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  • Mit 70 Ruhe geben? Petrus sieht das anders.

    Mit 70 Ruhe geben? Petrus sieht das anders.

    Mit 70 könnte ich es mir eigentlich gemütlich machen.

    Ein bisschen zurücklehnen. Weniger anfangen. Weniger zeigen. Weniger wollen.

    Nur scheint Petrus dazu eine andere Meinung zu haben.

    In meinem Kirchweihgedicht lässt er mich jedenfalls noch nicht rein. Erst soll ich gefälligst mein Talent nutzen, mutiger sichtbar sein und etwas gegen den Kulturverfall tun.

    Ein Kirchweihgedicht

    Ich stehe vor dem Himmelstor,
    dahinter lugt Petrus hervor.

    „Hast du schon ein Kirchweihgedicht?“
    „Ein Kirchweihgedicht? – Nein, hab ich nicht.“

    „Dann hast du hier noch nichts zu suchen.
    Ich kann dich leider nicht einbuchen.

    Beweis erst drunten dein Talent,
    Und nutz es mehr – und vehement!

    Denn es braucht Dichter überall.
    Rett uns vor dem Kulturverfall!

    Zeig allen deine Fähigkeit!
    Glaub nicht, es sei nur Eitelkeit!

    Hab Mut zu deinem Anderssein!
    Dann lass ich dich im Himmel rein.“

    Irmgard Rosina Bauer

    Mehr Augenzwinkereien:
    → https://irmgardrosina.de/augenzwinkereien/

    Vielleicht hat Petrus recht

    Denn Sichtbarkeit fühlt sich nicht immer selbstverständlich an.

    Gerade wenn man schreibt, fotografiert, dichtet oder andere Kunst in die Welt setzt, kommt irgendwann der Zweifel: Darf ich das wirklich so zeigen?

    Doch natürlich ist Sichtbarkeit die Voraussetzung dafür, dass etwas, das man geschaffen hat, überhaupt andere Menschen erreichen kann.

    Und 70 ist kein besonders guter Grund, damit aufzuhören.

    Was ein neues Leben in der zweiten Lebenshälfte auslösen kann:
    → https://irmgardrosina.de/hoerbuch-und-sonst-nichts/

    Lächelnde Irmgard Rosina Bauer mit großem Rucksack und blauer Brille – Sinnbild für Aufbruch, Lebensfreude und Aktivität mit 70.

    Also gut, Petrus. Ich arbeite weiter.

    Mehr von meinen Lebensreisen:
    → auf deine Startseite https://irmgardrosina.de/

  • Ausgerechnet DAS wollt ihr von mir wissen?

    Ausgerechnet DAS wollt ihr von mir wissen?

    Es gibt Fragen, auf die bereitet man sich als Mutter vor.

    „Wo kommen die Babys her?“ zum Beispiel.

    Dass dieselben Kinder Jahrzehnte später mit ganz anderen Fragen anrücken, ahnt man.

    Bei unserer Großfamilien-Festwoche hatte ich bewusst einen Abend mit dem Programmpunkt „Freies Fragen an Irmgard“ angekündigt, und ja, ich wollte das, Offenheit praktizieren. Leichen im Keller der Familie? Raus damit! Doch ja, ich war aufgeregt von meinem eigenen Mut.

    Ich saß also da – als Mutter, Oma, Stiefmutter, Schwiegermutter, ehemalige Geschäftsfrau und als Frau – und sie ließen sich nicht lumpen.

    Warum hast du jetzt blaue Haare?, so fing es ganz harmlos an.

    Irmgard Rosina Bauer mit blauen Haaren neben ihrem Mann

    Warum hast du deine vier Kinder taufen lassen?

    Wie wurdest du eigentlich aufgeklärt?

    Warum hast du deinen Bruder nicht eingeladen? (Ja, warum eigentlich nicht? Nach so vielen Jahren … Leichengeruch!)

    Und dann:

    Wenn du heute noch einmal 18 wärst – wie würdest du dein Leben beginnen?

    Spontan zu antworten ist oft das Beste, dachte ich, ohne Vorbereitung und ohne die Möglichkeit, erst einmal drei Nächte darüber zu schlafen.

    Und auf die Frage nach meinem Neustart mit 18 antwortete ich:

    Ich würde Germanistik studieren.

    Schließlich hätte ich dann schon früh das Handwerkszeug gehabt, um mich schriftstellerisch zu betätigen. Vielleicht wäre aus mir viel früher eine berühmte Autorin geworden.

    Klang einleuchtend.

    Bis ich später noch einmal darüber nachdachte.

    Germanistik? Wirklich?

    Heute würde ich die Frage anders beantworten.

    Ich hätte mich wahrscheinlich viel mehr darum bemüht, Sportwissenschaft zu studieren.

    Denn eines war in meinem jungen Leben unübersehbar vorhanden: Ein unbändiger Bewegungsdrang.

    Stillsitzen dagegen? Selten.

    Und ausgerechnet Schriftstellerei besteht zu einem überwiegend großen Teil daraus.

    Sitzen. Denken. Schreiben. Wieder löschen. Noch mehr sitzen. Noch einmal schreiben.

    Dann aufstehen, weil es schon zieht im Rücken.

    Hätte die 18-jährige Irmgard tatsächlich freiwillig stundenlang am Schreibtisch gesessen und Geschichten geschrieben?

    Ich habe da meine Zweifel.

    Vielleicht hätte sie nach drei Seiten beschlossen, dass draußen das Leben stattfindet.

    Und hätte damit sogar recht gehabt.

    Vielleicht muss man erst etwas erleben

    Denn was hätte ich damals eigentlich erzählen sollen?

    Heute liegt eine ziemlich lange Lebensreise hinter mir. Mit Kindern (toll!) und Familie, Arbeit und Unternehmertum, Aufbrüchen und Umwegen, Reisen, Fehlern, Neuanfängen und einigen Erkenntnissen, die vermutlich nur deshalb Erkenntnisse geworden sind, weil vorher etwas gründlich schiefgelaufen war.

    Ich habe erst mit ungefähr 60 Jahren ernsthaft zu schreiben begonnen.

    Ich hätte das als „zu spät“ bezeichnen können.

    Nein, alles richtig gemacht.

    Irmgard Rosina Bauer heute beim Wandern vor einem Gebirgsbach – unterwegs statt noch einmal 18

    Ich musste erst leben, bevor ich über das Leben schreiben konnte.

    Und ich musste mich offenbar erst genügend bewegen, bevor ich freiwillig so viele Stunden auf einem Schreibtischstuhl aushielt.

    Würde ich heute etwas anders machen?

    Natürlich. Es gibt Entscheidungen, die ich heute anders treffen würde.

    Gelegenheiten, die ich eben „schnell mal“ ergreifen würde. Andere, bei denen ich schneller davonlaufen würde.

    Aber alles gehört zu mir.

    Die Germanistikstudentin Irmgard wäre sicher eine gute Literaturwissenschaftlerin geworden.

    Vielleicht wäre die Sportstudentin Irmgard eine glücklichere 25-Jährige gewesen.

    Aber eine glücklichere 70-Jährige? Vielleicht hätte ich mir mehrmals die Rippen gebrochen, die Knie wären schon mehrfach operiert und ich könnte nicht mehr laufen. Nee, ich wollte nicht mehr 18 sein.

    Ich ließ das Leben kommen, und es kam – bis zur Stufe „Autorin“ war alles da.

    70! Feuerwerk anzünden!