10 Jahre später geht die Geschichte weiter

2016 erschien mein Buch „Das Leben könnte so schwer sein“.
Es besteht aus 13½ autofiktionalen Geschichten – also aus Erlebtem, das ich literarisch verwandelt habe.
Geschichten über Frauenleben, Familie, Arbeit, Freiheit und den ziemlich hartnäckigen Wunsch, das eigene Leben selbst bestimmen zu dürfen.
Weil das Buch aus gelebtem Leben entstanden ist, konnte zehn Jahre später auch neues gelebtes Leben hineinfließen.
2026 kam deshalb „Hauptsache frei“ dazu – eine kleine Fortsetzung.
Aus 13½ wurden 14½ Geschichten.
Persönlich im Ursprung. Aber in den Themen weit größer als nur mein eigenes Leben.
Lebensfluss, fließe.
Der 14. Zufluss: „Hauptsache frei“
Was bedeutet Freiheit, wenn vieles längst erreicht ist – dann aber das Alter beginnt, neue Grenzen zu setzen?
„Hauptsache frei“ steht weiter unten auf dieser Seite.
Dieses Buch darf weiterreisen.
Vielleicht hältst du gerade ein gedrucktes Exemplar in der Hand.
Dann ist die Sache ganz einfach:
Lies das Buch.
Lies danach „Hauptsache frei“.
Und wenn du magst: Gib das Buch weiter.
Ein Buch, das nach zehn Jahren weitergewachsen ist, darf auch weiterwandern.
10 Jahre später – und noch immer dieselben großen Fragen
Freiheit. Eigenes Leben. Frauen und Geld. Neuanfang. Arbeit und Anerkennung.
Und immer wieder die Frage:
Was will ich eigentlich selbst?
Darum ist „Das Leben könnte so schwer sein“ für mich heute ein frühes Stück meines Gesamtwerks – und eines, das zehn Jahre später noch einmal weitergewachsen ist.

Vierzehnter Zufluss
»Sara«
Hauptsache frei
Im Schaufenster der Apotheke sah Sara sich plötzlich selbst: siebzig Jahre alt, blaue Haare. Lesebrille in der Jackentasche.
Sie blieb stehen und musste lächeln.
Ja, sie gefiel sich mit den neuen blauen Haaren – die natürlichere Alternative wäre „weiß“ gewesen. Und sie hatte niemanden nach Meinung gefragt.
Früher hätte zwischen „Das gefällt mir“ und „Das mache ich“ eine ganze Reihe anderer Stimmen gestanden.
Was sagt mein Mann dazu? Was denken die Leute? Ist das nicht zu auffällig? Kann man in diesem Alter noch so herumlaufen?
Heute fragte Sara meistens nur noch:
Passt mir das so? Wenn ja, dann passte es.
Sie ging weiter.
Draußen zu sein tat ihr gut. Sie liebte Bewegung, denn die ordnete ihren Kopf. Beim Gehen kamen Gedanken in Fluss, und manchmal kamen gleich so viele, dass Sara darüber in sich hinein lächelte und verwundert den Kopf schüttelte.
Noch nie hatte sie gut stillsitzen können, na und? Mit siebzig wurde das allerdings zu einer neuen Frage.
Ihr Kopf wollte weiterhin alles gleichzeitig: schreiben, reisen, Neues entdecken, Projekte angehen, Menschen treffen, draußen sein, in den Bergen.
Bergauf ging es noch ganz ordentlich, doch bergab meldeten sich die Knie. Kaum hatte sie sich ihre Freiheit erarbeitet, meldete sich ausgerechnet ihr bisher so gesunder Körper mit neuen Grenzen.
✶
Mit sechzig hatte sie beschlossen, keine fremden Aufträge mehr anzunehmen.
Sie wollte nur noch das schreiben, was aus ihr selbst heraus entstand, was ihr Freude machte, womit sie sich wirklich gerne auseinandersetzte. Doch war das vernünftig, wenn man Geld verdienen wollte? Nein, jedenfalls nicht im üblichen Sinn, wo man sich eigentlich am Kunden ausrichtet.
Andererseits: Standen ihr nicht die gebrechlichen neunzig im Nacken, es war doch nicht etwa zu spät für solche Veränderungen?
„Dann muss ich eben mit weniger auskommen,“ Sie wusste inzwischen, dass sie auch mit wenig zurechtkam – nein, sie wollte sich nicht unterwerfen.
Hatte sie nicht ein paar Jahre zuvor schon diese unvergessene, bereichernde Erfahrung gemacht, als sie mit einem kleinen Van fünf Wochen Südfrankreich durchstreifte? Ausgabengrenze: zehn Euro am Tag. Und wie stark diese Erfahrung sie gemacht hatte! „Nichts mehr auf der Welt kann mich aufhalten, ich schaffe alles, ich muss mich nicht mehr vom Gelddruck beherrschen lassen!“, so selbstbewusst war sie daraus herausgegangen.
Was zum Teufel hielt sie schon wieder zurück, für die Erfüllung ihrer Wünsche zu sorgen?
„Geh nach Goa,“ witzelte ihr Sohn. „Ein Euro am Tag reicht da“, grinste er.
Hauptsache frei, dieses Credo war eine neue Richtschnur geworden, für alles. Und sie hatte auch schon sehr, sehr oft Gelegenheit gehabt, dieser Freiheit zu trauen.
✶
Ein Wohnmobil als Sinnbild für Freiheit schlechthin hatte sie sich auch schon angeschafft. Ihr eigenes Wohnmobil! A. hatte es nach ihren Vorstellungen ausgebaut, er hatte unendlich viel recherchiert, Materialien gekauft und sehr verlässlich eingebaut, und er wollte gar nicht immer dabei sein. „Fahr du ruhig allein, das liebst du doch“, sagte er dann.
Allein klang für sie nicht schlimm, es bedeutete nicht einsam, sondern: Sie konnte anhalten, wenn ihr danach war, weiterfahren, wenn ihr ein Ort nicht gefiel, und musste sie morgens schon wissen, wo sie abends schlafen würde? Eine Tür öffnen, Stuhl aufklappen und auf der Wiese den Kaffee aus dem Blechbecher trinken. Weiterfahren. Laufen. Schreiben. Schauen.
Wie unspektakulär doch diese Freiheit war: Ein eigenes Fahrzeug, eigenes Geld, eigene Entscheidung ob Ja oder Nein oder doch Ja.
✶
Nach einigen zufriedenen Jahren veränderte sich das Reisen mit dem Wohnmobil. Es wurde überall voller, reglementierter und teurer. Wohnmobil, das war Freiheit gewesen – und nun an allen Enden Einschränkungen!
Also verkaufte sie das Wohnmobil wieder.
Dass sie über Verkauf und Erlös heute selbstverständlich selbst entschied, war keineswegs immer so gewesen.
Kontoauszüge, Finanzpläne, finanzielle Entscheidungen über zweihundert Euro hinaus hatte sie immer ihrem Mann überlassen, denn sie, sie hatte ja schließlich genug zu tun mit vier Kindern, dem Ladengeschäft, dem Haushalt. Um Kinder und Haushalt machte wiederum er weitgehend einen Bogen.
Bei der Scheidung dann aber stellte sie überrumpelt fest, dass sie nichts, einfach nichts besaß, nicht mal mehr das Selbstbewusstsein, sich irgendwo zu bewerben. „Das ist meins“, konnte sie heute mit Gewissheit sagen. Diese Freiheit? Die würde sie niemals wieder hergeben, für keinen Menschen der Welt. A., ihr heutiger Mann, hatte damit keinerlei Problem. Er hatte schließlich sein eigenes Geld und seine eigenen Interessen.
Das war einer der größten Unterschiede zu früher: Sara musste sich nicht kleiner machen, damit ihre Beziehung groß bleiben konnte, nein, A. freute sich sogar, wenn sie ihr eigenes Ding machte und genoss damit ihre Zufriedenheit. Ihre Selbständigkeit bedrohte ihn nicht. Im Gegenteil: Er mochte sie genau so.
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Ihre vier Kinder waren inzwischen alle über vierzig, und vieles hatten sie ihr beigebracht: Loslassen. Zusehen. Nicht überall eingreifen wollen, nicht jede Entscheidung kommentieren. Nicht selten bekam sie von ihrer früheren Viererbande zu hören: „Mama, das ist meine Sache“.
Nicht sofort, aber mit der Zeit spürte sie immer öfter diese Erleichterung: Hey, sie können das. Schau sie an, wie sie ihre Familien und ihre Jobs und ihre Leben gut meistern!
Und gleichzeitig geschah etwas Schönes: Die Kinder wollten sie weiterhin in ihrem Leben dabeihaben.
„Mama, wir treffen uns auf Bali, du kommst doch auch?“
Oder: „Mama, kommst du mit auf vier Wochen USA-Nationalparks?“
Und natürlich kam sie mit, oh, welch ein Genuss, diese Freiheit zu haben!
Sara hatte etwas Neues verstanden: Nähe entstand nicht dadurch, jemanden festzuhalten. Sie entstand dadurch, dass man auch den anderen frei ließ.
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Sie bog auf einen schmalen, steil ansteigenden Pfad ein, wo sie mit Wurzeln und Felsbrocken rechnen konnte. Solche Wege liebte sie immer noch.
„Doch komm ich auf demselben Weg auch wieder runter?“, musste sie inzwischen ihre Knie fragen.
Was würde aus ihrer Freiheit, wenn ihr Körper irgendwann nicht mehr mitmachte?
Wenn A. plötzlich Pflege brauchte oder auch sie selbst? Wenn ihr Kopf weiter nach Bewegung, Abenteuer und Neuem verlangte, während der Körper sagte: Heute nicht.
Nun, auch ihr Umfeld hatte sich verändert, und Freunde stellten sich dieselben Fragen, Sara war damit nicht allein. Und sie musste noch nicht auf alles eine Antwort haben. Sie wusste ja inzwischen: Manchmal kamen Antworten später.
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Eine atemberaubende Aussicht belohnte sie oben. Der Himmel, so klar. Sie dachte an die vergangenen zehn Jahre. Die waren keine ruhige Flusslandschaft. Eher eine Alpenüberquerung. Ein Auf und ein Ab, Gipfel dann Tal, wieder hinauf – und irgendwo dahinter auch mal das Meer.
„Ob ich mir nochmal ein kleineres Auto zum Abenteuern kaufe?“, fragte sie sich. Kleiner, unkomplizierter, wendiger, für spontanes Losfahren, einfach so. A. wollte immer noch weniger mitkommen. „Fahr du ruhig allein, das liebst du doch“, würde er immer noch sagen.
Vielleicht ergab sich irgendwas mit den Kindern oder den Enkelkindern?
„Ui ja, Oma, da fahr ich mit!“, hatten sie doch oft schon gesagt, wenn sie wieder mal zum Picknicken aus der Stadt hinaus und für eine Wochenendübernachtung in die Berge fahren wollte.
Sich irgendwo auf der Welt treffen, ja, das war heutzutage so einfach möglich, und große Energie erfüllte sie, wenn sie derlei Unternehmungen planen durfte.
Keinen festen Heimathafen musste sie ihrer Familie bieten. Sie konnten sich überall auf der Welt begegnen..
✶
Auf dem Rückweg kam sie wieder an der Apotheke vorbei.
Im Schaufenster sah ihr dieselbe Frau entgegen: Siebzig Jahre, blaue Haare, Lesebrille. Knie mit eigener Meinung.
Wieder blieb sie stehen und lächelte hinein.
„Ich liebe mein Leben“, sagte sie leise vor sich hin.
„Passt mir so. Was bin ich für ein Glückspilz!“
Dann ging sie weiter.
Fließe, mein Fluss.
Wenn du weiterreisen möchtest …
Inzwischen sind viele weitere Geschichten, Bücher, Gedichte, Fotografien und Audios entstanden.
Irmgard Rosina Bauer · München · 2026
Macht Lust aufs eigene Leben.
