Über die Nabelschnur

Und, wie geht es dir nun, fragen mich die Leute, wenn man sich zufällig begegnet. Das übliche „Gut geht’s mir“ kommt mir nicht über die Lippen. Denn mir geht es „beides“: Mal ganz normal, mal muss ich unvermittelt heulen. Es ist schließlich vor kurzem das erste Mal in meinem Leben passiert, dass Mutter gestorben ist. Ich hatte ja keine Erfahrung.

„Du wirkst so angespannt“, sagte Marina, meine Nichte, auf der Beerdigung zu mir. „Ihr geht es jetzt gut, sie muss nicht mehr leiden“, sagt sie. Natürlich hat sie recht. Mutter ist mit 94 ganz einfach friedlich eingeschlafen, und das auch noch in den Armen ihrer Tochter, meiner Schwester. Ja, ich bräuchte also gar nicht angespannt sein.

Mutter ist für mich keine einfache Frau gewesen. Sie verstand es irgendwie sehr gut, in mir Schuldgefühle zu erzeugen und so meinen eigenen Willen außer Kraft zu setzen. Was mich oft überaus gereizt hat. Selten hat sie Nähe zugelassen, meine Mutter. In der Folge habe auch ich Nähe nicht gesucht, lebte aber in der Hoffnung, dass sich da noch etwas lockern könnte. Tatsächlich befand ich mich auf einem guten Weg, anscheinend war auch ich weicher geworden.

Und dann ist sie einfach weggegangen. Hat mir nicht Bescheid gesagt. Sie hätte mich doch fragen können, mich einbeziehen in ihre Pläne. Wieder hat sie ganz einfach gemacht, was sie wollte. Wieder fühle ich mich als Opfer. Mutter, wie kannst du nur! Du kannst doch nicht einfach weggehen und mich allein lassen.

Doch, sie kann das. Nein, ich bin nicht locker. Schließlich hat sie die Nabelschnur durchgetrennt. Woran soll ich mich nun festhalten, Mama?

Jetzt bin ich die Rangälteste in unserem Familienclan. Ich kenne mich mit dieser Rolle noch nicht aus. Bin schließlich dreißig Jahre jünger. Wie soll ich da nicht angespannt sein?

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