. Sie tat ihre Pflicht, so gut sie konnte, doch der Schwung blieb aus, den Kunden und Freunde und Gernhardt so an ihr schätzten: die sportliche Schnelligkeit, das fixe Erledigen, die schnellen Entscheidungen, das fröhliche Lachen, die „mitreißende Lebensfreude“, die sie ihr häufig attestiert hatten.
Gernhardt, der viele Tätigkeiten von Susanne zusätzlich übernehmen musste, wurde zunehmend aggressiver. Er schaffte einfach nicht alles, und seine Frau hielt sich in ihrem Engagement vornehm zurück, warf er ihr lautstark vor.
„Dass du mich so hängen lässt! Im Weihnachtsgeschäft! Wo wir fast die Hälfte unseres Jahresumsatzes erwirtschaften! Darüber machst du dir wohl nie Gedanken, wie wir weiter leben sollen, was?“
„Aber Geld ist ja nicht so wichtig für dich!“, höhnte er.
Susanne war sehr bedrückt von ihrer Schwäche. Sie war doch sonst immer die Powerfrau gewesen. Als Übertyp bezeichneten sie manche Kunden. Sie wollte ihre Energie wieder haben. Laufen, rennen, powern, ja, sie wollte doch arbeiten.
Keine Chance. Susanne blieb schwach.
Mehrere Wochen. Bis in den Januar hinein.
Wenn aus Erschöpfung Verzweiflung wird
Gernhardt blieb vorwurfsvoll.
„Du ziehst dich aus unserer gemeinsamen Verantwortung zurück!“
„Du lässt mich allein mit dem Laden, wo ich doch auch noch den Weingroßhandel habe!“
„Du weißt genau, dass ich es allein nicht schaffe!“
Und: „Im Januar, da wollte ich doch mit dir wieder nach Hawaii fliegen!“
Susanne war aufgeschreckt, weil sie nicht mehr konnte. Die Diagnose „Depression“ – sie hatte schon mal gehört, dass es so etwas gab – hätte ihr keine Erleichterung gebracht. Das war ein geächteter Zustand, über den man nur hinter vorgehaltener Hand und bei geschlossenen Türen sprach.
Am liebsten wollte sie nur noch liegenbleiben und sterben. Dann müsste sie sich um nichts mehr kümmern, sich niemandem gegenüber mehr rechtfertigen. Sich einfach hinlegen.
Die Kinder, nur die Kinder, nicht Gernhardt, gingen ihr durch den Sinn. Nein, die konnte sie nicht auf diese Weise zurücklassen. Für sie wollte sie doch eigentlich mehr da sein. Sterben, nein, damit würde sie ihnen nicht weiter helfen, im Gegenteil, sie würde sie schon wieder allein lassen.
Doch wo ansetzen, wie anfangen, etwas zu ändern – und was überhaupt? Wie kam sie jemals aus diesem eingefahrenen Leben hinaus? Gernhardt, der Lebensunterhalt, das Geschäft, der Weingroßhandel, das Haus, die gemeinsamen Freunde. Es war alles ineinander verstrickt, ihre Wege waren verschlungen, wie ein harter, harter gordischer Knoten.
Doch wie ihn auseinanderschlagen? Mit welchem Schwert, an welchem Punkt?
Ein Kindersatz, der plötzlich den Weg zeigt
Vielleicht stellte sie sich ja tatsächlich an. Anderen ging es auch schlecht. Karin zum Beispiel hatte sie geschockt mit der Nachricht, dass sie Brustkrebs habe und operiert werden müsse. Im Gegensatz dazu ging es ihr, Susanne, doch gut?
„Mama, musst du auch repariert werden?“, fragte sie der kleine Raffael eines Abends, als sie ihn zu Bett brachte.
Verdutzt schaute sie ihn an, dann brach sie in ein erleichtertes Lachen aus.
Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme und drückte ihn zärtlich an sich.
„Nein, Mama muss nicht operiert werden“, sagte sie lächelnd.
Der kleine Schatz wusste genau Bescheid. Natürlich. Ja, sie musste zur Reparatur gehen. Sie musste es sich eingestehen. Sie war krank. Nicht wirklich. Doch in Wirklichkeit war sie krank.
Sie musste dort hingehen, zu der psychologischen Beratungsstelle. In der Münchner Straße hatte sie das Schild gesehen. Wofür gab es die denn sonst? Jawohl, auch für sie gab es die. Und für Raffael. Die würden seine Mama dort reparieren. Und für Lisa und Dominik und Markus würde sie den Schritt wagen.
Ja, sie würde sich einen Termin geben lassen. Ja, sie wollte ihr Leben wieder leben, in Kraft, mit Power, sie wollte für ihre Kinder wieder zum Übertyp werden.
Gernhardt? Er würde ihr nicht dabei helfen können. Nein, er nicht. Für ihn nicht. Für sich selbst würde sie jetzt ihre ganze Kraft brauchen.
Nahaufnahme eines karierten Notizbuchs mit handschriftlichen Gedanken, einzelne Zeilen sind gelb markiert. Das Bild vermittelt einen persönlichen, reflektierenden Moment und inneren Dialog.
Der erste eigene Wunsch: nicht Hawaii, sondern Nordsee
Vor ein paar Tagen hatte sie eine Kundin im Laden, die wortwörtlich sagte: „Ich liebe mein Leben.“ Was musste passieren, dass auch sie, Susanne, so einen Satz sagen konnte?
Ich liebe mein Leben.
Ihr kleiner Raffael hatte ihr die Antwort beigebracht. Sie musste sich reparieren lassen. Ihr Räderwerk wurde durch zu viel Reibung gebremst. Vielleicht fehlte nur ein wenig Öl?
Schon am nächsten Tag erhielt sie einen Termin bei ihrer Ansprechpartnerin.
„Wir beantragen als Erstes eine Kur für Sie, am besten eine Mütterkur.“
„Eine Kur?“
Susanne erschrak. Schon wieder irgendwohin wegfahren. „Wo denn?“
„Wo möchten Sie denn am liebsten hin?“
Unsicher schaute Susanne das freundliche Gesicht hinter dem Schreibtisch an. Durfte sie hier wirklich Wünsche äußern?
Die Frau sah sie erwartungsvoll an.
War das möglich? Ein einziges Rattern in Susannes Kopf. Wieder sah sie die Frau an.
So gerne wäre Susanne mal an die Nordsee gefahren. Dort musste es unwahrscheinlich schön sein. Doch Gernhardt hatte immer nur in den Süden gewollt, Italien, Südfrankreich, wo er seine Weine für sein Geschäft probieren und kaufen konnte. Oder nach Hawaii …
Dann belebte sich Susannes Gesichtsausdruck. Mit fester Stimme sagte sie:
„An die Nordsee. Ich möchte an die Nordsee.“
Die Dame nickte.
„Mit Raffael, meinem Jüngsten.“
Wieder nickte die Dame. War es wirklich so einfach?
Susanne lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück.
„Ja, an die Nordsee.“
„… zur Reparatur“, fügte sie lächelnd hinzu.
Warum diese Geschichte unter das Dach von „Die Erlebnisfrau“ gehört
Diese Geschichte gehört für mich genau hierher. Denn Lebensreisen beginnen nicht immer mit einem gepackten Koffer. Manchmal beginnen sie in einem Schlafzimmer, in dem jemand nicht mehr aufstehen kann. Manchmal beginnt der Aufbruch nicht auf einer Landkarte, sondern in dem Moment, in dem eine Frau zum ersten Mal einen eigenen Wunsch ausspricht.
Bei Susanne ist dieser Wunsch klein und gewaltig zugleich: An die Nordsee. Ich möchte an die Nordsee.
Darin steckt schon alles: Erschöpfung. Sehnsucht. Rettung. Richtung.
Und genau solche Momente interessieren mich. Nicht nur das schöne Reisen. Sondern die inneren Bewegungen, aus denen äußere Wege entstehen.
Wie aus diesem Moment später „Und sonst nichts“ wurde
Auch dort geht es um Ballast, um Erschöpfung, um die Frage, wie ein anderes Leben beginnen kann – und was geschieht, wenn eine Frau sich endlich selbst ernst nimmt. Mehr dazu findest du hier auf meiner Website: zum Reiseroman „Und sonst nichts“.
Und ja: Diese Lebensreise ist inzwischen auch als Hörbuch hörbar geworden – für alle, die sich solchen Geschichten lieber mit dem Ohr nähern. Hörproben gibt es auf meinem YouTube-Kanal, zum Beispiel „Karl Huberts Frankreich“.
Vielleicht beginnt Gesundheit mit einem ehrlichen Satz
Vielleicht ist das eine der stillsten Wahrheiten überhaupt: Gesundheit beginnt nicht immer mit Stärke. Manchmal beginnt sie mit dem Satz: Ich kann nicht.
Und manchmal ist genau dieser Satz kein Scheitern, sondern der erste ehrliche Schritt zurück ins eigene Leben.
Die Erlebnisfrau – Leben, Arbeit und Sinn in Bewegung
Ich bin unterwegs. In Japan. Und gleichzeitig ganz bei mir – und doch auch wieder nicht.
Es ist dieses seltsame Gefühl zwischen Fremdsein und Vertrautheit, das mich begleitet. Alles ist anders hier. Und genau deshalb beginnt etwas in mir still zu werden. Oder vielleicht endlich hörbar.
Ich reise nicht, um etwas zu sehen. Ich reise, um etwas zu verstehen. Und manchmal auch, um mich zu verlieren – in der Hoffnung, mich wiederzufinden.
Allein reisen – und plötzlich sich selbst begegnen
Allein unterwegs zu sein, ist nichts Neues für mich. Und doch ist jede Reise anders. In Japan fällt es mir besonders auf: Ich habe keinen Plan. Keine klare Route. Ich lasse mich treiben.
Und genau darin liegt die Herausforderung. Denn ohne Struktur kommt alles hoch, was sonst im Alltag keinen Platz hat: Zweifel, Fragen, alte Muster.
Warum bin ich eigentlich hier? Was suche ich? Und was, wenn ich nichts finde?
Japan – Fremde als Spiegel
Dieses Land ist so anders, dass ich mich selbst darin klarer sehe. Die Ordnung, die Ruhe, die Zurückhaltung – all das wirkt auf mich.
Ich bin Beobachterin. Und gleichzeitig werde ich beobachtet – von mir selbst.
Ich merke, wie wenig ich brauche. Und wie viel ich oft denke, dass ich brauche.
Unterwegs sein ohne Ziel – ist das genug?
Es gibt Tage, da laufe ich einfach los. Ohne Ziel. Ohne Erwartung. Und genau dann entstehen die Momente, die bleiben.
Ein Weg durch einen stillen Wald. Ein Tempel, der plötzlich auftaucht. Ein Blick, der hängen bleibt.
Und manchmal auch: Verloren gehen. Im Außen – und im Innen.
Warum diese Reise mehr ist als nur unterwegs sein
Ich merke, dass ich mich verändere. Nicht laut. Nicht spektakulär. Sondern leise.
Ich werde langsamer. Offener. Ehrlicher mit mir selbst.
Vielleicht ist genau das der Sinn dieser Reise. Nicht anzukommen. Sondern unterwegs zu sein – und dabei immer wieder bei mir selbst vorbeizukommen.
Und was bleibt?
Ich weiß es noch nicht.
Aber ich spüre: Es ist richtig, hier zu sein. So, wie ich bin. Ohne Plan. Ohne Ziel.
Die Erlebnisfrau – Leben, Arbeit und Sinn in Bewegung
🎧 Dieses Hörbuch wurde kürzlich in einem Podcast vorgestellt.
Ich kenne jedes Wort dieses Buches.
Ich habe es geschrieben, durchlebt, durchlitten, durchwandert. Und doch passiert gerade etwas, das ich nicht erwartet habe:
Ich höre mein eigenes Buch – und bekomme Gänsehaut.
Vom Schreiben ins Hören
Mein Reiseroman „Und sonst nichts“ erzählt von Rosi. 52 Jahre alt. Vier Kinder. Ein volles Leben. Und plötzlich die Frage:
Was will eigentlich ich?
Sie steigt in ihren Mini-Van „Merkür“ und fährt los. Nach Südfrankreich. Und – ohne es zu wissen – zu sich selbst.
Eine Reise mit wenig Geld, viel Unsicherheit – und immer mehr Klarheit.
Und dann kam eine Stimme dazu
Fine Thurmond spricht meinen Text.
Und sie macht etwas, was ich selbst nicht kann:
Sie nimmt sich Zeit.
Während ich schnell denke, schnell schreibe, schnell lebe, liest sie ruhig, präzise, mit Gefühl für jede Betonung.
Sie macht aus meinem Text ein neues Werk.
Ein kurzer Ausschnitt
Mit aufeinandergepressten Lippen unter kurzen Atemstößen gelingt es mir, mich auf den Bauch zu drehen, ohne an dem bedrohlich nahen Autodach anzustoßen… Ich ersticke! Rauf- oder runterdrücken? Ich ersticke! … Mit einem kräftigen Stoß die eine Hälfte der Hecktüre – frei, ich kann atmen. Die ganze freie Wiese vor meinen Augen. Frei.
Als ich diese Szene höre, passiert etwas Merkwürdiges mit mir:
Ich bin nicht mehr die Autorin. Ich bin Zuhörerin.
Ein neues Format – eine neue Tiefe
Fine Thurmonds Stimme macht aus meinem Schreibtext etwas Neues.
Beim Hören – im Auto, am Küchenherd, unterwegs beim Spaziergang – zieht sie mich wieder hinein in diese Reise.
In Rosis Außenwelt. Und gleichzeitig tief in ihre Innenwelt.
Und obwohl ich jedes Wort kenne, berührt es mich neu.
Es ist, als würde ich mein eigenes Buch zum ersten Mal erleben.
Wenn du plötzlich allein losziehst – und keine Routine rettet
Zum ersten Mal allein auf Reisen – gewonnen in einem Gewinnspiel. Und plötzlich steht sie da, die Frage, die man sich während der Familienphase nie gefragt hat: Wie geht Reisen, so ganz allein?
Vielleicht kennst du das: Du freust dich auf Freiheit – und merkst gleichzeitig, wie ungeschützt sich alles anfühlt, wenn niemand neben dir läuft, der „dazugehört“.
Was diese Reise für mich war
Die Begegnungen mit Menschen und das tägliche Leben in Anatolien haben meine Reise besonders lebendig gemacht. Hier trifft Tradition auf Moderne, und das einfache Leben in den Dörfern erzählt von einer anderen Welt.
Unterwegs zwischen Dorfleben und staubigen Straßen
Unterwegs sah ich Nomadenfamilien, die auf einer Ebene nahe der Straße unter Plastikfolie saßen, während Hunderte Ziegen um sie herumhüpften. Reiche Hirten weben ihre Zelte aus Ziegenhaar, die im Sommer kühlen und im Winter wärmen.
In den kleinen Städten wie Korkuteli zogen Pferde Zementsäcke und Gemüse durch die Straßen. Die Menschen erinnerten mich an die türkischen Gastarbeiter meiner Kindheit: dunkler Teint, gebeugte Haltung und oft ein ernster Gesichtsausdruck.
Die Häuser in den Dörfern waren einfach, oft mit bunten Teppichen vor den Türen, die zum Trocknen aufgehängt waren. Ein kleines Geschäft führte nur die nötigsten Waren, und der nächste Baumarkt war eine Tagesreise entfernt.
Aus Versehen in der Millionenstadt
Aus Versehen – umso spannender – kam ich nach Denizli, einer Millionenstadt. Hier herrschte reges Treiben mit Menschen in traditionellen und modernen Kleidungen, die laut und lebendig ihren Alltag gestalteten.
Werde ich jemals wieder zu meinem Hotel zurückfinden? Die Frage war irgendwie berechtigt.
Der Moment, in dem das Abenteuer beginnt
Im Nachhinein war mir klar: Augen zu und durch – das war die einzige Möglichkeit, diese vielen neuartigen, ungeschützten Erlebnisse überhaupt zuzulassen und zu bewältigen. Genau dort begann meine Abenteuerlust, die mir bis heute Lebendigkeit und Lebensfreude erhält.
Die Ruhe der Berge bis zum pulsierenden Stadtleben – ich überall mit dabei. Mit allerlei Mut.
🎧 Wenn du den Text lieber hören willst
Die ganze Geschichte kannst zu auch auf YouTube in meiner Stimme hören – in dem Tempo, in dem sie entstanden ist.
Erwarte hier bitte keine Checkliste für alleinreisende Frauen. Aus meiner Erfahrung ist sowieso jede Reise anders – und man macht für eine eigene Checkliste seine Erfahrungen, zur Unterstützung der persönlichen Entwicklung. Aber natürlich findest duin meinem Blog und in meinen Büchern dazu genug Stoff, um dich reinzulesen.
Manche Gedanken begleiten länger. Aus solchen Texten entstehen bei mir Lesungen, Audios und kleine Sammlungen – für unterwegs oder ruhige Momente.
Lebensreisen · Unterwegs & Reisen · Familie & Generationen
Wenn die Kinder nicht mehr dabei sind
Zum ersten Mal allein auf Reisen. Gewonnen in einem Gewinnspiel. Doch wie geht Reisen, so ganz ohne Kinder?
Gänzlich unvorbereitet landete ich in Anatolien – und meine Abenteuerlust führte mich an jenem Tag zu Fuß in eine Landschaft voller Geschichte, Weite und Stille.
Ein Ort, der größer war als meine Unsicherheit
Plötzlich stand ich oben am Berg und sah vor mir die antike Stadt Hierapolis, die auf meinem Weg zu den Kalkterrassen von Pamukkale lag.
Diese Stadt wurde von Hethitern, Lydern und später Römern bewohnt. Besonders beeindruckend ist das Theater mit seinen fünfzehntausend Plätzen, das von der einstigen Größe der Stadt mit etwa sechzigtausend Einwohnern erzählt.
Die Nekropole mit ihren steinernen Mausoleen berichtet von einer längst vergangenen Zeit, während heute braungraue Geckos durch die Ruinen huschen. Die heißen Quellen waren schon in der Antike bekannt und geschätzt – selbst Kaiser Diokletian ließ hier verweilen.
Allein unterwegs – und plötzlich klar
Für mich war es ein Geschenk, diese Orte auf eigene Faust erkunden zu können. Ein Geschenk, zu erkennen: Es gibt ein Leben nach den Kindern.
O ja.
Manche Gedanken begleiten länger. Aus solchen Texten entstehen bei mir Lesungen, Audios und kleine Sammlungen – für unterwegs oder ruhige Momente. Die ganze Geschichte kannst du dirauf YouTube anhören, ich habe sie eingesprochen.
Themenräume: → Unterwegs & Reisen → Familie & Generationen
Zum ersten Mal allein auf Reisen. Gewonnen in einem Gewinnspiel! Doch wie geht Reisen, so ganz ohne Kinder?
Anatolien ist eine Region voller beeindruckender Naturwunder und vielfältiger Landschaften. Diese Reise durch die Türkei führte mich durch Berge, Steinwüsten und Wasserlandschaften – und immer wieder auch zu mir selbst.
Unterwegs durch das Taurusgebirge
Unsere Fahrt begann in Antalya und führte uns über eine Passstraße durch das Taurusgebirge. Die Sandsteinfelsen sind hier stark zerklüftet – weich, brüchig, vom Wind geformt. Wälder halten die Hänge zusammen, schützen vor Erdrutschen und Steinschlag.
Ich war überwältigt von der wilden, unberührten Natur, die an mir vorbeizog. Nicht spektakulär im Sinne von Postkarten. Sondern still, weit und kraftvoll.
Nomaden, Berge und Übergänge
Wir passierten Termessos, eine antike Zollstadt auf über tausend Metern Höhe – ein Adlernest aus Stein. Anfang Mai kehren hier die Störche aus Afrika zurück. Nomaden ziehen mit ihren Ziegen in die kühlen Höhenlagen und bleiben bis zum Spätsommer.
Die Landschaft wechselte zwischen Apfelplantagen, kleinen Siedlungen und karger Bergwüste. Weiche Hügel wirkten wie Sanddünen, daneben Steinflächen mit unzähligen Schafen – Bewegung ohne Ziel, und doch voller Ordnung.
Pamukkale – Wasser, Kalk und Zeit
Schließlich erreichten wir Pamukkale. Die weißen Kalksinterterrassen, entstanden durch Ablagerungen heißer Quellen, wirkten fast unwirklich. Barfuß ließ ich das warme Wasser über meine Füße fließen, spürte den glatten Kalk unter meinen Sohlen.
Ein Ort, der nicht laut ist. Und gerade deshalb lange bleibt.
Was bleibt
Diese Reise zeigte mir: Ja, es geht auch mit wenig Geld! Sie war der Anfang zu vielen Reisen ohne Luxus, aber mit viel Erlebnis – allein als Frau unterwegs, oft mit Begleitung meiner erwachsenen Kinder. Eine spannende Zeit begann.
Manche Wege öffnen nicht nur neue Landschaften, sondern auch neue innere Räume.
Vorgestern bin ich siebzig geworden. Eine Zahl, die nicht laut daherkommt, sondern Gewicht hat. Nicht als Last – eher als Dichte. Als Sammlung von Jahren, Erfahrungen, Umwegen und Einsichten.
Über viele Jahre hinweg habe ich im Freundeskreis Gedichte zu runden Geburtstagen geschrieben. Sie waren gedacht als kleine Wegmarken: humorvoll, ehrlich, manchmal auch ein wenig tröstend. Und plötzlich passt es auch für mich!
Es ist gut. Vieles muss man nicht mehr erklären. Vieles aber hat sich inzwischen erklärt und sogar ge-klärt.
Siebzig werden – ein Innehalten zwischen Rückblick, aber auch Weitblick
Wenn jemand siebzig wird, dann hat sich Leben angesammelt. Jahre voller Tatendrang, Jahre voller Fragen, Jahre, die getragen haben – und solche, die schwer waren. Ja, auch bei mir war alles da. Viel Schönes, viel Schwieriges, manche Brüche. Und dann: Anlass zu viel Dankbarkeit.
Und meine wichtigste Erkenntnis:
Wenn ich so alt werde, wie meine Eltern, dann lebe ich noch 25 Jahre. Oh, da hätte ich noch Pläne! Ich freu mich drauf.
Gedicht zum 70. Geburtstag
Dieses Gedicht habe ich für runde Geburtstage im Freundeskreis geschrieben. Heute stelle ich es hier ein – unverändert.Zum Anhören steht es auch auf YouTube.
Passt es auch für deine Freunde? Eltern, Onkel, Tante?
Hommage an die Lebensreise
Wenn von uns eine*r siebzig wird, dann hat man was erlebt. So manches aus manchem Jahrzehnt uns noch im Hirne klebt.
So manches Jahr war Freude pur: Erfolg, Karriere, Geld. Ein Partner und ein Kind dazu, man fühlte sich als Held.
So manches Jahr war g’scheit was los! Viel Hektik und Geschrei! Routine hätt man sich gewünscht – aber: null Chance dem Einheitsbrei.
So manches Jahr vergessen macht’, dass Leben schön sein kann. Da hing man in der Hoffnung fest: ’s wird wieder, irgendwann.
Nach manchem Jahr man erst versteht, wenn’s tiefer nimmer geht, dass Glück doch dann erst kommen kann, wenn man kräftig dran dreht.
So vieles bleibt, was unklar ist, Weshalb, wieso, warum? Erst wenn man schließlich siebzig ist, Kümm-ert man sich darum.
Wer bin ich, fragt sich jeder Mensch, kaum einer findt’s heraus. Bei manchem aber spürt man schon: Mit achtzig hat er ’s raus!
Siebzig ist kein Abschluss. Es ist ein Punkt, an dem man innehält und sagt: So war mein Weg – und so gehe ich weiter.
Und so vieles will ich immer noch machen, tun, erreichen – ja, das Leben ist längst nicht zu Ende!
Gedanken, die bleiben dürfen
Manche Texte begleiten länger. Sie tauchen wieder auf – beim Lesen, beim Vorlesen, beim Wiedererkennen.
Aus solchen Gedichten entstehen bei mir später Audios oder kleine Sammlungen – für ruhige Momente, für unterwegs, für Menschen, die gern mit Worten gehen.
Die Erlebnisfrau – Leben, Arbeit und Sinn in Bewegung
YouTube-Folge 17 von 55 · Originaltext aus dem Reiseroman „Und sonst nichts“
Wenn Aufbruch nicht nach Freiheit klingt
Dieser Aufbruch endet in der Nacht – mit Müdigkeit, Unsicherheit und einer leisen Frage: Wo ist hier eigentlich Platz für mich?
Die Kurzgeschichte „Platzsuche“ ist der Anfang meines Reiseromans Und sonst nichts. Nicht als Panorama von Landschaft. Sondern als innerer Moment – unterwegs, allein, wach.
Der Text gehört zur Kategorie Lebensreisen und ist Teil einer Serie von 55 Kurzgeschichten. Das Buch wird aktuell als Hörbuch eingesprochen.
Worum es in dieser Geschichte nicht geht
Diese Geschichte ist keine Reisebeschreibung. Oder doch? Kein Campingratgeber. Kein Abenteuertext. Oder doch? Das Abenteuer heißt: Sich selbst kennenlernen. Oh!
Nicht jede Enge ist sichtbar. Und nicht jede Angst ist neu.
🎧 Die Geschichte als Video & Lesung
„Platzsuche“ ist auch als Lesung auf YouTube erschienen. Du kannst den Text dort in meiner Stimme hören – in dem Tempo, in dem er entstanden ist.
Hinweis: Der folgende Text ist eine literarische Erzählung. Nimm dir Zeit. Lies langsam. Oder höre ihn dir im Video an.
„Platzsuche“
Originaltext aus dem Reiseroman „Und sonst nichts“
Platzsuche
Ich nehme mit Merkür die erste Ausfahrt von Mulhouse und lande voll im Lande Peugeot: Eine usine an der anderen, eine garage löst die nächste ab, LKW-Parkplätze en masse, kein Mensch mehr unterwegs um diese Uhrzeit, also mal lieber weiterfahren, bisschen aus der Stadt hinaus vielleicht, aber wie geht’s bloß aus der Stadt raus, die Sonne ist weg, Himmelsrichtungen kann ich nicht erkennen, hoppla, mein Gefühl wollte ich auf dieser Reise sprechen lassen, was sagt mir nun mein Gefühl, nichts, es hat keine Ahnung. Eine Stunde lang. Inzwischen ist es ein Uhr.
Meine Konzentration ist nach der langen Fahrt am Ende. Meine Augendeckel wollen schon längst nicht mehr. Ich teste in Gedanken verschiedene Plätze, ob da mein lieber Merkür stehen bleiben und parken möchte. Er möchte nicht.
An vielen Plätzen möchte er nicht. Nicht im Industrieviertel (wer weiß, wieviele LKW-Fahrer da aus ihren LKWs zu mir ins Auto steigen könnten!), nicht im Stadtzentrum an einer unbeleuchteten Straße (wer weiß, welche Jugendlichen da randalieren!), nicht in der Villengegend (wer weiß, wie sehr ihre Besitzer mich am Morgen schief anschauen werden!). Bis wir beide irgendwie dann doch den Stadtrand gefunden haben. Schüchtern umrunden wir mehrfach ein großflächig angelegtes Hotel. Ob wir uns dort auf den Parkplatz stellen? Werden wir vom Nachtpförtner vertrieben, weil wir kein Hotelgast sind? Meine Müdigkeit erleichtert mir die Entscheidung, und wir postieren uns etwas abseits am Rand des Parkplatzes, an den eine weitläufige Wiese angrenzt. Verstohlen schleiche ich mich von der Fahrertür an der Rasenseite zur Heckklappe und nehme die mein Chaos wunderbar verhüllende gelb-blau gestreifte Ikea-Tagesdecke ab – nein, Schlafanzug ist nicht nötig – halt, noch ein leichter Klogang in die Wiese –
Rücklings steige ich auf das Trittbrett. Wenn ich mich ducke, kann ich den Kopf nach hinten nehmen und meinen Körper ihm nachziehen, bis ich liege.
Ganz schön eng hier oben! Beim ersten Mal, als ich vor einiger Zeit schon einmal mein Brettbett ausgetestet habe, war die Liegefläche leer gewesen, so dass ich mich darauf seitlich in der Waagerechten drehen konnte, doch jetzt: Die blaue Kühltasche teilt sich mit mir das Bett, die schwere Bücherkiste, einige Kleidungsstücke, der Waschbeutel, das alles habe ich hier oben abgelegt, weil da so viel Platz war, wohingegen alle Kisten unterhalb meines Brettbettes überquellen vor Dingen, die ich in den nächsten Wochen vielleicht brauchen könnte.
Nein, es geht so nicht.
Unter starken Verrenkungen bekomme ich den Hecktürengriff in die Hand, drücke ihn nach unten, ziehe mich hinaus, komme auf der Wiese in den Stand, räume die Bettplatte frei. Die Kühltasche bringe ich, immer leise, dass mich keiner hört, nach vorne auf den Beifahrersitz. Die Bücherkiste stelle ich auf den Beifahrerboden, Klamotten und Waschbeutel oben drauf. Ich gehe nach hinten, krieche rücklings wieder nach oben und komme zum Liegen, drücke den Türverriegelungsknopf.
Nein, auch nicht gut, jeder kann mir am Morgen ins Gesicht schauen, da ich direkt auf Fensterhöhe schlafe.
Habe ich plötzlich ein Problem?
Ich krabble hinaus und krame in Merkürs Innerem nach den bunten Vorhangstoffen, die ich auf die Schnelle von daheim mitgenommen hatte, mit unklarem Plan – irgendwie würde ich sie dann schon befestigen können. Dabei bin ich so müde! Da sie das Klebeband nicht gehalten hat und sie immer wieder heruntergefallen sind, klemme ich sie in den Autotüren und -fenstern ein. Dass das nur vom Hotel keiner hört! Immer fein sachte die Türen zugedrückt! Gar nicht so leicht, die Hecktüren von innen zu schließen, schon gar nicht so leise, weil sich der Griff dafür, an dem ich ziehen kann, ausgerechnet in Schlafbretthöhe befindet. Ich muss noch rechtzeitig vor dem Klack meine Hand wegziehen, um sie nicht einzuquetschen.
Da liege ich wieder. Neben mir das Lachgasspray. Und das Pfefferspray gegen Tiere.
Aber das kannst du doch nicht im Auto verwenden, wenn dich jemand belästigt – das trifft dich doch selber!, schießt es mir durch den Kopf. Ich brauch wenigstens ein Messer! Noch einmal drehe ich mich in der Waagerechten, um mit dem Kopf zur Kofferraumtür zu liegen zu kommen, fiesele am Griff der Hecktüre, um sie zu öffnen – kaum, dass ich sie aufkriege – und suche mit der Taschenlampe aus einer Kiste mein Wildnismesser hervor, auf das ich so stolz bin, spitz, kurz und hart, der Griff aus feinstem Olivenholz. Bevor ich es neben meinem Kopfkissen ablege, halte ich kurz inne, öffne den Druckknopf der ledernen Scheide. In welchem Fall würde ich es anwenden? Vielleicht jemandem damit auf die Hand piken? Wann wäre die Gefahr bedrohlich genug, um zuzustechen? Oder würde ich in Panik geraten und zu früh loslegen?
Endlich spüre ich meine Anspannung abklingen, die Stille ringsumher umfängt mich.
Und plötzlich, uff, ist sie da, die Panik.
Altes Zeug
Panik! Nein! Nicht doch wieder! Panik! Wie damals! Hilfe! Luft! –
Diese Enge, genau wie damals, ich bin imstande, alles kaputtzudrücken, ich brauche Platz!
Impulsiv möchte ich nach oben aufschnellen, den Oberkörper aufrichten, doch das Autodach! Aufstehen und dann gleich aussteigen geht nicht. Hilfe! Plötzlich schnürt sich mir die Kehle zu, ich kriege keine Luft mehr, ich weiß ganz genau, gleich ersticke ich! Ich krieg keine Luft! Ich ersticke! Luft! Durch den Mund geht keine Luft mehr durch, zu trocken ist er. Schreien möchte ich, doch kommt es nicht. Die Autodecke wölbt sich unter meinem Armdrücken – ich muss hier raus! Luft! Ich sterbe, wenn ich hier nicht rauskomme! Mein Herz schlägt laut.
Bleib ruhig! Du musst, du musst dich zusammenreißen, das hier geht nur mit klarem Verstand! Du hast dir Platz gemacht, kannst dich seitlich wegdrehen.
Mit aufeinandergepressten Lippen unter kurzen Atemstößen gelingt es mir, mich auf den Bauch zu drehen, ohne an dem bedrohlich nahen Autodach anzustoßen, den Oberkörper über die breite Bettbrettmatratze in der Waagerechten zu drehen, sodass der übrige Körper nachziehen kann, die Beine nun in Fahrtrichtung, Kopf und Hände zum Türgriff – der Griff, wo ist der verdammte Griff? Gleich zerreiße ich alles, ich ersticke! Ich zerspringe! Ich muss ersticken! Ich zersprenge die Autotür!
Bleib ruhig, das hier geht nur mit Vernunft, sonst erstickst du, du musst Vernunft haben, hast es bis hierher geschafft, bleib ruhig, da ist doch der Griff.
Ich ersticke! Rauf- oder runterdrücken? Ich ersticke! Ich muss jetzt sofort den Griff rausreißen, sonst komm ich hier nie raus, Hilfe!
Du schaffst es, hast es doch damals auch geschafft. Gleich schaffst du’s. Nach unten drücken. Noch fester, du schaffst das, gleich hast du’s! Noch fester! Klack – klack rechts genauso –
Mit einem kräftigen Stoß die eine Hälfte der Hecktüre, noch ein Stoß für die zweite – frei, ich kann atmen, auf dem Bauch, hebe den Kopf, die ganze freie Wiese vor meinen Augen, frei! Es duftet nach frischem Gras. Mein Herz höre ich bummern.
Dass das nochmal kommen konnte!
Dabei hatte ich sie doch überwunden gehabt, die Platzangst? Die Erinnerung an die Millenniumsnacht auf der Münchner Feiermeile zwischen Odeonsplatz und Siegestor. Dass das nie mehr kommen könne, hatte ich gemeint.
Pah, wie stellt die sich an, dachte ich noch über eine Frau, die mir in der Enge der Menge entgegenstürmte. „Durchlassen!“, rief sie schrill, ihre Augen waren geweitet und angstvoll auf mich gerichtet, ihre Arme fuchtelten wild durch die Menschen. „Durchlassen! Mir ist zu eng!“ Mein Lächeln muss verächtlich gewesen sein, ich sehe mich noch verständnislos und borniert den Kopf schütteln.
Es war keine Minute vergangen, bis dann plötzlich ich mich in der Menschenmenge eingedrückt fühlte. Links befand sich die Häuserwand, rechts begrenzte die Betonmauer zur U-Bahnstation den Engpass, den anscheinend alle Feierwilligen auf einmal in diesem Augenblick zu passieren gedachten. Die, die von der Ludwigstraße zurückkamen und die, die von der U-Bahn hochkamen und hin zur Ludwigstraße wollten.
Die einen schoben mich von hinten nach vorn, wo auch ich hinwollte, doch die anderen kamen mir von vorn entgegen und drückten mich zurück, drückten, und plötzlich hatte ich keine freie Wahl mehr, war keine Handbreit mehr dazwischen, nicht vorne und nicht hinten und nicht zur Seite, immer noch mehr pressten sie mich ein, da war kein Platz mehr, gar kein Platz mehr zum Ausweichen – ich krieg keine Luft mehr, schoss es mir plötzlich ganz nüchtern durch den Kopf. Dann war es vorbei mit dem Denken. Ich krieg keine Luft mehr, schrei ich raus. Mein Kopf platzt gleich, spür ich. Keine Luft mehr! Nur noch schreien will ich, die Jacke reiße ich mir vorne auf, möchte nach vorne stieben. Eine unbändige Kraft spür ich, ich möcht sie alle weg boxen, nur noch frei atmen will ich, Luft haben, über sie drübersteigen möcht ich, auf ihre Schultern, schon hebe ich an – Lasst mich durch! Immer noch mehr Menschen wollen zu mir her, alle zu mir her, ich krieg keine Luft mehr, ich schreie, „Ich krieg keine Luft!“ und sehe in verständnislose Gesichter. Gleich wird mein Kopf platzen, spür ich, mein Brustkorb ist am Zerbersten, der BH engt meine Brust ein, ich muss den BH öffnen, ich krieg keine Luft, nur noch über die Leute drüber hechten möchte ich. „Ich krieg keine Luft!“, den BH kann ich nicht öffnen, hab die Sektflasche in der Hand, die muss weg, fallenlassen, egal, ich höre es zischen. Spüre Rieseln und knirschende Scherben unter meinen Füßen, habe nun beide Hände frei, um den BH zu öffnen, ist etwas besser, doch „Ich krieg keine Luft!“, immer wieder schreie ich in bornierte Gesichter. „Weg da, ich will raus!“
Da höre ich neben mir eine ruhige männliche Stimme:
„Schauen Sie nach oben! Nur nach oben. Sehen Sie, dort oben am Himmel ist so viel Platz für Sie! Sehen Sie die Sterne? – Immer nur nach oben schauen! – ja, kommen Sie – ich gehe voraus.“
Wie ein Engel führte mich ein fremder Mann mit ruhigen Worten aus der Enge hinaus, nur ein paar Meter weiter, wo es wieder luftiger wurde.
Acht Jahre hatte es dann gedauert, bis ich mich wieder in Menschenmassen begeben, mich zu Stoßzeiten in eine volle U-Bahn quetschen oder wieder aufs Oktoberfest gehen konnte.
In irgendeiner Gehirnregion hatte sich die Erinnerung daran wohl unauslöschlich eingenistet.
„Ich muss heut Nacht die Türen hinten offenlassen!“, schießt es mir aus dieser Gehirnregion durch den Kopf.
„Platzsuche“ ist der Auftakt einer literarischen Lebensreise. Weitere Folgen aus Und sonst nichts werden hier im Blog und auf YouTube folgen.
Die Texte stehen für:
Neuanfang ohne Pathos
Selbstreflexion ohne Erklärung
Reduktion statt Selbstoptimierung
eine leise Liebeserklärung an Südfrankreich
Ich freu mich, wenn du auch nächstes Mal wieder dabei bist.
Deine Irmgard Rosina Bauer
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