Über die Natur

Aus: Meyers Konversationslexikon, Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens. Leipzig und Wien. Bibliographisches Institut. 1897.

(lat. Natura, von nasci, entstehen), die uns umgebende Welt in ihren gesetzmäßigen Veränderungen und mit ihrem gesamten Inhalt, namentlich soweit sie dem Einfluß der Menschen noch unverändert gegenübersteht, daher auch im Gegensatz zur Kultur oder Kunst gebraucht. Zur N. gehören alle ursprünglichen, nicht durch die Hand des Menschen veränderten Dinge, die anorganischen Gebilde, Weltkörper und alle Lebewesen, der Mensch nicht ausgenommen, insofern auch die mit ihm vorgehenden Veränderungen von Naturgesetzen abhängen, wie die Statistik so deutlich zeigt. Der Mensch hat aber außer der objektiven Auffassung der Dinge noch eine Auffassung derselben nach subjektiven Ideen. Diese erheben ihn über die N. zur Würdigung des Schönen, des Guten, des Zweckmäßigen. So ist er zwar nicht Bürger zweier Welten, wie man oft gefabelt hat; wohl aber hat er von einer und derselben Welt zwei ganz verschiedene Anschauungsweisen: die natürliche und die religiöse oder ideale. Man spricht von der  f r e i e n  N. im Gegensatz zu den durch überlieferte Anschauungen, politischen Zwang, juristische Satzungen, Verkehr und Willkür eingeengten geselligen und bürgerlichen Verhältnissen, von denen man sich in der freien N. erholt, weil jeder Zwang da aufhört, wo nur unabänderliche, allgemein gültige Naturgesetze, aber keine willkürlichen menschlichen Satzungen herrschen. Die N. eines Dinges ist seine Abhängigkeit vom Naturgesetz in der ihm eigentümlichen Form. So kann man auch von der besonderen N. eines Menschen sprechen, insofern seine ihm vererbte Anlage sich in ihm nach ganz bestimmter gesetzmäßiger Form entwickelt. Diese Anlage nennt man auch  N a t u r e l l  oder  N a t u r a n l a g e. Man spricht in diesem Sinne von der N. bestimmter Dinge und Erscheinungen. Insoweit die Eigentümlichkeit eines Menschen, eines Tieres, einer Pflanze oder irgend eines Körpers überhaupt von den ihrer N. fremden Einflüssen völlig unberührt bleibt, nennt man ihr Wesen  n a t ü r l i c h . Der Gegensatz dazu ist das durch Absicht, Kunst, Erziehung, Dressur etc. Erworbene. Die Erziehung sucht den natürlichen Menschen den Ideen des Guten und Schönen gemäß auszubilden. Man spricht auch von der  s c h ö n e n  N. und deutet damit auf eine ideelle Auffassung der N. hin, die von dem Seelenzustande und Bildungsgrade des Beschauers abhängt. Die Erforschung der Gesetze der N. ist Gegenstand der N a t u r w i s s e n s c h a f t.

Natur – sogar sie lässt sich in unterschiedlichen historischen Phasen verschieden deuten. Eine zeitgemäße Darstellung unseres Naturbegriffs findest du in heutigen Nachschalgewerken.

Nur dies möchte ich noch hinzufügen: Ich mache einen Unterschied zwischen „Wildnis“ und „Natur“. Natur ist alles, auch der kultivierte Schlosspark Nymphenburg mit seinen abgezirkelten Anlagen, doch Wildnis ist für mich nur der ungehobelte Teilbereich in der freien Natur.

Sehr spannend an der freien Natur finde ich, dass sie uns unsere Machtlosigkeit so deutlich wie nichts anderes vor Augen führen kann. Wir können die Natur niemals gänzlich beherrschen. Sie bleibt unser Liebling, wenn sie uns mit herrlichen Gefühlen des Wohlseins überschüttet, aber auch unser Tyrann, wenn sie zum Beispiel einen Sturm willkürlich dort wüten lässt, wo es ihr, aber nicht uns gefällt. Sie zwingt uns in die Knie, aber erzeugt auch viel Schönes, zum Beispiel die Verbundenheit mit uns selbst. Indem wir uns als ein Naturgeschöpf wahrnehmen, müssen wir auch unsere Kultur und die Abhängigkeit von der Zivilisation hinterfragen: Brauchen wir sie immer? Oder hindert sie uns manchmal im Sein-Dürfen und sogar in unserer Weiterentwicklung?

Gerade, weil wilde Natur uns herausfordert, setze ich sie für meine Coachings als Impulsgeber ein.

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