Über die Wildnis

Wildnis hat viele Gesichter. Mein Wildnisgesicht sieht so aus:  Natur, wie sie von sich aus wächst und gedeiht. Mit ihren Bäumen und Pflanzen, Tieren und Insekten, die dazugehören. Mit piksenden Gräsern und mit Wegen, die erst gestampft werden müssen. Mit Sonne, Schatten, Regen und Schnee, so wie es das Wetter mit sich bringt. Ohne ein festes Dach über dem Kopf, wenn ich mir nicht selber aus in dieser Natur vorhandenen Materialien eins gebaut habe.

Wildnis, es gibt sie auch in München an abgelegenen Plätzen im nördlichen Englischen Garten oder in den dichten Isarauen oder im Forstenrieder Park, wo sich der Wanderer oder Radler an Wege hält und nicht mal eben im Dickicht vorbeikommt. Die noch ausgeprägtere Wildnis findet sich natürlich auf dem Land, wo unbewohnte Flächen und größere Wälder Normalität sind. Sie sieht anders aus in südlichen Ländern, wo die Sommerhitze nichts anderes als Pinien, Macchia, Wacholderbüsche und anderes stacheliges Gebüsch gedeihen lässt, wo gelbbraungetrocknete Gräser auf ausgedörrtem Boden das Landschaftsbild bestimmen, wo Eidechsen huschen und auch die ein oder andere Vipernart lebt.

Wildnis im Gebirge setzt eine Ausrüstung voraus, sodass man sich auf unebenen Felsbrocken nicht die Knöchel verstaucht oder sich im Schnee nicht die Füße erfriert, und es braucht ein anderes Gespür für Wetter, einen anderen Umgang mit Sommergewittern oder Höhensonne, als die Wildnis am Meer mit den Gefahren, die dort drohen: Plötzliche Überschwemmung, plötzlich auftretender Sturm oder auch nur Sonneneinstrahlung bei kilometerlangem Sandstrand ohne die Möglichkeit, Material für einen Unterschlupf dagegen zu finden. Wildnis in der Wüste: Kein Wasser, kein Sonnenschutz, außer man beugt gut vor. Im Dschungel sind es die gut getarnten wilden Tiere, die uns ängstigen können und wo wir ohne Wissen um den Umgang mit ihm ebenfalls schnell umkommen können.

Wildnis hat immer mit Gefahr zu tun. Freundlicher ausgedrückt: Mit Abenteuer, also mit Gefahr, der ich mich in der Regel ohne Notwendigkeit aussetze, die aber meine Lebensgeister anregt.

Wildnis hat unter zivilisierten Menschen einen geringen Wert.

Der vielseitige Künstler Jean Dubuffet schreibt dazu über sich selbst.

»Ich meinerseits habe eine hohe Achtung vor den Werten der Wildheit: Instinkt, Leidenschaft, Launenhaftigkeit, Heftigkeit, Raserei«.

Ich schließe mich an.

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