Schlagwort: Unterwegssein

  • Platzsuche – eine Lebensreise beginnt

    Buchcover „Und sonst nichts“ von Irmgard Rosina Bauer – illustrierte Camping- und Reiseszene mit Auto, Zelt und Figuren in der Natur
    Reiseführer „Frankreich / France“ von Marco Polo – Spiralbindung, Titelbild mit Küstenlandschaft und Meer

    Die Erlebnisfrau – Leben, Arbeit und Sinn in Bewegung

    YouTube-Folge 17 von 55 · Originaltext aus dem Reiseroman „Und sonst nichts“

    Wenn Aufbruch nicht nach Freiheit klingt

    Dieser Aufbruch endet in der Nacht – mit Müdigkeit, Unsicherheit und einer leisen Frage: Wo ist hier eigentlich Platz für mich?

    Die Kurzgeschichte „Platzsuche“ ist der Anfang meines Reiseromans Und sonst nichts. Nicht als Panorama von Landschaft. Sondern als innerer Moment – unterwegs, allein, wach.

    Der Text gehört zur Kategorie Lebensreisen und ist Teil einer Serie von 55 Kurzgeschichten. Das Buch wird aktuell als Hörbuch eingesprochen.

    Worum es in dieser Geschichte nicht geht

    Diese Geschichte ist keine Reisebeschreibung. Oder doch? Kein Campingratgeber. Kein Abenteuertext. Oder doch? Das Abenteuer heißt: Sich selbst kennenlernen. Oh!

    Nicht jede Enge ist sichtbar. Und nicht jede Angst ist neu.

    🎧 Die Geschichte als Video & Lesung

    „Platzsuche“ ist auch als Lesung auf YouTube erschienen. Du kannst den Text dort in meiner Stimme hören – in dem Tempo, in dem er entstanden ist.

    Hinweis: Der folgende Text ist eine literarische Erzählung. Nimm dir Zeit. Lies langsam. Oder höre ihn dir im Video an.

    „Platzsuche“

    Originaltext aus dem Reiseroman „Und sonst nichts“

    Platzsuche

    Ich nehme mit Merkür die erste Ausfahrt von Mulhouse und lande voll im Lande Peugeot: Eine usine an der anderen, eine garage löst die nächste ab, LKW-Parkplätze en masse, kein Mensch mehr unterwegs um diese Uhrzeit, also mal lieber weiterfahren, bisschen aus der Stadt hinaus vielleicht, aber wie geht’s bloß aus der Stadt raus, die Sonne ist weg, Himmelsrichtungen kann ich nicht erkennen, hoppla, mein Gefühl wollte ich auf dieser Reise sprechen lassen, was sagt mir nun mein Gefühl, nichts, es hat keine Ahnung. Eine Stunde lang. Inzwischen ist es ein Uhr.

    Meine Konzentration ist nach der langen Fahrt am Ende. Meine Augendeckel wollen schon längst nicht mehr. Ich teste in Gedanken verschiedene Plätze, ob da mein lieber Merkür stehen bleiben und parken möchte. Er möchte nicht.

    An vielen Plätzen möchte er nicht. Nicht im Industrieviertel (wer weiß, wieviele LKW-Fahrer da aus ihren LKWs zu mir ins Auto steigen könnten!), nicht im Stadtzentrum an einer unbeleuchteten Straße (wer weiß, welche Jugendlichen da randalieren!), nicht in der Villengegend (wer weiß, wie sehr ihre Besitzer mich am Morgen schief anschauen werden!). Bis wir beide irgendwie dann doch den Stadtrand gefunden haben. Schüchtern umrunden wir mehrfach ein großflächig angelegtes Hotel. Ob wir uns dort auf den Parkplatz stellen? Werden wir vom Nachtpförtner vertrieben, weil wir kein Hotelgast sind? Meine Müdigkeit erleichtert mir die Entscheidung, und wir postieren uns etwas abseits am Rand des Parkplatzes, an den eine weitläufige Wiese angrenzt. Verstohlen schleiche ich mich von der Fahrertür an der Rasenseite zur Heckklappe und nehme die mein Chaos wunderbar verhüllende gelb-blau gestreifte Ikea-Tagesdecke ab – nein, Schlafanzug ist nicht nötig – halt, noch ein leichter Klogang in die Wiese –

    Rücklings steige ich auf das Trittbrett. Wenn ich mich ducke, kann ich den Kopf nach hinten nehmen und meinen Körper ihm nachziehen, bis ich liege.

    Ganz schön eng hier oben! Beim ersten Mal, als ich vor einiger Zeit schon einmal mein Brettbett ausgetestet habe, war die Liegefläche leer gewesen, so dass ich mich darauf seitlich in der Waagerechten drehen konnte, doch jetzt: Die blaue Kühltasche teilt sich mit mir das Bett, die schwere Bücherkiste, einige Kleidungsstücke, der Waschbeutel, das alles habe ich hier oben abgelegt, weil da so viel Platz war, wohingegen alle Kisten unterhalb meines Brettbettes überquellen vor Dingen, die ich in den nächsten Wochen vielleicht brauchen könnte.

    Nein, es geht so nicht.

    Unter starken Verrenkungen bekomme ich den Hecktürengriff in die Hand, drücke ihn nach unten, ziehe mich hinaus, komme auf der Wiese in den Stand, räume die Bettplatte frei. Die Kühltasche bringe ich, immer leise, dass mich keiner hört, nach vorne auf den Beifahrersitz. Die Bücherkiste stelle ich auf den Beifahrerboden, Klamotten und Waschbeutel oben drauf. Ich gehe nach hinten, krieche rücklings wieder nach oben und komme zum Liegen, drücke den Türverriegelungsknopf.

    Nein, auch nicht gut, jeder kann mir am Morgen ins Gesicht schauen, da ich direkt auf Fensterhöhe schlafe.

    Habe ich plötzlich ein Problem?

    Ich krabble hinaus und krame in Merkürs Innerem nach den bunten Vorhangstoffen, die ich auf die Schnelle von daheim mitgenommen hatte, mit unklarem Plan – irgendwie würde ich sie dann schon befestigen können. Dabei bin ich so müde! Da sie das Klebeband nicht gehalten hat und sie immer wieder heruntergefallen sind, klemme ich sie in den Autotüren und -fenstern ein. Dass das nur vom Hotel keiner hört! Immer fein sachte die Türen zugedrückt! Gar nicht so leicht, die Hecktüren von innen zu schließen, schon gar nicht so leise, weil sich der Griff dafür, an dem ich ziehen kann, ausgerechnet in Schlafbretthöhe befindet. Ich muss noch rechtzeitig vor dem Klack meine Hand wegziehen, um sie nicht einzuquetschen.

    Da liege ich wieder. Neben mir das Lachgasspray. Und das Pfefferspray gegen Tiere.

    Aber das kannst du doch nicht im Auto verwenden, wenn dich jemand belästigt – das trifft dich doch selber!, schießt es mir durch den Kopf. Ich brauch wenigstens ein Messer! Noch einmal drehe ich mich in der Waagerechten, um mit dem Kopf zur Kofferraumtür zu liegen zu kommen, fiesele am Griff der Hecktüre, um sie zu öffnen – kaum, dass ich sie aufkriege – und suche mit der Taschenlampe aus einer Kiste mein Wildnismesser hervor, auf das ich so stolz bin, spitz, kurz und hart, der Griff aus feinstem Olivenholz.
    Bevor ich es neben meinem Kopfkissen ablege, halte ich kurz inne, öffne den Druckknopf der ledernen Scheide. In welchem Fall würde ich es anwenden? Vielleicht jemandem damit auf die Hand piken? Wann wäre die Gefahr bedrohlich genug, um zuzustechen? Oder würde ich in Panik geraten und zu früh loslegen?

    Endlich spüre ich meine Anspannung abklingen, die Stille ringsumher umfängt mich.

    Und plötzlich, uff, ist sie da, die Panik.

    Altes Zeug

    Panik! Nein! Nicht doch wieder! Panik! Wie damals! Hilfe! Luft! –

    Diese Enge, genau wie damals, ich bin imstande, alles kaputtzudrücken, ich brauche Platz!

    Impulsiv möchte ich nach oben aufschnellen, den Oberkörper aufrichten, doch das Autodach! Aufstehen und dann gleich aussteigen geht nicht. Hilfe! Plötzlich schnürt sich mir die Kehle zu, ich kriege keine Luft mehr, ich weiß ganz genau,        gleich ersticke ich! Ich krieg keine Luft!      Ich ersticke!       Luft!        Durch den Mund geht keine Luft mehr durch, zu trocken ist er. Schreien möchte ich, doch kommt es nicht.        Die Autodecke wölbt sich unter meinem Armdrücken – ich muss hier raus! Luft!      Ich sterbe, wenn ich hier nicht rauskomme!        Mein Herz schlägt laut.

    Bleib ruhig! Du musst, du musst dich zusammenreißen, das hier geht nur mit klarem Verstand! Du hast dir Platz gemacht, kannst dich seitlich wegdrehen.

    Mit aufeinandergepressten Lippen unter kurzen Atemstößen gelingt es mir, mich auf den Bauch zu drehen, ohne an dem bedrohlich nahen Autodach anzustoßen, den Oberkörper über die breite Bettbrettmatratze in der Waagerechten zu drehen, sodass der übrige Körper nachziehen kann, die Beine nun in Fahrtrichtung, Kopf und Hände zum Türgriff – der Griff, wo ist der verdammte Griff? Gleich zerreiße ich alles, ich ersticke! Ich zerspringe! Ich muss ersticken! Ich zersprenge die Autotür!

    Bleib ruhig, das hier geht nur mit Vernunft, sonst erstickst du, du musst Vernunft haben, hast es bis hierher geschafft, bleib ruhig, da ist doch der Griff.

    Ich ersticke! Rauf- oder runterdrücken? Ich ersticke! Ich muss jetzt sofort den Griff rausreißen, sonst komm ich hier nie raus, Hilfe!

    Du schaffst es, hast es doch damals auch geschafft. Gleich schaffst du’s. Nach unten drücken. Noch fester, du schaffst das, gleich hast du’s! Noch fester! Klack – klack rechts genauso –

    Mit einem kräftigen Stoß die eine Hälfte der Hecktüre, noch ein Stoß für die zweite – frei, ich kann atmen, auf dem Bauch, hebe den Kopf, die ganze freie Wiese vor meinen Augen, frei! Es duftet nach frischem Gras. Mein Herz höre ich bummern.

    Dass das nochmal kommen konnte!

    Dabei hatte ich sie doch überwunden gehabt, die Platzangst? Die Erinnerung an die Millenniumsnacht auf der Münchner Feiermeile zwischen Odeonsplatz und Siegestor. Dass das nie mehr kommen könne, hatte ich gemeint.

    Pah, wie stellt die sich an, dachte ich noch über eine Frau, die mir in der Enge der Menge entgegenstürmte. „Durchlassen!“, rief sie schrill, ihre Augen waren geweitet und angstvoll auf mich gerichtet, ihre Arme fuchtelten wild durch die Menschen. „Durchlassen! Mir ist zu eng!“ Mein Lächeln muss verächtlich gewesen sein, ich sehe mich noch verständnislos und borniert den Kopf schütteln.

    Es war keine Minute vergangen, bis dann plötzlich ich mich in der Menschenmenge eingedrückt fühlte. Links befand sich die Häuserwand, rechts begrenzte die Betonmauer zur U-Bahnstation den Engpass, den anscheinend alle Feierwilligen auf einmal in diesem Augenblick zu passieren gedachten. Die, die von der Ludwigstraße zurückkamen und die, die von der U-Bahn hochkamen und hin zur Ludwigstraße wollten.

     Die einen schoben mich von hinten nach vorn, wo auch ich hinwollte, doch die anderen kamen mir von vorn entgegen und drückten mich zurück, drückten, und plötzlich hatte ich keine freie Wahl mehr, war keine Handbreit mehr dazwischen, nicht vorne und nicht hinten und nicht zur Seite, immer noch mehr pressten sie mich ein, da war kein Platz mehr, gar kein Platz mehr zum Ausweichen – ich krieg keine Luft mehr, schoss es mir plötzlich ganz nüchtern durch den Kopf. Dann war es vorbei mit dem Denken. Ich krieg keine Luft mehr, schrei ich raus. Mein Kopf platzt gleich, spür ich. Keine Luft mehr! Nur noch schreien will ich, die Jacke reiße ich mir vorne auf, möchte nach vorne stieben. Eine unbändige Kraft spür ich, ich möcht sie alle weg boxen, nur noch frei atmen will ich, Luft haben, über sie drübersteigen möcht ich, auf ihre Schultern, schon hebe ich an – Lasst mich durch! Immer noch mehr Menschen wollen zu mir her, alle zu mir her, ich krieg keine Luft mehr, ich schreie, „Ich krieg keine Luft!“ und sehe in verständnislose Gesichter. Gleich wird mein Kopf platzen, spür ich, mein Brustkorb ist am Zerbersten, der BH engt meine Brust ein, ich muss den BH öffnen, ich krieg keine Luft, nur noch über die Leute drüber hechten möchte ich. „Ich krieg keine Luft!“, den BH kann ich nicht öffnen, hab die Sektflasche in der Hand, die muss weg, fallenlassen, egal, ich höre es zischen. Spüre Rieseln und knirschende Scherben unter meinen Füßen, habe nun beide Hände frei, um den BH zu öffnen, ist etwas besser, doch „Ich krieg keine Luft!“, immer wieder schreie ich in bornierte Gesichter. „Weg da, ich will raus!“

    Da höre ich neben mir eine ruhige männliche Stimme:

    „Schauen Sie nach oben! Nur nach oben. Sehen Sie, dort oben am Himmel ist so viel Platz für Sie! Sehen Sie die Sterne? – Immer nur nach oben schauen! – ja, kommen Sie – ich gehe voraus.“

    Wie ein Engel führte mich ein fremder Mann mit ruhigen Worten aus der Enge hinaus, nur ein paar Meter weiter, wo es wieder luftiger wurde.

    Acht Jahre hatte es dann gedauert, bis ich mich wieder in Menschenmassen begeben, mich zu Stoßzeiten in eine volle U-Bahn quetschen oder wieder aufs Oktoberfest gehen konnte.

    In irgendeiner Gehirnregion hatte sich die Erinnerung daran wohl unauslöschlich eingenistet.

    „Ich muss heut Nacht die Türen hinten offenlassen!“, schießt es mir aus dieser Gehirnregion durch den Kopf.

    © Irmgard Rosina Bauer

    Zur Serie „Und sonst nichts“

    „Platzsuche“ ist der Auftakt einer literarischen Lebensreise. Weitere Folgen aus Und sonst nichts werden hier im Blog und auf YouTube folgen. 

    Die Texte stehen für:

    • Neuanfang ohne Pathos
    • Selbstreflexion ohne Erklärung
    • Reduktion statt Selbstoptimierung
    • eine leise Liebeserklärung an Südfrankreich

     

    Ich freu mich, wenn du auch nächstes Mal wieder dabei bist.

    Deine Irmgard Rosina Bauer

  • Unsere Jeans

    Unsere Jeans


    Eine Kurzgeschichte über Rebellion, Freiheit und die 70er-Jahre

    Was haben enge Jeans, schmutzige Hosenbeine und rebellische Töchter gemeinsam?
    Diese literarische Kurzgeschichte blickt zurück auf ein halbes Jahrhundert, in dem Mode mehr war als Kleidung: ein Statement gegen Spießigkeit, gegen alte Strukturen – und für das Lebensgefühl einer ganzen Generation.

    Lass dich hineinziehen in ein Tischgespräch voller Erinnerungen, Witz, Selbstironie – und einer jungen Frau, die sich fragt:
    Was war denn an „euren Jeans“ so besonders?


    Als Lesegenuss, so richtig mit Text: Weiter unten
    Als YouTube-Video, eingelesen von der Autorin Irmgard Rosina: Hier

    Unsere Jeans

    Der Lesegenuss dauert 5 – 7 Minuten

    (von Irmgard Rosina Bauer)

    Wir saßen in derselben Konstellation am Tisch wie damals von der zehnten bis zur dreizehnten Klasse, in jenen Tagen aber noch in Schulbankreihen: Conny neben Marion, Christiane neben mir, dann Witha – neben Witha fehlte leider schon Annette. Sie war vor sieben Jahren an Lungenkrebs gestorben. Ihre Stelle nahm an diesem Tag Amelie ein, 26 Jahre jung und Withas Tochter.

    »Hattet ihr keine Leistungskurse?«, fragte Amelie.

    »Wir waren der letzte Abi-Jahrgang in Bayern, wo das alte Klassensystem noch zugelassen war. Das ist jetzt genau vierzig Jahre her«, antwortete ihr Christiane, ehemals Mathelehrerin an einem Münchner Gymnasium, jetzt im Vorruhestand. Amüsiert musterte sie die junge Amelie – sie trug an beiden Augenbrauen ein Piercing, und ihr rechter Arm war bis über die Fingerspitzen mit Tattoos bedeckt.

    »Was wollt ihr jungen Leute damit eigentlich ausdrücken?«

    »Keine Ahnung, hab ich schon mit sechzehn machen lassen. Ist einfach cool.«

    »So ging es uns doch damals auch«, verteidigte sie Witha, die Mama. »Wisst ihr noch, unsere Jeans! Das war unser Symbol für Rebellion gegen die Alten.«

    »Jeans?«, fragte Amelie, »normale Jeans?«

    Als hätte sie in ein Hornissennest gestochen, antworteten wir vier alle auf einmal:

    »Unsere Jeans – die waren nicht normal!«

    »Die transportierten unsere Auflehnung gegen unsere Elterngeneration.«

    »Meine Jeans hatte ich Tag und Nacht an. Sie waren aus hartem, dunkelblauem Baumwollstoff, echtem Denim. Mit riesigem Schlag. Vernäht mit Doppelnaht, wisst ihr noch, von der keine irgendwo übernäht werden durfte, damit nur ja keine ›normale‹ Naht entstand, wie sie die Stoffhosen unserer Eltern aufwiesen.« Das war Marion, mit einem genüsslichen Grinsen im Gesicht.

    »So eng waren die Jeans, dass wir uns rücklings aufs Bett legen mussten, damit wir, mit eingefallenem Bauch, zuerst den Reißverschluss und dann den Knopf schließen konnten.« Sie machte dazu eine qualvolle Bewegung Richtung Bauch.

    »Und hinsetzen konntest du dich darin eigentlich gar nicht, nur leicht beugen, danach half die Gravitationskraft«, lachte Conny, die als Doktor der Physik in der Forschungsabteilung bei BMW gelandet war.

    »So mussten sie sein, so eng. Nur dann waren es echte Jeans, die das transportierten, was wir suchten: Freiheitsgefühl.«

    »Schönes Freiheitsgefühl, so eingezwängt«, lachte Amelie.

    »Ja, aber unseren Eltern gegenüber war das etwas Ungeheuerliches. Die fanden das furchtbar. Hosen, die nur bis zur Hüfte gingen und so eng waren, dass sie Hintern und die Oberschenkel auf unerhörte Weise zur Schau stellten.«

    »Meine Mutter wollte mich mit Vernunft überzeugen: Das schnürt die Geschlechtsteile ein und beeinträchtigt die Fruchtbarkeit,« sagte sie. »Dann brauch ich die Pille nicht mehr nehmen«, antwortete ich. Und meine Mutter wurde noch zorniger. ›Was, du nimmst diese Pille?!‹«

    Hämisches Lachen am Tisch. Und als Amelie verständnislos dreinsah, ergänzte Marion, die als freie Pharmareferentin arbeitete:

    »Es war erst wenige Jahre her gewesen, dass man die Antibaby-Pille – und nur mit gesundheitlicher Begründung – vom Arzt verschrieben bekam. Sie war noch ziemlich neu auf dem Pharmamarkt und noch nicht ausreichend erforscht, geschweige denn, dass genügend Testrunden gelaufen waren. Trotzdem aber sehr begehrt. Aber in der Bevölkerung galt sie noch als unsittliches Teufelszeug.«

    »Ich möcht gar nicht daran denken, wie lange wir unsere Jeans getragen und nicht gewaschen haben!«, erinnerte sich Christiane.

    »Stimmt! Wie eklig wir waren! Damals hab ich mich regelmäßig mit meiner Mutter angelegt, weil sie ständig meine Jeans waschen wollte. Mit ihrer schönen neuen Wirtschaftswunder-Waschmaschine. Ich hab meine Jeans jeden Abend vor ihrem Zugriff versteckt.«

    »Ja, wie eklig wir waren!«, rief Witha aus, dabei aber voller Begeisterung. »Mindestens drei oder vier Monate hab ich sie jeden Tag auf der Haut getragen, überallhin, von morgens bis abends, am liebsten noch nachts. Und noch kräftig die Hände an den Schenkeln abgerieben, dass sie noch speckiger wurden.«

    »Ja, so richtig speckig mussten sie sein.«

    »Wenn du sie ausgezogen hast, mussten sie wie zur Salzsäule erstarrt stehen bleiben, dann erst waren sie authentisch.«

    Gekicher am Tisch.

    Und dann nochmal Marion. Sie schüttelte sich.

    »Wie grauslich wir damals waren! Diese Jeans müssen ja gestunken haben, überall wo wir waren, und im Klassenzimmer erst!«

    »Das war eben der Duft eurer Generation«, amüsierte sich nun Amelie ihrerseits.

    »Immerhin wechselten wir täglich unsere Slips. Das war bei unseren Eltern noch lange nicht üblich gewesen!«

    Das Thema »Jeans« war unerschöpflich für uns. Immer mehr fiel uns dazu ein. Dass wir auf Fotos gesehen hatten, wie jugendliche Menschen, nicht viel älter als wir, sich zur Sonntagsfreizeit mit anderen jungen Leuten im Park trafen – aber alle ordentlich in Anzug, Hemd und Krawatte. Dass wir damals von unseren Jeans immer im Plural sprachen – im korrekten Englisch. Auch das unterschied uns von unserer Elterngeneration: Die hatte noch keinen Englischunterricht in der Schule. Und weiter, dass heute Jeans im …

    Dann wieder Conny: »Mein Vater konnte das Wort gar nicht aussprechen. Tschinns sagte er immer, Tschinnshose.

    »Er selbst trug ja immer nur ›Stoffhose‹, mit Hosenträgern«, fuhr Conny fort.

    »Mein Vater genauso!«, entsann sich Christiane. »Ohne Hosenträger hätten seine Hosen niemals gehalten. Er hatte einen riesigen Bauch nach vorne zugelegt, dadurch kriegte seine Hose die Form eines rechtwinkligen Dreiecks. Der rechte Winkel an der Krümmung der Wirbelsäule, am Scheitelpunkt bei 90°. Die Hypotenuse führte vom Bauchnabel bis zur Ferse.« Sie fuhr mit dem Finger in der Luft ihre mündliche Beschreibung nach.

    Wir kicherten, ja, ja, die Mathe-Frau, hatten dabei aber deutlich das Bild unserer Väter vor Augen.

    »Die Hypotenuse durch exakte Bügelfalten deutlich erkennbar«, ergänzte sie.

    »O, meine Mutter war Expertin im Bügelfalten-Bügeln«, fiel Conny dazu ein.

    Das, so waren wir uns wieder einmal einig, das ging bei Jeans gar nicht! Gebügelt und mit Knickfalten vorne und hinten! Das widersprach allen Gesetzmäßigkeiten unseres Lebens! Darüber mussten wir uns hier und jetzt noch weiter auslassen.

    »Dabei gab es Leute der älteren Generation, die sich für fortschrittlich hielten und Jeans kauften. Aber nicht in Jeansläden, wie sie damals ganz neu aufkamen, wisst ihr noch, sondern im …« – und hier erhob sie Augenbrauen und Stimme für eine besonders abwertende Betonung – ›… Herren- und Damen-Oberbekleidungsgeschäft‹. Die waren an der Bügelfalte sorgfältig geknickt und mit Klapp-Hosenbügeln aufgehängt. Diese Leute bügelten die Falten immer wieder rein, wenn die Jeans sich über Beinen und Knien ausb…

    Amelie, die selbst im Hosenanzug zu unserem Treffen erschienen war und bisher immer wieder über unsere Begeisterung geschmunzelt hatte, schüttelte hier leicht entrüstet den Kopf.

    »Du musst wissen, dass uns wirklich daran lag, uns abzugrenzen von der Generation vor uns. Stoffhosen und Bügelfalten machten für uns den Inbegriff von Spießigkeit aus. Und die war für uns immer verbunden mit überkommenem rechtem Gedankengut.  Überbleibsel der Nazizeit, gegen die die 68er ein paar Jahre vor uns revoltiert haben. Weil die alten Nazis auch in der jungen Bundesrepublik schon wieder in allen Gremien saßen. Ich erinnere mich auch noch an die vielen Männer mit nur einem Bein, mit nur einem Arm…

    »Letztlich unterstützten wir mit unseren Jeans die kommunistische Arbeiterbewegung«, überlegte Witha laut. »Jeans waren ja ursprünglich Arbeiterhosen gewesen. Wer von uns war in den Siebzigern nicht links gesinnt! Bloß nicht so rechts wollten wir sein, wie unsere Eltern gewesen waren! Extrem, wie Jugend nun mal ist, drifteten wir ins exakt andere Lager.«

    »Und was ist noch übrig von unserer bewegten Zeit?« Ein unsicherer Blick von mir in die Runde. Witha wusste wenigstens eine Antwort.

    »Na ja, eine ganze Menge! Indem wir unsere Jeans in der Gesellschaft etablierten, leiteten wir schließlich die moderne Freizeitgesellschaft ein. Vielleicht muss unser Nachwuchs auch das heute wieder hinterfragen. So mancher junge Mensch sehnt sich inzwischen wieder nach der Ordnung, die wir damals so nachhaltig über den Haufen geworfen haben.«

    »O ja, mit Stoffhose und Bügelfalten am Sonntag zum Volleyballspielen in den Park, dazu hätt ich Bock«, lachte Amelie spitzbübisch. »Das wär mal wieder Ordnung, richtige Ordnung!«

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    ✍️ Wenn du magst:
    Teile mir in den Kommentaren mit, wie deine rebellische Phase aussah – ob in Jeans, Miniröcken oder ganz anders.

    Wer schreibt hier?

    Irmgard Rosina Bauer ist Autorin von Lebens-Reisebüchern und Reiseerzählungen. In ihre Bücher verwebt sie ihre eigenen Lebens- und Reisegeschichten. Sie möchte Frauen Mut im Leben und zum Reisen machen.

    Mehr zu ihren Büchern gibt es hier.

  • Liebst du Abenteuer? Liebst du Freiheit?

    Liebst du Abenteuer? Liebst du Freiheit?

    Ein Plädoyer für das spontane Reisen


    Ich liebe Spontanität. Nicht nur ein bisschen – sondern so richtig. Ich habe sie lebenslänglich trainiert. Mit vier Kindern, einem Ladengeschäft und unzähligen Alltags-Überraschungen war mein Leben selten planbar. Da mussten Entscheidungen oft schnell getroffen werden – ohne Netz und doppelten Boden, ohne „nochmal drüber schlafen“.

    Vieles aus meinem damaligen Leben habe ich in meinem Buch „Das Leben könnte so schwer sein“ verarbeitet.

    Was mich damals oft stresste, erkenne ich heute als mein Kapital: Ich habe gelernt, mit wenig Sicherheitsbedürfnis zu leben. Stattdessen habe ich mir Kreativität, Fantasie – und Humor als Überlebensstrategie zugelegt. Das gibt mir heute etwas ungeheuer Wertvolles: ein tiefes Gefühl von Freiheit.

    Freiheit fühlt sich an wie: einfach losfahren

    Für mich heißt Freiheit, spontane Ideen direkt umsetzen zu dürfen.

    Diese Energie springt oft über – auf Freunde, Familie oder Menschen, denen ich zufällig begegne. Manchmal werden daraus witzige kleine Abenteuer. Aber ich habe auch gelernt: Diese plötzliche Energie ist nicht jedermanns Sache. Planvollere Persönlichkeiten reagieren irritiert – nicht selten entstehen Konflikte.

    Um mir dieses Freiheitsgefühl trotzdem zu erhalten, nehme ich in Kauf, manches Mal allein unterwegs zu sein. Und es sogar zu genießen. Denn: Spontan und unvorbereitet zu reisen ist in unserer durchorganisierten Welt und bis in die letzten Winkel erforschten Erde eines der letzten echten Abenteuer. Das gönne ich mir.

    Es brauchte viel Mut: Zum ersten Mal brach ich mit 52 auf, um überhaupt erst zu entdecken, was mir so viel bedeutete: Einfach drauflosfahren und mal sehen, was kommt. Ich darf das. Das lernte ich damals auf meinem VierzigTage-VierzigNächte-Tripp nach Südfrankreich. Allein mit Merkür, meinem selbst ausgebauten Auto. In meinem Buch „Und sonst nichts“ habe ich die Ängste und Freuden solchen Reisens beschrieben, und das Ergebnis: Selbsterkenntnis, Selbstwirksamkeit und ungeheure Freiheit.

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    Neulich zum Beispiel …

    Ich hatte Lust auf eine kleine Auszeit – also: Deutschlandticket, Fahrrad, los. Der Zug nach Kochel war voll – keine Fahrräder mehr erlaubt. Also stieg ich in Weilheim aus. Dort entdeckte ich ein Schild: „Polling“. Polling? Da war doch was … Ja! Der berühmte Bibliothekssaal im Kloster, den ich längst mal sehen wollte.

    Also radelte ich los – und wurde belohnt: mit einem idyllischen oberbayerischen Ort und einem Stück Literaturgeschichte. Denn: Thomas Mann war oft hier. In seinem Roman Doktor Faustus machte er aus Polling das fiktive „Pfeiffering“. Ein Wanderweg mit 13 Stationen gibt Einblick in seine Gedankenwelt. Einfach so entdeckt – ohne Plan. Das liebe ich.

    Aber da ist immer diese Bremse …

    Kennst du das? Eine Stimme im Kopf, die mich ausbremsen möchte, die sagt: „So spontan darfst du nicht sein!“ – „Immer schön vorbereitet sein auf Schlimmes!“ – „Immer Bescheid sagen!“ Alte Glaubenssätze, die uns kleinhalten wollen. Ich kenne sie gut. Und jedes Mal, wenn ich mich trotzdem traue, bin ich hinterher überglücklich.

    Wie ist das bei dir? Kennst du solche inneren Bremsen? Schreib es mir gern als Kommentar – ich bin neugierig!

    Wer schreibt hier?

    Irmgard Rosina Bauer ist Autorin von Lebens-Reisebüchern und Reiseerzählungen. In ihre Bücher verwebt sie ihre eigenen Lebens- und Reisegeschichten. Sie möchte Frauen Mut im Leben und zum Reisen machen.

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