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  • Warum Leichtigkeit manchmal Jahrzehnte braucht – und plötzlich da ist

    Warum Leichtigkeit manchmal Jahrzehnte braucht – und plötzlich da ist

    Die Erlebnisfrau – Leben, Arbeit und Sinn in Bewegung

    Frau sitzt lächelnd auf Felsen in einem Bergbach, umgeben von grüner Natur und Steinen. Sie wirkt entspannt und zufrieden auf ihrer Reise.

    Manchmal sagt ein anderer einen Satz – und plötzlich steht das ganze Leben kurz still. „Welche Leichtigkeit du rüberbringst, Mama!“ Ich habe gelächelt. Und innerlich kurz nachgezählt. Denn leicht war ich lange nicht.

    Wenn das Leben schwerer war, als es aussah

    „Welche Leichtigkeit du rüberbringst, Mama!“, sagt meine Tochter zu mir, und macht mich damit sehr froh und glücklich, denn in ihrer Kindheit war ich alles andere als leicht drauf.

    Da war ich eher überfordert von vier kleinen Kindern, einem stressigen Delikatessengeschäft, das mehr den Wünschen meines damaligen Mannes, ihres Vaters entsprach, von seinem Drängen nach einem luxuriösen, nach außen gerichteten Leben.

    Und nun also transportiere ich Leichtigkeit!

    Kann sein, dass ich dafür Jahrzehnte gebraucht habe.

    Nahaufnahme einer Frau am Meer bei windigem Wetter. Im Hintergrund sind Wellen und ein grauer Himmel zu sehen. Ihr Blick wirkt ruhig und nachdenklich.

    Burnout, Zweifel – und der Weg zurück zu mir

    Nach Jahren, in denen ich einem Burnout unterlegen hatte, in Depressionen festgehangen war, die mir dann aber auch wieder den Weg wiesen in ein leichteres Leben, eines nach meinem Sinn, nach meinen Wünschen.

    Ja, das ist für mich das Geheimnis eines gesunden Lebens: Seine eigenen Bedürfnisse kennen, ernst nehmen und nach ihrer Befriedigung zu streben. Jeden Tag neu.

    Ein einfacher Satz. Und gleichzeitig eine Lebensaufgabe.

    Warum wir unsere eigenen Bedürfnisse oft verlieren

    Meine Bedürfnisse waren damals, zu Raffaelas Kindheit, vor lauter Drunter und Drüber in einem prall gefüllten Alltag verschütt gegangen.

    Zwischen Verpflichtungen, Erwartungen und dem Versuch, alles richtig zu machen, bleibt oft genau das auf der Strecke, was uns eigentlich trägt.

    Man merkt es meist erst, wenn es fehlt.

    Oder wenn man stehen bleibt. Oder liegen bleibt.

    Frau mit Rucksack wandert lächelnd durch eine felsige Berglandschaft. Über dem Bild steht der Text „Ich bin eine Rumtreiberin“.

    Allein unterwegs – meine Reise in die Cevennen

    Um sie überhaupt wieder zu erkennen und zu finden, ging ich mit 52 Jahren auf eine Soloreise, eine Autopilgerreise, die ich mit meinem Merkür unternahm. Er war mein Auto und Gott der Reisenden zugleich.

    Es ging nach Südfrankreich, mein Wunschland, ich allein fünf Wochen nur mit mir und mit groben Zielen: In die Cevennen wollte ich.

    Von deren wilder, zackiger Schönheit ich viel gehört hatte, die schienen mir und meinem Seelenzustand zu entsprechen: wild und durcheinander.

    Mit viel Angst, Zweifeln („Darf ich das?“) und innerem Chaos zog ich los ins Ungewisse.

    Dort wollte ich mich finden. Wen überhaupt? Wer war ich denn? Wie erkannte ich mich denn?

    Und dann wurde diese Reise zu einer der schönsten und wichtigsten in meinem Leben.

    (Mehr über diese Reise findest du hier: https://irmgardrosina.de/hoerbuch-reiseroman-suedfrankreich/)

    Leichtigkeit kommt nicht – sie entsteht

    Ruhiger See mit klarem Wasser und weitem Himmel. Ein kleiner Steg ragt ins Wasser, im Hintergrund liegen Boote und eine sanfte Uferlandschaft.

    Und jetzt also attestiert mir meine Tochter Leichtigkeit.

    Gibt es was Schöneres als das Gefühl, „es“ geschafft zu haben?

    Leichtigkeit fällt nicht vom Himmel. Sie wächst. Still. Manchmal langsam. Und manchmal genau dann, wenn man aufhört, sie zu suchen.

    Ein kleiner Gedanke zum Schluss

    Vielleicht ist Leichtigkeit kein Zustand. Sondern eine Richtung.

    Und vielleicht reicht es schon, wenn man sich jeden Tag ein kleines Stück in diese Richtung bewegt.

    Mit einem Blick nach oben. Mit einem Schritt nach draußen. Oder einfach mit einem ehrlichen „Was brauche ich heute wirklich?“

    Ein Teil dieser Lebensreise ist in meinem Reiseroman „Und sonst nichts“ festgehalten – und nun auch als Hörfassung erlebbar, gesprochen von Fine Thurmond mit ihrer warmen, klaren Stimme (siehe voice.of.josefine auf Instagram).

    Auf YouTube habe ich viele kleine Gedankenfragmente aus „Und sonst nichts“ als Short aufgenommen. Wenn du möchtest, schau mal rein: Ein Moment. Ein Gedanke


    Einordnung

    In den USA gibt es den „Look up at the Sky Day“, und er erinnert daran, innezuhalten und den Blick zu heben – weg vom Alltag, hin zu etwas Weitem, Größerem. Schau in den Himmel. Manchmal ist genau das die Lösung.

  • Was würdest du tun mit einer Milliarde Euro – und deiner Zeit?

    Was würdest du tun mit einer Milliarde Euro – und deiner Zeit?

    Die Erlebnisfrau – Leben, Arbeit und Sinn in Bewegung

    Stell dir vor, du hättest plötzlich eine Milliarde Euro zur freien Verfügung. Kein Müssen mehr. Kein „Ich sollte noch schnell…“. Keine Ausreden. Nur Zeit. Und dich.

    Und dann passiert etwas Seltsames: Die Frage wird nicht größer – sondern leiser.

    Womit würdest du deine Zeit verbringen?

    Warum diese Frage mehr verändert als jedes Ziel

    Geld ist in diesem Gedankenexperiment eigentlich nur ein Vorwand. Es räumt alles beiseite, was sonst im Weg steht: Verpflichtungen, Notwendigkeiten, äußere Erwartungen.

    Was übrig bleibt, ist etwas Unbequemes – und gleichzeitig sehr Ehrliches:

    Was willst du wirklich tun, wenn du nicht musst?

    Nicht das große Lebensziel. Nicht der perfekte Plan. Sondern der ganz konkrete nächste Schritt.

    Der Tag. Die Woche. Der Monat. Die Jahre.

    Die eigentliche Frage: Was würdest du mit deiner Zeit tun?

    Viele Menschen bleiben an dieser Stelle hängen. Nicht, weil ihnen nichts einfällt. Sondern weil plötzlich alles möglich wäre.

    Und das ist… überraschend anstrengend.

    Vielleicht würdest du reisen. Vielleicht malen, schreiben. Vielleicht einfach mal nichts tun.

    Oder du würdest feststellen, dass du gar nicht so weit weg willst – sondern näher zu dir selbst.

    Lebensziele sind oft leiser, als wir denken

    Lebensziele kommen selten mit Trommelwirbel.

    Sie zeigen sich eher in kleinen Sätzen wie:

    „So kann es nicht weitergehen.“
    „Irgendwas passt hier nicht mehr.“
    „Da ist noch mehr.“

    Und manchmal auch in einem sehr schlichten Gedanken:

    Ich habe einfach angefangen.

    Ohne Masterplan. Ohne Sicherheit. Dafür mit einem ersten Schritt.

    Ein Kalender, der nicht drängt – sondern fragt

    April-Kalenderseite aus „Klare Lebensziele finden 2026“ mit roter Zielscheibe und Impulsfrage zu finanzieller Freiheit.

    Das Kalenderblatt für den April stellt genau diese Frage. Jeden Tag ein bisschen anders. Ohne Druck. Ohne richtige oder falsche Antwort.

    Nicht: „Was musst du erreichen?“

    Sondern: „Womit verbringst du deine Zeit?“

    Und vielleicht ist das der eigentliche Luxus – nicht die Milliarde.

    Sondern die Möglichkeit, hinzuschauen.

    Und jetzt?

    Vielleicht brauchst du keine Milliarde Euro.

    Vielleicht reicht ein ehrlicher Moment.

    Ein Tag, an dem du dich fragst:

    Was mache ich eigentlich mit meiner Zeit?

    Und vielleicht ist die Antwort noch nicht klar.

    Das ist in Ordnung.

    Sie darf wachsen.

    👉 Mehr Gedanken und Impulse findest du hier: [Link zu passenden Blogartikeln einfügen]

    Und wenn dich genau solche Fragen begleiten dürfen: Der Kalender „Klare Lebensziele finden“ ist als digitales Produkt in meinem Shop erhältlich.

    Titelcover des „Kalender-Seminars 2026 – Klare Lebensziele finden“ mit goldenem Zielscheiben-Symbol und motivierendem Einführungstext.

    Digital, ganz ohne Druck. Aber mit Wirkung.

    Und sonst nichts.

    Ein leiser Gedanke, der auch im Reiseroman „Und sonst nichts“ weitergeht – aktuell entsteht daraus ein Hörbuch.

  • Zum ersten Mal als Frau allein reisen – ohne Kinder, ohne Mann

    Lebensreise · Erfahrungsbericht aus Anatolien

    Wenn du plötzlich allein losziehst – und keine Routine rettet

    Zum ersten Mal allein auf Reisen – gewonnen in einem Gewinnspiel. Und plötzlich steht sie da, die Frage, die man sich während der Familienphase nie gefragt hat: Wie geht Reisen, so ganz allein?

    Vielleicht kennst du das: Du freust dich auf Freiheit – und merkst gleichzeitig, wie ungeschützt sich alles anfühlt, wenn niemand neben dir läuft, der „dazugehört“.

    Was diese Reise für mich war

    Die Begegnungen mit Menschen und das tägliche Leben in Anatolien haben meine Reise besonders lebendig gemacht. Hier trifft Tradition auf Moderne, und das einfache Leben in den Dörfern erzählt von einer anderen Welt.

    Unterwegs zwischen Dorfleben und staubigen Straßen

    Unterwegs sah ich Nomadenfamilien, die auf einer Ebene nahe der Straße unter Plastikfolie saßen, während Hunderte Ziegen um sie herumhüpften. Reiche Hirten weben ihre Zelte aus Ziegenhaar, die im Sommer kühlen und im Winter wärmen.

    In den kleinen Städten wie Korkuteli zogen Pferde Zementsäcke und Gemüse durch die Straßen. Die Menschen erinnerten mich an die türkischen Gastarbeiter meiner Kindheit: dunkler Teint, gebeugte Haltung und oft ein ernster Gesichtsausdruck.

    Die Häuser in den Dörfern waren einfach, oft mit bunten Teppichen vor den Türen, die zum Trocknen aufgehängt waren. Ein kleines Geschäft führte nur die nötigsten Waren, und der nächste Baumarkt war eine Tagesreise entfernt.

    Aus Versehen in der Millionenstadt

    Aus Versehen – umso spannender – kam ich nach Denizli, einer Millionenstadt. Hier herrschte reges Treiben mit Menschen in traditionellen und modernen Kleidungen, die laut und lebendig ihren Alltag gestalteten.

    Werde ich jemals wieder zu meinem Hotel zurückfinden? Die Frage war irgendwie berechtigt.

    Der Moment, in dem das Abenteuer beginnt

    Im Nachhinein war mir klar: Augen zu und durch – das war die einzige Möglichkeit, diese vielen neuartigen, ungeschützten Erlebnisse überhaupt zuzulassen und zu bewältigen. Genau dort begann meine Abenteuerlust, die mir bis heute Lebendigkeit und Lebensfreude erhält.

    Die Ruhe der Berge bis zum pulsierenden Stadtleben – ich überall mit dabei. Mit allerlei Mut.

    🎧 Wenn du den Text lieber hören willst

    Die ganze Geschichte kannst zu auch auf YouTube in meiner Stimme hören – in dem Tempo, in dem sie entstanden ist.

    👉 Hier das YouTube-Video „Die Kinder sind groß! Eine überraschte Türkeireise“

    © Irmgard Rosina Bauer

    Aus dem Themenraum „Unterwegs & Reisen“

    Weiterlesen im Themenraum

    Wenn du magst, lies hier weiter: Unterwegs & Reisen · Arbeit, Wandel & Sinn

    Ein Gedanke zum Weiterlesen

    Erwarte hier bitte keine Checkliste für alleinreisende Frauen. Aus meiner Erfahrung ist sowieso jede Reise anders – und man macht für eine eigene Checkliste seine Erfahrungen, zur Unterstützung der persönlichen Entwicklung. Aber natürlich findest duin meinem Blog und in meinen Büchern dazu genug Stoff, um dich reinzulesen.

    Manche Gedanken begleiten länger. Aus solchen Texten entstehen bei mir Lesungen, Audios und kleine Sammlungen – für unterwegs oder ruhige Momente.

  • Zum ersten Mal allein auf Reisen

    Lebensreisen · Unterwegs & Reisen · Familie & Generationen

    Wenn die Kinder nicht mehr dabei sind

    Zum ersten Mal allein auf Reisen. Gewonnen in einem Gewinnspiel. Doch wie geht Reisen, so ganz ohne Kinder?

    Gänzlich unvorbereitet landete ich in Anatolien – und meine Abenteuerlust führte mich an jenem Tag zu Fuß in eine Landschaft voller Geschichte, Weite und Stille.

    Ein Ort, der größer war als meine Unsicherheit

    Plötzlich stand ich oben am Berg und sah vor mir die antike Stadt Hierapolis, die auf meinem Weg zu den Kalkterrassen von Pamukkale lag.

    Diese Stadt wurde von Hethitern, Lydern und später Römern bewohnt. Besonders beeindruckend ist das Theater mit seinen fünfzehntausend Plätzen, das von der einstigen Größe der Stadt mit etwa sechzigtausend Einwohnern erzählt.

    Die Nekropole mit ihren steinernen Mausoleen berichtet von einer längst vergangenen Zeit, während heute braungraue Geckos durch die Ruinen huschen. Die heißen Quellen waren schon in der Antike bekannt und geschätzt – selbst Kaiser Diokletian ließ hier verweilen.

    Allein unterwegs – und plötzlich klar

    Für mich war es ein Geschenk, diese Orte auf eigene Faust erkunden zu können. Ein Geschenk, zu erkennen: Es gibt ein Leben nach den Kindern.

    O ja.


    Manche Gedanken begleiten länger. Aus solchen Texten entstehen bei mir Lesungen, Audios und kleine Sammlungen – für unterwegs oder ruhige Momente. Die ganze Geschichte kannst du dirauf YouTube anhören, ich habe sie eingesprochen.



    Themenräume:
    → Unterwegs & Reisen
    → Familie & Generationen

  • Platzsuche – eine Lebensreise beginnt

    Buchcover „Und sonst nichts“ von Irmgard Rosina Bauer – illustrierte Camping- und Reiseszene mit Auto, Zelt und Figuren in der Natur
    Reiseführer „Frankreich / France“ von Marco Polo – Spiralbindung, Titelbild mit Küstenlandschaft und Meer

    Die Erlebnisfrau – Leben, Arbeit und Sinn in Bewegung

    YouTube-Folge 17 von 55 · Originaltext aus dem Reiseroman „Und sonst nichts“

    Wenn Aufbruch nicht nach Freiheit klingt

    Dieser Aufbruch endet in der Nacht – mit Müdigkeit, Unsicherheit und einer leisen Frage: Wo ist hier eigentlich Platz für mich?

    Die Kurzgeschichte „Platzsuche“ ist der Anfang meines Reiseromans Und sonst nichts. Nicht als Panorama von Landschaft. Sondern als innerer Moment – unterwegs, allein, wach.

    Der Text gehört zur Kategorie Lebensreisen und ist Teil einer Serie von 55 Kurzgeschichten. Das Buch wird aktuell als Hörbuch eingesprochen.

    Worum es in dieser Geschichte nicht geht

    Diese Geschichte ist keine Reisebeschreibung. Oder doch? Kein Campingratgeber. Kein Abenteuertext. Oder doch? Das Abenteuer heißt: Sich selbst kennenlernen. Oh!

    Nicht jede Enge ist sichtbar. Und nicht jede Angst ist neu.

    🎧 Die Geschichte als Video & Lesung

    „Platzsuche“ ist auch als Lesung auf YouTube erschienen. Du kannst den Text dort in meiner Stimme hören – in dem Tempo, in dem er entstanden ist.

    Hinweis: Der folgende Text ist eine literarische Erzählung. Nimm dir Zeit. Lies langsam. Oder höre ihn dir im Video an.

    „Platzsuche“

    Originaltext aus dem Reiseroman „Und sonst nichts“

    Platzsuche

    Ich nehme mit Merkür die erste Ausfahrt von Mulhouse und lande voll im Lande Peugeot: Eine usine an der anderen, eine garage löst die nächste ab, LKW-Parkplätze en masse, kein Mensch mehr unterwegs um diese Uhrzeit, also mal lieber weiterfahren, bisschen aus der Stadt hinaus vielleicht, aber wie geht’s bloß aus der Stadt raus, die Sonne ist weg, Himmelsrichtungen kann ich nicht erkennen, hoppla, mein Gefühl wollte ich auf dieser Reise sprechen lassen, was sagt mir nun mein Gefühl, nichts, es hat keine Ahnung. Eine Stunde lang. Inzwischen ist es ein Uhr.

    Meine Konzentration ist nach der langen Fahrt am Ende. Meine Augendeckel wollen schon längst nicht mehr. Ich teste in Gedanken verschiedene Plätze, ob da mein lieber Merkür stehen bleiben und parken möchte. Er möchte nicht.

    An vielen Plätzen möchte er nicht. Nicht im Industrieviertel (wer weiß, wieviele LKW-Fahrer da aus ihren LKWs zu mir ins Auto steigen könnten!), nicht im Stadtzentrum an einer unbeleuchteten Straße (wer weiß, welche Jugendlichen da randalieren!), nicht in der Villengegend (wer weiß, wie sehr ihre Besitzer mich am Morgen schief anschauen werden!). Bis wir beide irgendwie dann doch den Stadtrand gefunden haben. Schüchtern umrunden wir mehrfach ein großflächig angelegtes Hotel. Ob wir uns dort auf den Parkplatz stellen? Werden wir vom Nachtpförtner vertrieben, weil wir kein Hotelgast sind? Meine Müdigkeit erleichtert mir die Entscheidung, und wir postieren uns etwas abseits am Rand des Parkplatzes, an den eine weitläufige Wiese angrenzt. Verstohlen schleiche ich mich von der Fahrertür an der Rasenseite zur Heckklappe und nehme die mein Chaos wunderbar verhüllende gelb-blau gestreifte Ikea-Tagesdecke ab – nein, Schlafanzug ist nicht nötig – halt, noch ein leichter Klogang in die Wiese –

    Rücklings steige ich auf das Trittbrett. Wenn ich mich ducke, kann ich den Kopf nach hinten nehmen und meinen Körper ihm nachziehen, bis ich liege.

    Ganz schön eng hier oben! Beim ersten Mal, als ich vor einiger Zeit schon einmal mein Brettbett ausgetestet habe, war die Liegefläche leer gewesen, so dass ich mich darauf seitlich in der Waagerechten drehen konnte, doch jetzt: Die blaue Kühltasche teilt sich mit mir das Bett, die schwere Bücherkiste, einige Kleidungsstücke, der Waschbeutel, das alles habe ich hier oben abgelegt, weil da so viel Platz war, wohingegen alle Kisten unterhalb meines Brettbettes überquellen vor Dingen, die ich in den nächsten Wochen vielleicht brauchen könnte.

    Nein, es geht so nicht.

    Unter starken Verrenkungen bekomme ich den Hecktürengriff in die Hand, drücke ihn nach unten, ziehe mich hinaus, komme auf der Wiese in den Stand, räume die Bettplatte frei. Die Kühltasche bringe ich, immer leise, dass mich keiner hört, nach vorne auf den Beifahrersitz. Die Bücherkiste stelle ich auf den Beifahrerboden, Klamotten und Waschbeutel oben drauf. Ich gehe nach hinten, krieche rücklings wieder nach oben und komme zum Liegen, drücke den Türverriegelungsknopf.

    Nein, auch nicht gut, jeder kann mir am Morgen ins Gesicht schauen, da ich direkt auf Fensterhöhe schlafe.

    Habe ich plötzlich ein Problem?

    Ich krabble hinaus und krame in Merkürs Innerem nach den bunten Vorhangstoffen, die ich auf die Schnelle von daheim mitgenommen hatte, mit unklarem Plan – irgendwie würde ich sie dann schon befestigen können. Dabei bin ich so müde! Da sie das Klebeband nicht gehalten hat und sie immer wieder heruntergefallen sind, klemme ich sie in den Autotüren und -fenstern ein. Dass das nur vom Hotel keiner hört! Immer fein sachte die Türen zugedrückt! Gar nicht so leicht, die Hecktüren von innen zu schließen, schon gar nicht so leise, weil sich der Griff dafür, an dem ich ziehen kann, ausgerechnet in Schlafbretthöhe befindet. Ich muss noch rechtzeitig vor dem Klack meine Hand wegziehen, um sie nicht einzuquetschen.

    Da liege ich wieder. Neben mir das Lachgasspray. Und das Pfefferspray gegen Tiere.

    Aber das kannst du doch nicht im Auto verwenden, wenn dich jemand belästigt – das trifft dich doch selber!, schießt es mir durch den Kopf. Ich brauch wenigstens ein Messer! Noch einmal drehe ich mich in der Waagerechten, um mit dem Kopf zur Kofferraumtür zu liegen zu kommen, fiesele am Griff der Hecktüre, um sie zu öffnen – kaum, dass ich sie aufkriege – und suche mit der Taschenlampe aus einer Kiste mein Wildnismesser hervor, auf das ich so stolz bin, spitz, kurz und hart, der Griff aus feinstem Olivenholz.
    Bevor ich es neben meinem Kopfkissen ablege, halte ich kurz inne, öffne den Druckknopf der ledernen Scheide. In welchem Fall würde ich es anwenden? Vielleicht jemandem damit auf die Hand piken? Wann wäre die Gefahr bedrohlich genug, um zuzustechen? Oder würde ich in Panik geraten und zu früh loslegen?

    Endlich spüre ich meine Anspannung abklingen, die Stille ringsumher umfängt mich.

    Und plötzlich, uff, ist sie da, die Panik.

    Altes Zeug

    Panik! Nein! Nicht doch wieder! Panik! Wie damals! Hilfe! Luft! –

    Diese Enge, genau wie damals, ich bin imstande, alles kaputtzudrücken, ich brauche Platz!

    Impulsiv möchte ich nach oben aufschnellen, den Oberkörper aufrichten, doch das Autodach! Aufstehen und dann gleich aussteigen geht nicht. Hilfe! Plötzlich schnürt sich mir die Kehle zu, ich kriege keine Luft mehr, ich weiß ganz genau,        gleich ersticke ich! Ich krieg keine Luft!      Ich ersticke!       Luft!        Durch den Mund geht keine Luft mehr durch, zu trocken ist er. Schreien möchte ich, doch kommt es nicht.        Die Autodecke wölbt sich unter meinem Armdrücken – ich muss hier raus! Luft!      Ich sterbe, wenn ich hier nicht rauskomme!        Mein Herz schlägt laut.

    Bleib ruhig! Du musst, du musst dich zusammenreißen, das hier geht nur mit klarem Verstand! Du hast dir Platz gemacht, kannst dich seitlich wegdrehen.

    Mit aufeinandergepressten Lippen unter kurzen Atemstößen gelingt es mir, mich auf den Bauch zu drehen, ohne an dem bedrohlich nahen Autodach anzustoßen, den Oberkörper über die breite Bettbrettmatratze in der Waagerechten zu drehen, sodass der übrige Körper nachziehen kann, die Beine nun in Fahrtrichtung, Kopf und Hände zum Türgriff – der Griff, wo ist der verdammte Griff? Gleich zerreiße ich alles, ich ersticke! Ich zerspringe! Ich muss ersticken! Ich zersprenge die Autotür!

    Bleib ruhig, das hier geht nur mit Vernunft, sonst erstickst du, du musst Vernunft haben, hast es bis hierher geschafft, bleib ruhig, da ist doch der Griff.

    Ich ersticke! Rauf- oder runterdrücken? Ich ersticke! Ich muss jetzt sofort den Griff rausreißen, sonst komm ich hier nie raus, Hilfe!

    Du schaffst es, hast es doch damals auch geschafft. Gleich schaffst du’s. Nach unten drücken. Noch fester, du schaffst das, gleich hast du’s! Noch fester! Klack – klack rechts genauso –

    Mit einem kräftigen Stoß die eine Hälfte der Hecktüre, noch ein Stoß für die zweite – frei, ich kann atmen, auf dem Bauch, hebe den Kopf, die ganze freie Wiese vor meinen Augen, frei! Es duftet nach frischem Gras. Mein Herz höre ich bummern.

    Dass das nochmal kommen konnte!

    Dabei hatte ich sie doch überwunden gehabt, die Platzangst? Die Erinnerung an die Millenniumsnacht auf der Münchner Feiermeile zwischen Odeonsplatz und Siegestor. Dass das nie mehr kommen könne, hatte ich gemeint.

    Pah, wie stellt die sich an, dachte ich noch über eine Frau, die mir in der Enge der Menge entgegenstürmte. „Durchlassen!“, rief sie schrill, ihre Augen waren geweitet und angstvoll auf mich gerichtet, ihre Arme fuchtelten wild durch die Menschen. „Durchlassen! Mir ist zu eng!“ Mein Lächeln muss verächtlich gewesen sein, ich sehe mich noch verständnislos und borniert den Kopf schütteln.

    Es war keine Minute vergangen, bis dann plötzlich ich mich in der Menschenmenge eingedrückt fühlte. Links befand sich die Häuserwand, rechts begrenzte die Betonmauer zur U-Bahnstation den Engpass, den anscheinend alle Feierwilligen auf einmal in diesem Augenblick zu passieren gedachten. Die, die von der Ludwigstraße zurückkamen und die, die von der U-Bahn hochkamen und hin zur Ludwigstraße wollten.

     Die einen schoben mich von hinten nach vorn, wo auch ich hinwollte, doch die anderen kamen mir von vorn entgegen und drückten mich zurück, drückten, und plötzlich hatte ich keine freie Wahl mehr, war keine Handbreit mehr dazwischen, nicht vorne und nicht hinten und nicht zur Seite, immer noch mehr pressten sie mich ein, da war kein Platz mehr, gar kein Platz mehr zum Ausweichen – ich krieg keine Luft mehr, schoss es mir plötzlich ganz nüchtern durch den Kopf. Dann war es vorbei mit dem Denken. Ich krieg keine Luft mehr, schrei ich raus. Mein Kopf platzt gleich, spür ich. Keine Luft mehr! Nur noch schreien will ich, die Jacke reiße ich mir vorne auf, möchte nach vorne stieben. Eine unbändige Kraft spür ich, ich möcht sie alle weg boxen, nur noch frei atmen will ich, Luft haben, über sie drübersteigen möcht ich, auf ihre Schultern, schon hebe ich an – Lasst mich durch! Immer noch mehr Menschen wollen zu mir her, alle zu mir her, ich krieg keine Luft mehr, ich schreie, „Ich krieg keine Luft!“ und sehe in verständnislose Gesichter. Gleich wird mein Kopf platzen, spür ich, mein Brustkorb ist am Zerbersten, der BH engt meine Brust ein, ich muss den BH öffnen, ich krieg keine Luft, nur noch über die Leute drüber hechten möchte ich. „Ich krieg keine Luft!“, den BH kann ich nicht öffnen, hab die Sektflasche in der Hand, die muss weg, fallenlassen, egal, ich höre es zischen. Spüre Rieseln und knirschende Scherben unter meinen Füßen, habe nun beide Hände frei, um den BH zu öffnen, ist etwas besser, doch „Ich krieg keine Luft!“, immer wieder schreie ich in bornierte Gesichter. „Weg da, ich will raus!“

    Da höre ich neben mir eine ruhige männliche Stimme:

    „Schauen Sie nach oben! Nur nach oben. Sehen Sie, dort oben am Himmel ist so viel Platz für Sie! Sehen Sie die Sterne? – Immer nur nach oben schauen! – ja, kommen Sie – ich gehe voraus.“

    Wie ein Engel führte mich ein fremder Mann mit ruhigen Worten aus der Enge hinaus, nur ein paar Meter weiter, wo es wieder luftiger wurde.

    Acht Jahre hatte es dann gedauert, bis ich mich wieder in Menschenmassen begeben, mich zu Stoßzeiten in eine volle U-Bahn quetschen oder wieder aufs Oktoberfest gehen konnte.

    In irgendeiner Gehirnregion hatte sich die Erinnerung daran wohl unauslöschlich eingenistet.

    „Ich muss heut Nacht die Türen hinten offenlassen!“, schießt es mir aus dieser Gehirnregion durch den Kopf.

    © Irmgard Rosina Bauer

    Zur Serie „Und sonst nichts“

    „Platzsuche“ ist der Auftakt einer literarischen Lebensreise. Weitere Folgen aus Und sonst nichts werden hier im Blog und auf YouTube folgen. 

    Die Texte stehen für:

    • Neuanfang ohne Pathos
    • Selbstreflexion ohne Erklärung
    • Reduktion statt Selbstoptimierung
    • eine leise Liebeserklärung an Südfrankreich

     

    Ich freu mich, wenn du auch nächstes Mal wieder dabei bist.

    Deine Irmgard Rosina Bauer